Aus Linux-Magazin 05/2011

Leitfaden für die Wahl nachhaltiger Software

© skyla80, Photocase.com

Überraschende Firmenaufkäufe, kurzatmige Produktpolitik, fallen gelassene Projekte – wem kann man als Open-Source-Anwender oder freier Entwickler in diesen Zeiten noch vertrauen? Ein Leitfaden.

Die Ereignisse, die dieses Magazin zusammengetragen hat, stellen Open Source Software natürlich nicht infrage, sind aber durchaus Besorgnis erregend: Attachmate, eine in Open-Source-Dingen völlig unerfahrene Firma, erwirbt Novell und damit das deutsche Linux-Urgestein Suse, das neben SLES und Open Suse für essenzielle Projekte wie den Linux-Kernel wichtige Beiträge leistet. Ob nach dem Vereinigungsprozess eine Erfolgsstory einsetzt, so wie zurzeit eine Mehrheit in Nürnberg glaubt? Kann man Unternehmern heute empfehlen, ein Business aufzubauen, das in zehn Jahren noch funktionieren soll und eng auf einer Suse-Distribution aufbaut?

Wie Nokias harter Schwenk hin zu Microsoft aus Linux-Sicht zu bewerten ist, erscheint dagegen klar: Der noch größte Mobilfunk-Konzern der Welt kickt sein Handy-Linux aus dem Portfolio. Was mit Qt passiert, immerhin die untrennbare Unterlage für KDE, bleibt mindestens unklar – ein Entzug der finanziellen Basis ist nicht ausgeschlossen. Wer traut sich heute einem Team zu empfehlen, mit der Entwicklung einer komplexen Software zu beginnen, die Qt als Basis hat?

Oder eben Oracle: Wie wird das Datenbank-Imperium mit dem Adoptivkind MySQL auf Dauer umgehen, das als Kollateralschaden im Zuge der Sun-Übernahme ins Haus gekommen ist?

Ein schlechtes Vorbild gibt auch die neue IT-Leitung des Außenamts in Berlin: Linux und Open Office raus, Windows und MS Office rein. Für die Akzeptanz freier Software in Verwaltungen jedenfalls ist das ein Rückschlag erster Güte.

Abbildung 1: Einige gemeinnützige Stiftungen, die die Förderung und den Erhalt von Open Source garantieren. Die Linux Foundation zum Beispiel schützt und standardisiert Linux.

Abbildung 1: Einige gemeinnützige Stiftungen, die die Förderung und den Erhalt von Open Source garantieren. Die Linux Foundation zum Beispiel schützt und standardisiert Linux.

Angestellte Linux-Entwickler

Dass abhängig Beschäftigte nicht allein des Geldes wegen arbeiten, ist eine Binsenweisheit. Ein Software-Entwickler schafft jeden Tag Code, von dem er hofft, dass jemand ihn tatsächlich benutzt. Die Bestätigung, etwas für andere Sinnvolles geschaffen zu haben, ist – jenseits materieller Anerkennung – für uns Menschen als soziale Wesen wichtig. Entsprechend bestürzt sind viele Entwickler, wenn ihr Arbeitgeber das Softwareprodukt einstampft, an dem sie lange gearbeitet haben.

Entwickler proprietärer Produkte können gegen die Amputation ihrer geleisteten geistigen Arbeit wenig ausrichten. Zwar besitzen sie das Urheberrecht an ihrem Code, das juristisch wichtigere Verwertungsrecht liegt aber beim Arbeitgeber. Anders bei freier Software: Hier darf jeder den eigenen Code und den von Kollegen diskriminierungsfrei verwenden, damit eine Community gründen oder den Quelltext in andere Projekt einbringen, ohne dass ihm jemand einen Strick daraus dreht.

Das liefert selbst für Leuten in firmenpolitisch misslicher Lage Grund für Optimismus. So resümierte erst vor wenigen Tagen ein Nokia-Angestellter, der seinen Namen nicht in der Presse lesen möchte, gegenüber dem Linux-Magazin: “Es ist gut zu sehen, wie viele Möglichkeiten ein Linux-Entwickler hat. Durch die Arbeit an Maemo haben wir ganz schön Druck auf die Open-Source-Strategie einiger Firmen ausgeübt. Letztendlich sind viele unserer Beiträge in den Upstream-Projekten gelandet – es bleibt also das Meiste von unserer Arbeit erhalten.”

Wo bleibt das Positive?

Rückschläge haben ja oft etwas Positives – welche Lehren können Anwender und Entwickler freier Software aus den Tendenzen ziehen? Zuvörderst: Der “Nachfrager” von Open-Source-Software ist nicht automatisch sicherer vor überraschenden Strategiewechseln und Ausfällen der Anbieter als bei proprietären Produkten. Darum Augen auf bei der Anbieterwahl, wer sich an Projekte oder Firmen bindet! Simples Beispiel Linux-Distribution: Alle Server oder Clients in einem Unternehmen mit einer Distribution auszustatten, ist oft eine gute Idee, weil es Wartungsaufwände reduziert. Nur welche?

Angesichts der gewonnen Erkenntnisse darf man die Frage nicht nur technisch betrachten. Wegen der Investitionssicherheit sollten in die Wahl prognostische Überlegungen einfließen, zumal wenn der Anwender oder sein Dienstleister die künftige Linux-Distribution umfangreich anzupassen gedenkt. Fällt der Distributionshersteller über kurz oder lang aus, wäre der getätigte Aufwand verloren.

Zum Glück ist die Auswahl bei freier Software meist groß – im Beispiel Distributionen ist das im hohen Maße gegeben. Zuerst schaut man, ob es sich um ein reines Firmenprodukt handelt, ein rein communitygetriebenes oder eine Mischform. Ein klassisches kommerzielles Open-Source-Produkt unterliegt naturgemäß der Gefahr, dass die dahinterstehende Firma ihre Produktpolitik kurzfristig ändert oder sie Gegenstand einer Übernahme wird – ganz so, wie es bei jedem proprietären Hersteller der Fall ist. Um die Ernsthaftigkeit für nachhaltige Produkte zu beurteilen, hilft ein Blick auf Firmen- und Produktgeschichte, Rechtsform und Besitzerstruktur.

Einziger, aber sehr nennenswerter Vorteil im Krisenfall: Jeder darf freien Quellcode an sich nehmen, um ihn notfalls selbst weiterzupflegen oder einen Dritten dazu beauftragen. Vorsicht bei dual lizensierten Produkten [1], bei denen der kommerzielle Ast auch proprietäre Komponenten beinhaltet: Wer die zwingend benötigt, hat bei Wegfall des Anbieters weder das Recht noch die Möglichkeit, die betreffenden Teile weiterzupflegen.

Rettungsboot Community

Für den Investititonsschutz günstiger sind firmengetriebene Projekte, die zusätzlich eine freie Community aufgebaut haben wie Ubuntu. Dann werden wahrscheinlich bei Wegfall der Firma – im Beispiel Canonical – die sowieso unentgeltlich tätigen Entwickler das Projekt eigenständig fortführen, schlimmstenfalls unter neuem Namen, falls der Besitzer den alten nicht hergibt. Beispiele für solche geglückten Übernahmen gibt es genügend – sehr zur Erleichterung der Anwender. Dies zeigt greifbar den Vorteil freier Software.

Es ist zudem ein sehr gutes Vorzeichen, wenn ohne Not zu einem Open-Source-Unternehmen derivate Firmen und Projekte auftauchen – Beispiel: Red Hat, an dem sich Centos, wenn man so will, parasitär ernährt. Das Interesse spricht dafür, dass falls nötig, agile Erben einspringen.

Stiften gehen

Dass unklare Zukunftsaussichten für Kunden ein Investitionshindernis darstellen, ist bei Open-Source-Anbietern als Botschaft angekommen. Als Antwort haben sie eine nennenswerte Anzahl Stiftungen gegründet. Die halten nicht nur die Namensrechte, sondern koordinieren zudem die Entwicklung und die freie Community. Der Rechtsartikel ab Seite 84 erklärt die juristische Seite.

Als genauso investitionssicher wie Stiftungen erweisen sich lupenreine Freiwilligen-Projekte. Da sie ökonomisch ungebunden arbeiten, betrachten sie Veröffentlichungszyklen und Softwarefeatures nicht unter dem Druck der Konkurrenz, sondern sachbezogen. Auch zeigt sich, dass die Codequalität trotz nicht-industrieller und örtlich verteilter Zusammenarbeit nicht schlechter ist als in konventionellen Entwicklungsabteilungen.

Zwar können auch freie Projekte ihren Fortbestand nicht garantieren. Das Alter des Projekts, die Mitgliederzahl und die Frequenz der Codebeiträge liefern zuverlässige Hinweise, um das Ausfallrisiko abzuschätzen – Open-Source-typischer Transparenz sei Dank.

Infos

  1. Joel West, “Unternehmen zwischen Offenheit und Profitstreben” (aus dem Englischen von Nadja Schüler): http://www.opensourcejahrbuch.de/download/jb2008/west-unternehmen.pdf
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