Aus Linux-Magazin 09/2011

Drei Bücher über Wikileaks

Das Enthüllungsprojekt Wikileaks lehnt sich nicht nur mit dem Namen an freie Software an: Sein Hintergrund in der Hackerszene und das Streben nach Offenheit haben ihm Sympathien in der Open-Source-Welt eingebracht. Das Linux-Magazin bespricht drei sehr unterschiedliche Bücher über das Phänomen Wikileaks.

Die Whistleblower-Website Wikileaks hat es in die Schlagzeilen der politischen Nachrichten gebracht. Da verwundert es nicht, dass neben anderen auch die Spiegel-Redakteure Marcel Rosenbach und Holger Stark dem Thema ein eigenes Buch widmen. Trotz des plakativen Titels “Staatsfeind Wikileaks” legen die Autoren einen ebenso sachlichen wie anspruchsvollen Informationstext vor.

Auf der Weltbühne

Sie steigen im Jahr 2010 ein, in dem Wikileaks nach ihrer Meinung die “Bühne der Weltpolitik” betrat. Das Buch entstand mit mehreren Dutzend Spiegel-Redakteuren im Rücken. Wer sich von der geballten Manpower des Nachrichtenmagazins eine relevante und gut lesbare Analyse erhofft, wird nicht enttäuscht. Die Autoren beschreiben Wikileaks aus politischer Perspektive. Nur an wenigen Stellen gehen sie vage auf computertechnische Hintergründe ein.

Sie lassen auch Distanz zum verschwörungstheoretischen Humus des Projekts erkennen, zeigen sich aber von der Ausstrahlung des Gründers Julian Assange beeindruckt. Ihn umwehe “ein Hauch von Geschichte”, finden sie, bescheinigen ihm aber auch “Hybris”. Die Biographie und Ideengeschichte des leitenden Wikileaks-Aktivisten trägt ein eigenes Kapitel zusammen. Auch der mutmaßlichen Wikileaks-Quelle Bradley Manning und dem unglücklichen Verrat durch den Ex-Hacker Adrian Lamo widmen die Autoren ein Kapitel. Der Rest des Buches zeichnet erschöpfend die Entstehung und politischen Kontexte der verschiedenen Scoops nach: vom BND über Julius Bär und Steve Jobs bis hin zum Collateral-Murder-Video, den Kriegstagebüchern und Diplomaten-Depeschen.

Die Darstellungen enthalten wissenswerte Details wie die, dass Wikileaks vermutlich mit gestohlenen Datenbeständen in die Gründungsphase ging und dass das Wikileaks-Konzept während aller Phasen auch prominente Kritiker hatte. Auch den Umgang der Medien mit Wikileaks thematisieren die Autoren.

Wer wissen möchte, was es mit Wikileaks und den bisherigen Enthüllungen auf sich hat, erhält für dieses Buch einen Lesebefehl. Es bleibt so objektiv wie möglich und ist doch so spannend, dass man bis in die frühen Morgenstunden weiterlesen möchte. In die Entwicklungsprozesse und Konflikte innerhalb des Projekts vermittelt es aber kaum Einblick.

Info

Marcel Rosenbach, Holger Stark:

Staatsfeind WikiLeaks

DVA/Spiegel-Verlag, 2011

336 Seiten

15 Euro

ISBN 978-3-421-04518-8

Wikileaks hautnah

Ein Mann und seine Geschichte – dieses Konzept liegt dem Buch “Inside Wikileaks” von Daniel Domscheit-Berg zu Grunde. Der Verfasser stieß 2007 zu Wikileaks. Später bekleidete er das Amt des Pressesprechers, arbeitete zunächst aber auch als Fundraiser, Hardware-Beschaffer, Planer und Organisator.

Wer aufgrund der vorbemerkenden Sätze des Autors wie “Bei Wikileaks erfuhr ich hautnah, dass Macht und Geheimhaltung schleichend korrumpieren” eine verbitterte Abrechnung erwartet, wird staunen: Der Autor schafft das Kunststück, seinen Konflikt mit Julian Assange neben sachliche Schilderungen zu stellen, die zeigen, wie Wikileaks zwischen 2007 bis 2011 funktionierte. Handwerkliche Hilfe leistete die Journalistin Tina Klopp, die die Geschichte aufgeschrieben hat. Das Buch lässt sich, einmal angefangen, schwer wieder aus der Hand legen.

Ein dramatischer Prolog dokumentiert die letzten Minuten einer Freundschaft, doch dem Erzähler entfahren auch begeisterte Ausrufe wie: “Ich habe so verdammt viel erlebt!” Im Hauptteil entfalten sich dann nicht nur Bilder einer keimenden, blühenden und schließlich zermalmten Kameradschaft, sondern auch die Erlebnisse und Beobachtungen eines Aktivisten im innersten Wikileaks-Zirkel.

Er würdigt außerdem Begleiter des Projekts wie zum Beispiel den Chaos Computer Club. Daneben erklärt der Autor, warum er sich während der Irak-Leaks trotz “Suspendierung” vom Projekt Zugang zu Wikileaks-Servern verschafft hatte, und begründet, wieso verschiedene Projektmitglieder begannen, Wikileaks kritisch zu sehen.

Durch die offenkundige persönliche Nähe zu Assange – “Julian und ich” sind oft die Handelnden – erfährt der Leser über Julian Assange fast genauso viel wie über den Erzähler. Teilweise nimmt das fast voyeuristische Züge an – zwar stets bemüht fair zu bleiben, teilweise jedoch mit fragwürdigem Motiv, etwa wenn der Autor Assanges “Beuteschema” bei Frauen analysiert. Meist erstaunt geradezu die Gelassenheit des Erzählers, doch als es um den Rummel nach der Depeschen-Veröffentlichung geht, kann auch Domscheit-Berg sich hämische Bemerkungen über Assanges “neue Freunde” nicht verkneifen.

Das Buch endet mit Assanges Verhaftung und Domscheit-Bergs Aufbruch zu dem neuen Projekt Openleaks. Das Buch rechnet nicht ab. Es erzählt einfach, wie Daniel Domscheit-Berg seine Wikileaks-Jahre erlebt hat. Er scheint bei aller Entfremdung und Diskrepanz zur Entwicklung von Wikileaks seinem ehemaligen Freund eine offene Hand hinzustrecken – erstaunlich.

Info

Daniel Domscheit-Berg, Tina Klopp:

Inside WikiLeaks

Econ, 2011

304 Seiten

18 Euro

ISBN 978-3-430-20121-6

Unter Hackern

“Underground” unterscheidet sich stark von den beiden anderen vorgestellten Büchern. Die Verfasser erzählen eine techniknahe Hacker-Kulturgeschichte der späten 1980er und frühen 1990er Jahre aus der Perspektive der Protagonisten samt betroffenen Administratoren und Strafverfolgern. Mit Wikileaks hat das wenig zu tun – auch wenn sich die Hauptautorin in ihren Geleitworten bemüht, einen fast schon apologetischen Zusammenhang herzustellen. Dabei hat das Buch dies gar nicht nötig: Die authentischen Handlungs- und Empfindungsbeschreibungen sowie die detaillierten technischen Hintergründe sind die zentrale Leistung des Buches, die schwer zu überbieten ist.

Vor dem geistigen Auge des Lesers stürmt die Polizei wie in Echtzeit eine Wohnung. Zusammen mit dem Protagonisten fühlt er sich an anderer Stelle auf einem fremden Rechner plötzlich beobachtet. Und atemlos glauben der Leser und zwei Hacker-Freunde die von einem Guru geklaute Sicherheitssoftware doch wieder verloren. Viel Charme liegt in der weitgehend persönlichen, dramatischen Erzählperspektive: Der Leser durchlebt das beginnende Internetzeitalter in der Haut einer Handvoll Pioniere.

Wie nebenbei erfährt er auf sachlicher Ebene auch die minutiös recherchierte Geschichte des WANK-Wurms samt Analyse durch die Nasa. Er lernt etwas über Verbreitung und Funktionsweise des X.25-Protokolls, über die damals aufkommenden Bulletin Boards alias Mailboxen, über Phreaking-Technologie, über das Betriebssystem VMS von Dec für Vax-Rechner, über historische Systemeinbruch-Methoden und Beziehungsgeflechte in Australien, USA, Großbritannien und Deutschland. Auf Wikileaks beziehen sich nur die 2011 geschriebenen Einleitungs- und Schlussworte der Hauptautorin. Julian Assange dient als Quelle und Informationsbeschaffer für den bereits 1997 erschienenen Hauptteil des Buches. Die Neuauflage 2011 holt ihn erstmals als Mitautor auf den Titel, wohl zur Verkaufsförderung.

Wer vor allem etwas über Wikileaks erfahren möchte, braucht dieses Buch nicht zu lesen. Wer mehr über den Interpretationshintergrund des Enthüllungsprojekts und die frühen Hacker-Jahre von Julian Assange erfahren möchte, wird indirekt fündig. Wegen der fehlenden klaren Bekennerschaft Assanges zum Pseudonym Mendax und wegen der Mitte der 1990er Jahre abbrechenden Erzählung darf er jedoch keine restlose Aufklärung bezüglich Wikileaks erwarten. Und er sollte bei den Geleitworten streckenweise den Ideologiefilter aktivieren.

Info

Suelette Dreyfus, Julian Assange:

Underground

Haffmans & Tolkemitt, 2011

604 Seiten

25 Euro

ISBN 978-3-942989-00-8

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