Muss man Linux unbedingt auf Architekturen “jenseits von Intel” vorantreiben? Werfen Analysten deshalb IBM zu Recht Halbherzigkeit vor? Alles halb so wild, konsistente Middleware ist entscheidender als Betriebssystem-Differenzen – und Linux ist schließlich auch nur ein Unix.
Vier Millionen Menschen in Deutschland können nicht richtig lesen. Analysten aber können es, vor allem im Kaffeesatz. Bill Claybrook, Research Director der Bostoner Aberdeen Group, betreibt diese Art der Analyse gründlich und sein Rezept, so scheint es, hat ebenso wie bei der Sicherheits-Studie im Herbst 2002 wieder einmal zuverlässig funktioniert: Marktforscher bringen sich mit gewagten Thesen gekonnt in die Schlagzeilen und ein Großteil der Journaille schreibt dankbar ab.
Claybrook sieht in seiner Studie “An Assessment of IBM’s Enterprise Linux Strategy” bei Big Blue in Sachen Linux mehr Schein als Sein. So gäbe es heute mittels Linux und darauf aufsetzender Software kaum Durchgängigkeit über die vier Hardwareplattformen der IBM. Auch bemängelt er, dass IBMs Crossplattform-Portfolio an Middleware gegenwärtig nicht auf allen Plattformen flächendeckend verfügbar ist und es in etlichen Fällen wohl auch nie werden wird. Aus der Traum also vom Plattform-übergreifenden Angebot, denn jenseits von Intel mache die Linux-Veranstaltung weder für IBM noch für deren Kunden sonderlich viel Sinn.
Die Kritik wäre berechtigt, wenn jede der vier Hardwareplattformen für jede Anwendung gleichermaßen geeignet wäre, wenn sie überdies in allen Marktsegmenten etwa gleiche Marktanteile hätten und wenn es keine spezifischen Stärken und Schwächen jeder einzelnen Rechnerfamilie gäbe. Doch welchen Sinn macht es eigentlich, Systeme wie die AS/400 (iSeries) rundum zu verlinuxen, obwohl das Ende ihres Lebenszyklus für jedermann sichtbar ist? Und welche Weisheit liegt darin, dem Kunden für irgendeine Plattform bestimmte aufgabenspezifische Werkzeuge anzubieten, obwohl diese Plattform für die betreffende Aufgabe bestenfalls dritte Wahl ist? Selbstverständlich kann man auch mit einer Kamera Nägel in Rigipswände schlagen, um Familienfotos daran aufzuhängen, doch auf die Idee, das Kameragehäuse für diesen Zweck zu verstärken, kämen wohl nur Analysten.
Homogenität als Marketing-Gag
Die Plattform-übergreifende Homogenität durch Linux ist ein cleveres Marketingargument und gehört kritisch hinterfragt. Bei genauem Hinsehen ist aber gar nicht Linux die Wunderwaffe, der wahre Kern der Dinge liegt für den Anwender meist eine Betrachtungsebene höher. Wenn es um Server-Middleware geht, für die der Quellcode nicht nur verfügbar, sondern bereits portiert worden ist, kann es dem Kunden ziemlich gleichgültig sein, ob sein Sendmail oder sein Apache mit PHP und Perl unter Linux läuft, unter AIX oder Solaris. Und der Prozessor interessiert dabei schon gar nicht. Durchgängigkeit und Plattform-Unabhängigkeit spielen sich ganz eindeutig oberhalb der Betriebssystemebene ab, wenngleich Unix oder Linux als stabile Plattform nicht schaden.
Wie Bedenkenträgerei wirkt auch die Warnung der Aberdeen Group vor der nicht-durchgängigen Verfügbarkeit der Red-Hat-, SuSE- und Turbolinux-Distributionen für das gesamte IBM-Hardwarespektrum. Das trifft zwar zu, doch letztlich ist der Unterschied zwischen zwei Releases desselben Herstellers mitunter größer als der Unterschied zwischen zeitgleich erscheinenden Konkurrenz-Distributionen. Wer für seine Plattform kein Linux A bekommt, der nimmt eben Linux B. Niemand muss die Führerscheinprüfung erneut ablegen, nur weil er von einem Coup? mit Schiebedach auf ein Cabrio umsteigt.
Wenn Peter Kastner, Chief Research Fellow bei Aberdeen, zu bedenken gibt, jeder IT-Verantwortliche müsse überlegen, wie inhomogen Linux denn innerhalb des Unternehmens sein dürfe, so hat er zunächst einmal grundsätzlich Recht. Gleichzeitig muss er sich aber fragen lassen, wie weit er denn mit der täglichen IT-Praxis vertraut ist, um derartige Maßstäbe für Homogenität anzulegen. Wie homogen ist die Landschaft denn noch, wenn SuSE 8.0 auf dem einen Intel-PC von DVD installiert und danach in diesem Zustand belassen wurde, während der andere PC auf dem Schreibtisch nebenan die jeweils neuesten Updates für 8.0 von SuSEs FTP-Server erfuhr?
IBM von SuSE abhängig oder umgekehrt?
In einem Interview mit Advisor.com sorgt sich Kastner um IBMs Abhängigkeit von Linux-Distributoren wie Red Hat, SuSE, SCO und Turbolinux, wenn es gilt, Plattform-übergreifende Linux-Durchgängigkeit herzustellen. Dass eher umgekehrt der Gigant die Distributoren mit sanftem Nachdruck auf den Pfad der Tugend bringen könnte, kommt ihm nicht in den Sinn. Die IBM-Beteiligung bei SuSE spricht indes Bände und der eine oder andere Fortschritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden der Linux-WG mag damit zusammenhängen.
Eher greift da die Kritik, weder Fremdsoftware noch IBM-Middleware seien flächendeckend für den kompletten IBM-Hardwarezoo verfügbar. Doch wie immer lohnt auch hier ein Blick hinter die Kulissen. Die Frage, auf welches der vier IBM-Linuxe ISVs denn ihre Software zuerst oder überhaupt portieren sollen, ist aus Sicht dieser Hersteller schnell beantwortet: Natürlich auf die Plattform, die für den Anwendungszweck am besten geeignet ist, die kein toter Gaul und die im betreffenden Anwendungsgebiet oder in der Zielbranche hinreichend verbreitet ist. Nach einer Portierung auf diese Plattform stellt dann die Portierung auf die anderen Linuxe ohnehin keine große Herausforderung mehr dar, sofern die Software auch nur halbwegs vernünftig geschrieben ist.
Kein Platz für Bruderkriege
Die von Analysten wie Journalisten mitunter geliebten Betriebssystem-Kriege finden schlichtweg nicht statt. Gerade bei AIX und Linux ist vielmehr ein Verschmelzungsprozess im Gange, der letztlich auf eine sanfte Zusammenführung beider Linien hinausläuft, ähnlich wie er vor mehr als einem Jahrzehnt zwischen Berkeley- und AT&T-Unix stattgefunden hat. Dass Linux für IBM “der logische Nachfolger” ist, bekräftigte Ende Januar 2003 auch Steve Mills, Senior Vice President der IBM Software Group, doch Linux werde “nicht über Nacht die Rolle von AIX einnehmen”.
Das ist auch gar nicht nötig, denn Linux und AIX sind schließlich Angehörige des gleichen Clans: Unix ist der Familienname, AIX und Linux sind die Vornamen und zwischen den Brüdern geht es denn auch zu wie im richtigen Leben. Mal streitet man sich, aber sehr viel häufiger schreibt man bei den Hausaufgaben voneinander ab, weil’s eben Zeit spart. Und was am Ende dabei herauskommen wird, ist ein erfolgreiches Familienunternehmen, das unter einem einzigen Namen firmiert. Oder erinnert sich etwa in der Fliegerei noch jemand an die Vornamen der Gebrüder Wright?
Und die Moral aus der Claybrookschen IBM-Studie? Die Vita des Mannes offenbart einen beneidenswerten Hintergrund, der das Gros der Analysten ziemlich alt aussehen lässt. Doch hier hat er womöglich seinen Namen allzu bereitwillig unter das gesetzt, was ihm weniger begnadete Mitarbeiter zugearbeitet haben. Dass solche Studien zudem nicht aus purer Langeweile, sondern gegen Bares erstellt werden, dürfte zudem auch kaum überraschen. (uwo)
Der Autor |
Eitel Dignatz ist Unternehmensberater und der Inhaber von Dignatz Consulting in München: [www.dignatz.de/spot333] |
Eitel Dignatz (Aufmacherbild: John Grabhill/www.vispix.com)






