Aus Linux-Magazin 03/2011

Cloudservices für Schnellentschlossene

© sylvi.bechle, Photocase.com

Dem Schlagwort Cloud Computing ist im IT-Umfeld schwer auszuweichen. Bei der Suche nach startklaren Anwendungen in der Cloud nimmt die Trefferzahl allerdings ab. Meist stammen die Anbieter aus den USA, die auf den Cloud-Trend schneller reagiert haben. Interessierte Nutzer sollten dann die Standortfrage schon aus juristischen Gründen in ihre Kalkulation einbeziehen (siehe “Recht”-Artikel in dieser Ausgabe).

Der Internet-Branchenverband Eco hat mit Eurocloud [1] eine Initiative gestartet, die sich um die Zertifizierung von Cloud- Anwendungen im europäischen und deutschen Raum kümmern will. Für den Februar 2011 ist das erste Zertifizierungsverfahren für Software as a Service geplant. Der auf Beratungen im Cloud-Umfeld spezialisierte Cloud Computing Report beackert das Feld ebenfalls und empfiehlt Cloudservices Made in Germany [2], die auch manche Nische besetzen. Den potenziellen Schnellstartern präsentiert das Linux-Magazin eine Service-Auswahl für Office, Mail, Tickets und CRM.

App dafür

Google Apps verspricht Firmen einen Start in die Cloud mit wenigen Klicks. Der Suchmaschinenprimus tut sich schon länger mit Onlinediensten für private Nutzer hervor. Wer einen Google-Account sein Eigen nennt, kann auf Editoren für Wort und Bild zugreifen und einen Mailaccount mit Kalenderfunktion betreiben (siehe auch “Chrome OS”-Artikel).

Firmen bietet Google ein Pendant an, das für 50 US-Dollar pro Nutzer und Jahr diese Funktionen [3] auf Unternehmensniveau hebt, Support und Gruppenfunktionen inbegriffen. Mit dem Pfund seiner Bekanntheit wuchert Google auch: Die Oberflächen seien Anwendern vertraut, das spare Schulungskosten.

Eine Internetdomain vorausgesetzt lässt sich Google Apps mit spezifischen Mailadressen bestücken, via Google Groups sind sie auch als Mailverteiler ausbaubar. Samt Support enthalten sind die Dienste Mail, Kalender, Text und Tabellen (Abbildung 1), Groups, Sites und Video. Experimentierfreudige finden in den Zusatzdiensten von Google zahlreiche weitere Optionen, die aber von der Supportgebühr nicht abgedeckt sind. Wechselwillige dürfen mit den Hilfestellungen zur Synchronisierung eine bestehenden Mail-Lösung wie Microsoft Outlook behalten oder – zusätzlich für Lotus Notes – Migrationsdienste nutzen.

Abbildung 1: Text und Tabellen: Der Google-Editor für den Cloud-Gebrauch. Die Integration von Videos ist ebenfalls möglich. Google bietet hierfür seine Youtube-Suche an.

Abbildung 1: Text und Tabellen: Der Google-Editor für den Cloud-Gebrauch. Die Integration von Videos ist ebenfalls möglich. Google bietet hierfür seine Youtube-Suche an.

Die Unterlage der Google Apps dürfte Linuxer freuen: “Unsere Rechner sind auf der Basis eines benutzerdefinierten Linux-Software-Stack erstellt, der gehärtet ist und nur über die Komponenten und Services verfügt, die notwendig sind, um die Google-Anforderungen auszuführen”, heißt es in den Sicherheitshinweisen. Geheimnisvoller ist schon die Datenspeicherung an sich: “Ihre Daten werden im Netzwerk der Google-Rechenzentren gespeichert. Google unterhält eine Anzahl geografisch verteilter Rechenzentren, deren Standorte aus Sicherheitsgründen vertraulich behandelt werden.”

Kreditwürdig

Der US-Anbieter Zoho [4] bietet Geschäftskunden sowohl diverse Onlinedienste an als auch eine Schaltzentrale, in der die gebuchten Services sich auf einer Website vereinigen lassen. Die Fähigkeit, mehrere Standorte und dort auch Benutzer nach Bedarf hinzuzufügen, bleibt dem professionellen Account vorbehalten. Bezahlt wird via Kreditkarte.

Die Anpassung des Webclients mit eigenen Logos ist möglich. Wer auf Zoho setzt, muss zumindest für den Start Englisch verstehen. Die Dienste sind dann in diverse Sprachen lokalisiert, Deutsch ist nahezu vollständig vertreten. Für Nutzer, die sich mobil mit Zoho verbinden wollen, taugen I-Phone, Android, Blackberry, Windows Mobile und Symbian.

Auf der Kostenseite erscheinen die diversen Zoho-Services schnell unübersichtlich. Zwar gibt es für die Module immer eine Schnupperoption für wenig Geld, dann aber heißt es abwägen, welchen der Services das Unternehmen benötigt, sonst klickt man sich mit 20 Dollar hier und 30 dort schnell über das veranschlagte Budget hinaus.

Probehalber

Andererseits ist das Zoho-Angebot besonders für kleine Betriebe angenehm komplett. Dokumente, Tabellen (Abbildung 2), Präsentationen, Mail, Kalender, Kontakte, CRM (Abbildung 3), Rechnungsstellung und diverse Kollaborationstools wie Chat, Projekte und Wiki versprechen viele Services aus einer Hand. Der für die Module angebotene Testbetrieb erleichtert die Entscheidung, ob sich ein Upgrade lohnt. Auch das kostenlose Schnuppern kann ausreichen, etwa wenn nur ein Projekt anliegt, für das Zoho unbegrenzt viele Benutzer erlaubt

Abbildung 3: CRM nach Art von Zoho. Drei Nutzer dürfen den Dienst kostenfrei betreiben.

Abbildung 3: CRM nach Art von Zoho. Drei Nutzer dürfen den Dienst kostenfrei betreiben.

Bei der Datensicherheit bleibt Zoho erfreulich unverklausuliert: “Wir versichern, dass der Content ihres Accounts für niemanden zugänglich ist und auch von Angestellten der Zoho Corporation nicht einsehbar ist.” Werbung und Weiterverkauf von Daten an Dritte sei ebenfalls ausgeschlossen.

Hybrid-Tendenz

Oracle hat das Cloud Office 1.0 [5] mit Ajax realisiert und erst seit Dezember für den deutschen Markt im Angebot. In der Professional Edition kostet das Paket 40 US-Dollar pro Jahr und Benutzer. Server-seitig kommt Java zum Einsatz. Linux, Glassfish und Apache Tomcat sind als Interpreten für die Umsetzung genannt. Das Oracle Cloud Office lässt sich im Sinne seiner Erfinder als SaaS-Anwendung betreiben. Dafür ist Oracle noch auf der Suche nach ISV- und Telko-Partnern. Für das Linux-Magazin gab es vorab eine Präsentation des Webclients.

Vor- und Nachteile
Cloudservices
” Unveränderliche Features

” Teils holprige Lokalisierung

” Rechtliche Unsicherheiten

Abbildung 2: Zoho zeigt sich – hier das Tabellenprogramm – im von Webanwendungen gewohnten Stil.

Abbildung 2: Zoho zeigt sich – hier das Tabellenprogramm – im von Webanwendungen gewohnten Stil.

Dass Oracle seit der Sun-Übernahme als Hüterin von Open Office über ein gutes Stück Editor verfügt, schraubt die Erwartungen an das Office nach oben. Zu hoch allerdings sollte man die Messlatte für Cloud Office (Abbildung 4) nicht legen. Wer umfangreiche Funktionen und Makros in Texten braucht, muss Abstriche machen. Mit Webtechnologie sei der Funktionsumfang von Open Office nicht abbildbar, heißt es von Oracle.

Abbildung 4: Die per Cloud Office bearbeitete Tabelle lässt sich zur Weiterverarbeitung publizieren.

Abbildung 4: Die per Cloud Office bearbeitete Tabelle lässt sich zur Weiterverarbeitung publizieren.

Office im Web 2.0

Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentationen sind durchgehend kompatibel mit Open Office. Auch Microsoft Office und die PDF-Ausgabe sind Optionen. Anwender können mit der Office-Anwendung Dokumente gemeinsam nutzen, präsentieren, publizieren und Überarbeitungen in der Gruppe vornehmen. Dabei sammelt das Onlinepaket Pluspunkte. Das Publizieren von Beiträgen für soziale Netzwerke und Blogs geht ebenfalls einfach von der Hand, wahlweise mit den vom Programm ausgegebenen Codeschnipseln oder über Verlinkung.

Ticketzentrale

Die OTRS Group bietet seit Kurzem ihr Ticketsystem OTRS on Demand an [6]. Die Lösung gilt als Feature-komplett und verspricht auf kundenseitige Hardware ebenso zu verzichten wie auf eine Software-Installation (Abbildung 5). Wer später auf eine lokale Installation zurückgehen will, nutzt den Pack-and-go-Service und holt sich seine Anwendung und Daten zur lokalen Installation zurück.

Abbildung 5: Agent on Demand: Die OTRS-Oberfläche bietet Zugriff auf die Funktionen des Ticketsystems.

Abbildung 5: Agent on Demand: Die OTRS-Oberfläche bietet Zugriff auf die Funktionen des Ticketsystems.

Im Vergleich zu den ohne großes Know-how beherrschbaren Office-Anwendungen bleibt der Betrieb von OTRS trotz Einrichtungsassistent eher eine Sache für Admins. Wer ein Ticketsystem für seine IT betreibt, sollte wissen, was er tut. Mit vorbereiteten Geschäftsszenarien versucht der Anbieter zu helfen. Interner IT-Support, Security Advisor, Rettungsleitstelle und Clubmanagement sind einige vorgefertigte Setups.

Die Bezahlung richtet sich nach der Anzahl der so genannten Agenten, bis zu fünf kosten 100 US-Dollar im Monat. Die obere Grenze hat die OTRS Group bei 100 simultan arbeitenden Agenten beziehungsweise Nutzern gezogen, die dann mit 1500 US-Dollar zu Buche schlägt. Ab diesem Umfang sei eine Pro-Nutzer-Zahlweise nicht mehr effizient.

Für und Wider

Schnell und unkompliziert loslegen, damit locken Cloud-Anwendungen insbesondere junge Unternehmen. Ein ausführlicher Testlauf der anvisierten Dienste sollte aber stattfinden, sonst drohen Showstopper im kaum änderbaren Online-Workflow. Die Bemühungen der Verbände und öffentlichen Stellen um Zertifizierungen und Mindestanforderungen kommen nicht von ungefähr.

Die Möglichkeiten der Cloud-Anwendungen selbst sind aber nicht von der Hand zu weisen und dürften bald die bekannten Pfade von Texteditor, Bildbearbeitung und Speicherdienst verlassen. Cloud Computing für professionelle Java-Entwickler etwa verspricht das von VMware und Salesforce gemeinsam angekündigte Portal VMforce [7].

Infos
[1] Eurocloud: [http://www.eurocloud.de]

[2] Cloud-Computing-Report:[http://www.cloud-computing-report.de]

[3] Google Apps: [http://www.google.com/apps/intl/de/business/index.html]

[4] Zoho: [http://www.zoho.com]

[5] Oracle Cloud Office:[https://shop.oracle.com]

[6] OTRS on Demand:[http://www.otrsondemand.com]

[7] VMforce: [http://www.developerforce.com]

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