Aus Linux-Magazin 08/2011

Welchen Systemen der Admin das neue Protokoll verabreichen sollte

Admins sollten sich nicht vom Virus der angeblichen Knappheit an IPv4-Adressen infizieren lassen: Europa hat noch genug davon. Einzelne Rechner aber, etwa solche, die Benutzer aus Asien anziehen, darf und sollte man fit machen für den Dual-Stack-Betrieb.

Actionkino-Fans kennen Zeitbomben als klassisches Genre-Element: Die perfide Maschine zählt rückwärts, und zwingt den Helden zu einer Entscheidung – den roten Draht durchschneiden? Oder doch den blauen? Abwarten ist keine Option und bedeutet den sicheren Untergang. Nach dem Prinzip des Countdowns funktionierten auch die kleinen Webapplikationen, welche die weltweit noch unzugeteilten IPv4-Adressen herunterzählten. Selbst zahlentechnisch wenig Bemittelte konnten sehen, die Dinger gehen zügig zur Neige. Der Held muss handeln – abzuwarten ist keine Option und bedeutet den sicheren Untergang.

Seit 3. Februar 2011 stehen die Zähler nun auf Null, und seltsamerweise ist das Internet nicht implodiert. Das liegt ein bisschen daran, dass die Verknappung der Adressen erstmal nur die Zugangsprovider und Hoster trifft, und im Falle der amerikanischen und europäischen horten diese noch große Bestände freier Adressen. Allein die US-Amerikaner (Provider und Telkos, Institionen und wahrlich nicht zuletzt das Militär) sitzen auf rund der Hälfte des IPv4-Pools. Gekniffen sind viele asiatische Firmen, die von Anfang angesichts der Bevölkerungszahl zu wenige Adressen abbekommen haben.

Was bedeutet nun der abgelaufene IPv4-Countdown für einen europäischen Admin? Erstmal erstaunlich wenig. Dass ihm ein Hoster keine dedizierten Server mit IPv4 mehr vermieten kann oder ein ISP die IPv4-Gatewayadresse des Uplinks abschaltet, braucht niemand zu befürchten. Wenn der Branche die Adressen wirklich auszugehen drohen, wird man das Jahre vorher am Preis merken. Ein Mehr an Rechnern im eigenen Netzwerk oder verursacht durch Mobilgeräte lässt sich mit NAT locker wegstecken.

Der Admin-Filmheld weiß nun, dass er im Moment weder einen roten noch einen blauen Draht durchschneiden muss, um zu überleben. Wer trotzdem seine ganze IT mit IPv6 per Dual-Stack aufrüstet und letztlich das DNS entscheiden lässt, ob der User einen entfernten Dienst per IPv4 oder v6 kontaktiert, gewinnt funktional nichts – außer, dass er einige Server in Asien erreicht, die keine IPv4-Adresse mehr abbekommen haben.

Augen auf beim Planen

Mit der Modernisierung fängt sich der Admin jedoch eine Menge Probleme ein:

  • Er braucht IPv6-fähige Router und Switches. Wichtig: Per Firmware-Update dazu gemachten Geräten fehlt für IPv6-Pakete häufig die Hardwarebeschleunigung, was dramatische Einbrüche beim Datendurchsatz zur Folge hat.
  • Er braucht eine zweite Firewall, weil IPv6-Pakete eine IPv4-Firewall ungerührt passieren (siehe Security-Artikel hier im Schwerpunkt).
  • Mit kurzen und langen Adressen müssen zudem Intrusion Detection Systeme, vielleicht auch Log- und Directoryserver, Netzwerkdrucker und so weiter klarkommen.

Ein paar Vorteile bringt IPv6 doch – das sei nicht verschwiegen. Abgesehen vom verschwenderisch großen Adressumfang, sind die Paketheader strukturierter und besser parsebar aufgebaut und kommen mit optionalen Feldern gut klar. Auch an die Möglichkeit des Priorisierens der Pakete haben die IPv6-Entwickler gedacht. In der Praxis schickt zwar die Mehrheit der Absender derzeit ihre Pakete hochprior auf den Weg. In Zukunft könnten Betriebssysteme, aber auch Provider, die Daten je nach Inhalt auch anders taggen. Je nach Absicht droht hier aber auch Einstieg in den Ausstieg der so genannten Netzneutralität.

Der Schwerpunkt dieses Magazin führt Admins an den Punkt, wo sie verstehen, welche Systeme sie heute auf Dual-Stack umstellen können und was ihnen das von Fall zu Fall bringt.

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