Mark Shuttleworth hat eine Vision: 200 Millionen Nutzer sollen binnen vier Jahren Ubuntu einsetzen. Ausgabe 11.04 mit dem eigenwilligen Unity-Desktop gilt als Startschuss für die ambitionierte Akquise. Der Entwicklergemeinschaft verordnet er Disziplin.
Ubuntu-Gründer Mark Shuttleworth will bei der Entwicklung freier Software nicht länger nur auf innere architektonische Werte und Leistungsfähigkeit setzen, sondern den Nutzer mit Usability und Design ködern [1]. Immerhin bedarf es auch einer schwer zu beziffernden Schar von weit über 100 Millionen Windows-Wechslern, um die 200 Millionen vollzumachen.
Fundierte Usability-Tests, ein offenes Ohr für Nutzerfeedback und besonders ein diszipliniertes Design bestimmen das von Shuttleworth als zukunftsfähig betrachtete Entwicklungsmodell. Der Einsatz des sichtbaren Elements der neuen Linie, des Unity-Desktops, der Konvergenz verspricht, und die Tauglichkeit in diversen Geräteklassen von Tablet über Netbook bis Workstation zeichnen ihn als mutigen Strategen aus. Als Mann der Community eher weniger. Mit der Abfuhr für die Gnome-Shell zugunsten des Eigengewächses Unity hat er wohl die meisten Gnome-Entwickler vergrätzt.
Beim Ubuntu Developer Summit in Budapest bedankte sich Shuttleworth deshalb kurz nach den Start von Ubuntu 11.04 nach allen Entwickler-Seiten hin, aber nicht ohne in seiner Keynote [2] sein Regelwerk für den Griff nach den Sternen noch einmal in die Köpfe einzubrennen.
Der Fokus liege klar auf dem Benutzer, so Shuttleworth. Beteiligung sei erwünscht, aber nur von Leuten, die den Canonical-/Ubuntu-Codex schätzen. Kompetente Entscheidungen zählen dazu und die Akzeptanz, dass gestandene Fachleute Entscheidungen fällen. Ubuntu sei kein Spielplatz, schickt der Südafrikaner hinterher.
Rückfall
Mit Anleihen von Windows hier und Apples Mac OS X dort und der ungebremsten Schaffenskraft der Community befährt Ubuntu 11.04 neue Gewässer – mit Gnome und einer Unity-2-D-Version als Rettungsanker an Bord. Die Rückzugsmöglichkeit – wie Unity selbst – basiert übrigens auf Gnome 2.32, weil es nicht ohne Weiteres möglich war, Gnomes Unterbau vom Desktop zu trennen. Von Unity zum klassischen Gnome-Desktop führt der Weg über die Abmeldung vom Desktop und die Auswahl von Gnome im Login-Manager. Erst in der nächsten Ubuntu-Version soll Gnome 3 folgen, dann aber ohne die grafische Oberfläche Gnome Shell.
Wer einen unverfänglichen Eindruck von Gnome 3 unter Natty Narwhal bekommen will, findet in Virtualbox 4.0.8 [3] einen Helfer, der die anfänglichen 3-D-Holperer inzwischen in den Griff bekommen hat. Das Gnome-Team stellt Pakete bereit, mit denen sich Gnome 3 unter Ubuntu 11.04 virtualisiert testen lässt, wohlgemerkt nur Ubuntu 11.04.
Zu den aus Zeitmangel verbliebenen Baustellen zählt das Multitouch-Framework, das noch nicht auf dem geplanten Stand ist. Im X-Server, der in Ubuntu 11.04 in Version 1.10 vorliegt, gibt es jedoch rudimentäre Unterstützung für die X-Erweiterung Xinput 2.1.
Harte Zeiten
Unity setzt zum reibungslosen Betrieb eine funktionierende 3-D-Beschleunigung voraus und läuft den von den Entwicklern formulierten Hardware-Anforderungen [4] gemäß auf Rechnern, die ATI- oder Nvidia-Grafikkarten aus den letzten fünf Jahren verwenden. Bei integrierten Grafikchips von Intel (ab GMA 950) gilt grob das gleiche Verfallsdatum. Open GL 1.4 oder höher ist Pflicht.
Als Live-CD eingesetzt prüft Natty, ob ein System die Unity-Anforderungen erfüllt. Dazu ruft Ubuntu 11.04 schon beim Booten das Hilfsprogramm »/usr/lib/nux/unity_support_test -p« auf, und der Nutzer landet – abhängig vom Ergebnis – auf dem passenden Desktop. Das Skript erleuchtet auch Anwender, die Ubuntu 11.04 auf dem Desktoprechner installiert haben, wie es mit der Unterstützung aussieht (Abbildung 1).

Abbildung 1: Im grünen Bereich: Das Programm /usr/lib/nux/unity_support _test -p gibt aus, ob Unity lauffähig ist.
Mit dem Ziel, Unity künftig mit Features von Open GL 2.0 aufzuhübschen, gerät die Frage nach passenden Treibern in den akuten Bereich. Für die anvisierten Umsteiger gilt es bei diesem Thema, Hand anzulegen oder über das verstärkte Angebot von proprietären Treibern mit Open-Source-Prinzipien zu brechen. Viele Windows-Nutzer sind sowieso ohne größeres Murren mit zum Neukauf zwingenden Hardware-Anforderungen vertraut, leben aber im Treiber-Schlaraffenland.
Antriebsfrage
Damit die 3-D-Beschleunigung klappt und Unity läuft, nennen die Ubuntu-Entwickler für AMD-/ATI-Grafiklösungen die Fglrx-Treiber als passende Lösung (Abbildung 3). Einige Features wie das Kernel Mode Setting funktionieren damit aber noch nicht. Der Open-Source-Radeon-Treiber sei ungeeignet, Unity unterliege damit ernsthaften Rendering-Problemen. Bei Nvidia-Karten halten die Entwickler den proprietären Herstellertreiber für ebenso tauglich wie die Nouveau-Treiber. Für Intel-GPUs ist der freie Intel-Treiber erste Wahl.
Einmal installiert wirkt das neue Unity mit seiner links sitzenden Starterleiste, in denen die Anwendungen aufgereiht sind, aufgeräumt und reagiert flott. Der Starter beharrt allerdings auf seiner Position als Linksaußen, weil Shuttleworth ihn nahe beim Ubuntu-Logo sehen will. Entwicklern, die diese Sperre lösen, will der Ubuntu-Gründer aber keine Vorschriften machen, er wollte nur selbst keine Ressourcen dafür verschwenden.
Gestaltungsspielraum
Ubuntu bietet ansonsten über den Compizconfig Settings Manager (CCSM) Konfigurationsmöglichkeiten (Abbildung 2). Der Manager ist aber über das Softwarecenter unter dem Stichwort »ccsm« nachzuinstallieren. Damit passt der Nutzer die bekannten Effekte von Compiz an. Für Unity wichtiger: Dort lässt sich – unter dem Menüpunkt »Arbeitsfläche« und dem Eintrag »Ubuntu Unity Plugin« – in den Reitern »Behaviour« und »Experimental« unter anderem die Größe der Icons des Launchers ändern (Abbildung 2). Das schafft auch Platz für neue Icons.

Abbildung 2: Im Compizconfig Settings Manager ist die Größenänderung der Icons eine nützliche Einstellungssache.
Der Eintrag »Hide Launcher« legt das Verhalten des Starters fest: Ob er sich automatisch (»Autohide« ), gar nicht (»Never« ) oder nur bei Berührung eines aktiven Fensters (»Dodge Active Window« ) zurückziehen soll.
Nützlich sind auch die per Maus ausführbaren Funktionen: Zieht man ein Programmfenster oben an das Panel, erscheint es im Vollbildmodus. Ein Doppelklick rechts neben dem globalen Menü verkleinert es wieder. Wer mit der mittleren Maustaste oder dem Mausrad dorthin klickt, wechselt zwischen den laufenden Anwendungen.
Ein Programmfenster mit der Maus gegen den rechten oder linken Bildschirmrand ziehen, das sorgt dafür, dass es den halben Bildschirm einnimmt, was es dem Nutzer mit zwei schnellen Links-rechts-Wischern ermöglicht, Fenster nebeneinander anzuordnen.
Tastendruck
Die Arbeit mit Unity profitiert maßgeblich von den nützlichen Shortcuts. Schon die sonst oft brachliegende Windows-Taste, bei Ubuntu der Unix-Diktion folgend [Super] genannt, findet regen Einsatz. Kurz gedrückt zeigt sie das Dashboard an, länger gehalten öffnet sie den Launcher, wie das auch die Kombination [Alt]+[F2] zustande bringt. Die Kombination [Super]+[W] ordnet alle geöffneten Fenster in Exposé-Ansicht. [Super]+[S] ermöglicht die Sicht auf alle Arbeitsplätze. [Super]+[D] zeigt den Desktop an, das Ubuntu-Wiki [5] listet alle Shortcuts (Abbildung 4).

Abbildung 4: Tastensteuerung: Die lange gedrückte Windows-Taste nummeriert die Anwendungen im Starterpanel. Tastenkürzel als Desktophintergrund erleichtern die Eingewöhnung.
Die Trennung der Menüleiste vom eigentlichen Programmfenster hat das Zeug zum Stolperstein für Neuanwender, spart aber Platz. Was beim Vollbildmodus noch nebeneinanderliegt, wirkt bei verkleinerten Anwendungsfenstern nicht mehr zusammenhängend (Abbildung 5).

Abbildung 5: Sind die Programmfenster verkleinert, liegt das zugehörige Menü oben am Desktop weit entfernt.
Allerdings gehört der Vollbildmodus mit möglichst vielen verschwindenden Elementen auch zum Konzept von Unity. Schließlich sollen kleine Bildschirme ebenfalls möglichst viel anzeigen. Ein Rechtsklick auf die Icons des Starters zeigt übrigens das jeweils dazu passende Anwendungsmenü an.
Server-seitig
Die Serverversion der 11.04 bietet mit Eucalyptus 2.02 und – als Technologievorschau – der Cactus-Release von Openstack Verwaltungen fürs Cloud Computing. Libvirt 0.8.8 und die KVM des Linux-Kernels machen den Ubuntu-Server möglichst skalierbar. Powernap 2.0 soll stromsparend wirken. Der Server profitiert zudem von den Features des Kernels 2.6.38 mit Support für Apparmor und Intels Intelligent Power Sharing.
Fazit
Das neue Ubuntu ist eine der experimentellen Versionen, die Canonical jeweils ohne den Long-Term-Support-Status zwischen den Releases einschiebt. An dieser Latte gemessen ist die erste Unity-Ausgabe gelungen. Die jetzt noch vorhandenen Ecken und Kanten, deren Schliff laut Shuttleworth nun ansteht, sind zu verschmerzen. Für den Einsatz auf Firmenrechnern vorgesehen, muss erst die kommende Version 12.04 zeigen, dass diese Nacharbeiten erledigt sind.
Infos
- Shuttleworth zu Unity: http://www.markshuttleworth.com/archives/671
- Shuttleworth-Keynote UDS: http://blip.tv/ubuntu-developers/ubuntu-uds-o-mark-shuttleworth-keynote-5140539
- Virtualbox: http://www.virtualbox.org
- Hardware-Anforderungen: https://wiki.ubuntu.com/DemystifyingUnityGraphicsHardwareRequirements
- Unity-Shortcuts: https://help.ubuntu.com/11.04/ubuntu-help/shell-keyboard-shortcuts.html]






