Ein bisschen nuttig ist das schon, wenn sich einer für Geld anbietet. So wie Novell. Im März 2010 wollte die US-Investmentgesellschaft Elliott Associates schon zugreifen, allein der Freier bot nicht genug. Zwischenzeitlich galt SAP als interessiert. Im Oktober noch meinten viele Suse-Mitarbeiter, Novell würde den Linux-Zweig separat veräußern, und hielten das für eine gute Idee. Nun übernimmt Attachmate das ganze Etablissement. Acht Monate hatte das US-Softwarehaus die Offerte geprüft und kam offenbar zum Schluss, dass die alte Dame Novell sauber ist.
Die Open-Source-Szene beäugte die Suche nach Freiern argwöhnisch. Jetzt, wo tatsächlich einer zugreift, gilt die Sorge der Finanzierung von Open Suse und Teilen des Kernels. Das Attachmate-Management versucht die Bedenken zu zerstreuen – ein durchschaubares Manöver: Niemand kann wissen, ob ein oder zwei Jahre nach dem Vereinigungsakt das Rosenbett nicht zum Fakirbrett mutiert.
Für Analysen eignet sich die Vergangenheit besser, zumal es genug aufzuarbeiten gibt. Wie verzweifelt bitte muss das oberste Management eines Unternehmens eigentlich sein, um es mit prall gefüllter Kriegskasse auf den Bordstein zu schicken? Ist das nicht das Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit?
Wer solche Fragen nicht rhetorisch stellt, sondern ernsthaft, kommt einem perfiden Mechanismus auf die Spur: Die Vorstände, die sich, um im Bild zu bleiben, als Zuhälter betätigen, sind Täter und Opfer zugleich. Fast immer in solchen Fällen bieten sie nicht aus freien Stücken ihr Unternehmen feil, sondern auf Druck der Investoren im Hintergrund. Die wollen Rendite sehen. Da haben wir die Schuldigen: Schimpfen wir sie Renditehaie, Heuschrecken, Boni-Getriebene…
Doch ach: Wer dem Weg des Geldes folgt, stellt fest, dass auch die Fondsmanager, der Risikokapitalgeber, die Investmentexpertin einer Versicherungsgesellschaft nicht aus eigenem Antrieb handeln. Sie vermehren ja nicht eigenes Geld, sondern die Mittel von Kunden. Die Antreiber sind selbst Getriebene. Dem Weg des großen Geldes folgend, müssten nun endlich die kaltschnäuzigen Alphatiere der perfiden Rendite-Nahrungskette in Sicht kommen. Wer sind die, die den Fondsmanager zu Maximalleistungen antreiben, die Vorstände von börsennotierten Konzernen auf den Übernahme-Strich schicken, deren Angestellte in Zukunftsangst versetzen? Wer ist das?
Wir alle. Wir, die wir eine Lebensversicherung haben. Wir mit den monatlichen Fondssparplänen. Wir Bausparer und Was-fürs-Studium-der-Kinder-Zurückleger. Darunter der Suse-Entwickler und der Novell-Manager. Die Nahrungskette schließt sich hier zu ein Kreislauf. In der einen Richtung rotiert das Geld, in der anderen ein gnadenloser Erwartungsdruck. Den Takt der Pumpstation geben die Bilanztermine der börsennotierten Firmen vor.
Das moralisch Vertrackte daran: Jedes Kettenglied ist Täter und Opfer zugleich. Und wie nennt man das, wenn sich wie hier kels in Schuldiger findet? Genau: systemisch. Wer dieses sozio-ökonomische Naturgesetz nicht mag, muss auf die Ankunft eines allmächtigen Mäzenen hoffen, der mit mildtätigen Milliarden den von Rendite getriebenen Kreislauf zum Erliegen bringt und zugleich den Druck aus dem System ablässt – gewissermaßen die ökonomische Prostitution abschafft. Bis zum Eintreffen der solventen Lichtgestalt können zumindest Suse-Leute etwas Unsystemisches tun: Linux-Software schreiben und mildtätig verschenken.







