Als Oracle 2009 Sun übernahm, hielten sich Skeptiker und Optimisten noch die Waage: Führt der neue Inhaber Suns Open-Source-Strategie fort? Heute sind Solaris, MySQL, Java und Open Office geschwächt.
Dem Orakel von Delphi entsprang ein reger Strom von Weissagungen. Als Vergleich für den Softwareriesen Oracle taugt dieses Bild zurzeit nicht. Larry Ellisons Imperium schweigt, wenn es um dessen Open-Source-Strategie geht. Nach der Sun-Übernahme meldete Oracle noch eine “sehr gute Stimmung”. In diesem Zug hatte das Unternehmen der EU-Komission im Dezember 2009 treuherzig mit einem 10-Punkte-Plan versichert, wichtige Projekte weiterzuführen. Mittlerweile stellt sich Ernüchterung im Open-Source-Lager ein.
Der früh einsetzende Exodus führender Köpfe hält an. Den Anfang machten die MySQL-Gründer Michael “Monty” Widenius und Marten Mickos: Kenner hatten sich ohnehin gefragt, wie der Datenbank-Riese die Konkurrenz im eigenen Haus integrieren wolle. Viel mehr als eine Preview auf die Maintenance-Release 5.5 kam seither bei MySQL nicht heraus. Immerhin – es gibt die Datenbank noch.
Einen traurigen Abgang machte hingegen Open Solaris. Oracle führt das Projekt nicht fort. Die Erosion wurde früh mit der Demission des umtriebigen Open-Solaris-Advokaten Simon Phipps deutlich. Das von ihm mitgestaltete Open Solaris Governing Board (OGB) löste sich im August selbst auf.
Das lag nicht mal daran, dass die Community mit dem Softwareproduzenten in Streit geriet: Oracle hat das Projekt schlicht ignoriert und so im Wortsinne totgeschwiegen. Das OGB bemühte sich vergeblich, dort einen Ansprechpartner zu finden. Schob das Unternehmen anfangs noch die Integration von Sun in Oracle-Strukturen vor, verloren solche Argumente später zunehmend an Glaubwürdigkeit.
Kampf und Schweigen
Mit solchen Problemen hatte auch das einstige Open-Office-Projekt zu kämpfen. Entwickler, die mit der Materie vertraut sind, gaben dem Linux-Magazin gegenüber ihrer Frustration Ausdruck: “Wir hatten eine größere Zahl an Patches eingereicht, aber die zuständigen Maintainer der Codebasis bei Oracle haben sie über Monate ignoriert und liegen gelassen”, berichtet ein Entwickler. Immerhin fand das Unternehmen die Zeit, im offiziellen Build den Splashscreen auszutauschen. Mittlerweile nimmt die Community die Zügel selbst in die Hand und hat faktisch einen eigenen Ableger unter dem Namen Libre Office und dem Dach einer Document Foundation gebildet.
Bei Android attackiert Oracle mögliche Wettbewerber ganz frontal mit Patentforderungen: Google habe mit seiner Abwandlung der Java-VM Dalvik Rechte von Oracle verletzt, moniert die Rechtsabteilung des roten Riesen. Java-Urvater Gosling hat sich bereits im April schaudernd von Oracle abgewandt und weiß in seinen Blogs wenig Hoffnungsvolles für Open-Source-Projekte zu berichten.
Oracle ist nicht böse
Übernimmt Oracle nun die Rolle des aggressiven Linux-Hassers vom zuletzt zunehmend zahmen Microsoft? Das erscheint unwahrscheinlich. In der firmentypischen, selbstgefälligen Art kommt Open Source bei Oracle einfach nicht vor. Das Unternehmen wird Aktivitäten wie Btrfs oder OCFS2 gleichwohl nicht einstellen, ihre wenigen Entwickler gehen im Rauschen der gut 100 000 Mitarbeiter völlig unter.
Unbreakable Linux hin, Versprechen her: Oracle will keine Open-Source-Firma werden. Auch wenn sich manches Projekt erst vom Verlust bezahlter Oracle-Entwickler erholen muss, bewahren OSS-Lizenzen vor Schlimmeren: Die hellsten Köpfe sind bereits dabei, aus den Resten ehemaliger Projekte hervorzukriechen und neue in Angriff zu nehmen.
Libre Office heißt die Textverarbeitung & Co. von morgen, Maria DB tritt unter der Ägide von Ex-MySQL-Entwicklern die Erbfolge der Datenbank an und selbst das etwas starre Open Solaris wollen Wackere mit der Distribution Illumos wiederbeleben. Die Open-Source-Welt lässt sich offenbar auch von einem schweigenden Oracle nicht irritieren.






