Clouddienstleister und Virtualisierungsspezialisten schieben Angebot um Angebot in den IT-Himmel – allein die adressierten Firmen üben sich in seltsamer Zurückhaltung. Die wenigen Ausnahmen jedoch zeigen sich überaus zufrieden.
Dieser Artikel war eigentlich als Stimmungs- und Erfahrungsumfrage unter Linux-Magazin-Lesern und -Autoren geplant, die als Admins und IT-Manager arbeiten. Rund zehn von ihnen sollten berichten, welche Cloudlösungen sie in ihren Firmen und Institutionen professionell einsetzen und welche Erfahrungen sie gesammelt haben.
Überraschung: Keiner von ihnen benutzt kommerzielle Cloudangebote. Stattdessen kamen Aussagen wie: “Wir setzen nur verstärkt auf Virtualisierung” oder “Unser neuer Chef meint, wir sollten uns das mal ansehen” oder “Wegen der unklaren Datensicherheit traut sich niemand den Kopf zu weit rauszustecken.”
Theoretisch könnte es nun so sein, dass Linux-Anwender besonders konservativ handeln und darum gegen das Trommeln von Clouddienstleistern und Softwarelieferanten immun sind. Quantitative Studien belegen jedoch: Cloud Computing ist in der Praxis kaum angekommen. So gesehen bestätigen die Linux-Magazin-Leser nur einen allgemein gültigen Trend. Inoffiziell geben auch Cloudanbieter zu, dass sie mit dem Durchbruch erst in einigen Jahren rechnen.
Besonders erhellend ist die gerade erschienene Studie “Cloud Computing im Mittelstand”, die ein Wirtschaftsprüfungs- und ein Marktforschungsunternehmen erstellt haben [1]. Die Befragung Mitte Februar unter 351 IT-Verantwortlichen von in Deutschland tätigen mittelständischen Unternehmen ergibt, dass nur 12 Prozent Cloud Computing nutzen: 18 Prozent der großen Firmen (500 bis 2000 Mitarbeiter) und 9 Prozent der kleinen (50 bis 200 Mitarbeiter).
Die Befragung der bisherigen Cloudverweigerer nach ihren Vorbehalten gibt Abbildung 1 wieder. Drei von vier vermögen keinen Vorteil in den Cloudangeboten zu erkennen und jeder Zweite hat sich mit dem Thema noch nicht auseinandergesetzt – hier haben die Dienstleister reichlich Aufklärung zu leisten. (Die Verwirrung bei dem Thema ist so groß, dass rund 40 Prozent der IT-Verantwortlichen den Begriff Cloud Computing nur lückenhaft oder gar nicht erklären konnten.) Auf Platz zwei der Gründe für Cloudverweigerer rangieren Ängste zur Datensicherheit.

Abbildung 1: Die große Mehrheit der Befragten steht Cloud Computing skeptisch gegenüber: Drei Viertel sehen keine Vorteile in der Nutzung, fast genauso viele plagen Datenschutzbedenken. (Quelle [1])

Abbildung 2: In der Dienstleistungsbranche und unter den Logistikunternehmen setzt sich Cloud Computing leichter durch als innerhalb anderer Wirtschaftszweige. (Quelle [1])
Anwender surfen auf der SaaS-Welle
Die Unternehmen, die bei der jüngsten Studie angaben Clouddienste in Anspruch zu nehmen, nutzen zu zwei Dritteln SaaS-Angebote, IaaS und PaaS sind ebenfalls recht verbreitet (Software, Infrastructure, Platform as a Service). Knapp ein Drittel nutzt Beratungsleistungen rund ums Cloud Computing. Business Process as a Service (BPaaS) dagegen führt ein Exotendasein (Abbildung 3).

Abbildung 3: Die Unternehmen, die Clouddienste tatsächlich nutzen, mieten zu zwei Dritteln bei SaaS-Anbietern. (Quelle [1])
Die beschriebene Zurückhaltung gegenüber Clouddiensten scheint angesichts der Erfahrungen der befragten Tatsächlich-Anwender wenig begründet: Nahezu alle sehen ihre Erwartungen als erfüllt an. Gerade mal drei der 41 Nutzer zeigten sich enttäuscht.
Eine lösbare Aufgabe
Das allgegenwärtige Thema Cloud Computing hat die IT-Anwender in Firmen und Institutionen bei Weitem nicht in dem erwarteten Maß erreicht. Der erste empirische – und überraschende – Eindruck einer Befragung unter Linux-Magazin-Lesern lässt sich mit wissenschaftlich durchgeführten Studien festigen: Cloudangebote ernsthaft nutzende Mittelständler sind absolut in der Minderheit.
Die Cloudanbieter haben es offensichtlich nicht geschafft, den Blick potenzieller Kunden auf ihre Wolkenformationen zu lenken. Bei denen herrschen Zweifel am Nutzen, Desinteresse am Thema und Bedenken um den Datenschutz vor. Hier hat die Branche noch harte Aufklärungsarbeit zu leisten und glaubwürdige Datenschutzmaßnahmen zu ergreifen.
Die Aufgabe scheint lösbar, denn die Firmen, die Cloud Computing aktuell in nennenswertem Umfang produktiv einsetzen, sind zufrieden. Das unterscheidet den Wolken-Trend von früheren Hypes, deren heiße Luft sich als Zwischenhoch entpuppte. Der stabilen Vorhersage folgend schickt dieses Linux-Magazin seinen Schwerpunkt als Messballon in höhere Schichten – mit ständigem Funkkontakt zum Linux-Boden natürlich.
Infos
- Pricewaterhouse Coopers, “Cloud Computing im Mittelstand – Erfahrungen, Nutzen und Herausforderungen”, Mai 2011: http://www.pwc.de/de/cloud-computing
- Dr. Bernhard Holtkamp, “Cloud Computing für den Mittelstand am Beispiel der Logistikbranche”: Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik ISST, 2010:http://www.cebit-studio-mittelstand.de/dlf/0f257de50b0601551cefbbaa604c8c23





