Aus Linux-Magazin 10/2010

Ari Lemmke gab Linux den Namen

Wer den früheren Admin der Universität Helsinki treffen will, der Linus zu “Linux” überredet hat, braucht GPS und Sinn für Salmiak-Kekse.

“Linus wollte es eigentlich Freax nennen, aber das hat er schnell aufgegeben”, erzählt der damalige FTP-Admin nicht ohne ein wenig Stolz. Nach Mittsommernacht ist es, Ari Lemmke [1] sitzt im Garten seiner “Farm”, einer einsamen Mökki [2] mit Sauna, Schuppen und Wohnhaus in den finnischer Wäldern (Abbildung 1).

Abbildung 1: Ari Lemmkes Holzhaus mit einer über hundert Jahre alten Sauna liegt malerisch direkt mit Steg an einem riesigen finnischen See.

Abbildung 1: Ari Lemmkes Holzhaus mit einer über hundert Jahre alten Sauna liegt malerisch direkt mit Steg an einem riesigen finnischen See.

Linux statt Freax

“Freax, ein Betriebssystem von und für Freaks, aber mit dem klassischen Unix-x am Ende, das war Linus’ ursprüngliche Idee, obwohl er es wohl auch manchmal heimlich Linux nannte. Das aber war ihm wohl zu selbstverliebt.” Dem bärtigen Finnen war “Freax” von Anfang an nicht geheuer, Linux dagegen gefiel ihm einfach: “Linus’ Unix, das passte doch viel besser. Deshalb habe ich ihm auf unserem FTP-Server [3] einfach ein Verzeichnis mit dem Namen eingerichtet. Da konnte er dann gar nicht mehr viel machen, selbst wenn er gewollt hätte”, lacht er. Bis dort allerdings der erste Code auftauchte, dauerte es noch bis September 1991.

Finnische Weite

Abbildung 2: Finnen sind traditionell gastfreundlich, zu Kaffee und Tee bei Lemmkes gibt's Salmiak-Kekse und finnischen Käse.

Abbildung 2: Finnen sind traditionell gastfreundlich, zu Kaffee und Tee bei Lemmkes gibt’s Salmiak-Kekse und finnischen Käse.

Ari empfängt Besucher auf der Terrasse am Ufer seines Sees unter uralten Birken (Abbildung 2). Fast drei Stunden dauert es mit dem Auto von der Stadt hierher. Auf dem Weg wechseln sich Bäume und felsige Uferböschungen mit wenigen, weitläufigen Ortschaften ab. Die sind nur dank des Navi und der Tempolimits als solche zu erkennen. Russland ist nicht mehr weit (Abbildung 3), keine 200 Kilometer sind es bis nach Karelien.

Abbildung 3: 200 Kilometer nach Russland, 500 nach St. Petersburg. Das hieß noch Leningrad, als Ari Lemmke den Namen „Linux“ prägte.

Abbildung 3: 200 Kilometer nach Russland, 500 nach St. Petersburg. Das hieß noch Leningrad, als Ari Lemmke den Namen „Linux“ prägte.

Die weite Landschaft hat in den Finnen ein gehöriges Freiheitsbedürfnis entstehen lassen. “Ja, schön ruhig ist es hier”, meint Ari, als er auf einem Plastikstuhl Platz nimmt. “Leider ist letztes Jahr zwei Kilometer weiter oben am See jemand eingezogen. Aber das sind nette Leute, man hört fast gar nichts”, erzählt er völlig ernsthaft und stellt die Schüssel mit den Schokoladekeksen mit Salmiak-Chilli-Geschmack zu Kaffee, Tee und Käsestückchen. Es gibt deutschen Tilsiter und den herzhaften Musta Leima, 18 Monate gereiften Emmentaler aus Finnland.

Die eigenwillige Kombination gilt als typisch finnisch und scheint nicht so ganz kompatibel mit dem deutschen Gaumen. “Von wegen!”, meint Ari und zieht stolz seinen deutschen Reisepass aus der Tasche. Von seinem Vater Wilhelm hat der Lactovegetarier neben der Staatsbürgerschaft auch drei Halbbrüder in Hamburg [4] und eine Vorliebe für Käse und australischen Wein geerbt.

FTP und Newsgroups

Der Mitte der 60er Jahre in Helsinki geborene Ari arbeitete 1991 als wissenschaftlicher Assistent an der Technischen Hochschule Helsinki, als eine E-Mail von einem 21-jährigen Studenten eintrudelte. Sein Name sei Torvalds, er hätte Anfänge eines Betriebssystemkonstruktes ähnlich wie Minix gebaut, so schrieb der, und er wolle Aris Meinung hören. Es brauchte nicht lange, bis Lemmke anbiss, hatte er doch selbst schon einige Erfahrung mit freier Software und Unix-Systemen gesammelt.

GPS empfiehlt sich

Wenig später steht Ari auf dem Steg vor seiner Mökki und lockt Fische an (Abbildung 4). “Gar nicht so einfach, mit dem Auto hierherzufinden”, schmunzelt er. Wie der Ort hier heißt? “Na ja, die nächste Ortschaft ist Padasjoki, aber das hilft auch nicht wirklich, das ist noch einige Kilometer weg. Einer meiner Brüder wollte mich auch mal hier besuchen, hat aber nicht hergefunden. Das war schon schade …”, meint er. “Seitdem schicke ich Besuchern lieber nur noch die GPS-Koordinaten per SMS.”

Abbildung 4: Sehr finnisch: Der naturverbundene Ari Lemmke füttert „seine“ Fische. Zu den nächsten Nachbarn sind's „nur ein paar Kilometer“.

Abbildung 4: Sehr finnisch: Der naturverbundene Ari Lemmke füttert „seine“ Fische. Zu den nächsten Nachbarn sind’s „nur ein paar Kilometer“.

Gut, wenn dann das Navi im Mietwagen ein paar Feldwege rund um die zerfransten Seen kennt, die für Google-Maps oder Openstreetmap nur Wald und Wiese sind (Abbildungen 5 und 6).

Heimarbeit

Jeden freien Tag im Sommer verbringt Ari hier im finnischen Outback mit seiner Frau, seiner Mutter und dem anhänglichen schwarz-weißen Bullterrier Nasu. Die eigene Holzsauna darf da selbstverständlich nicht fehlen, sie ist ein uraltes Familienerbstück und zusammen mit dem beweglichen roten Holzhaus schon mehrmals einige Meter am Ufer umgezogen. “UMTS mit 3G ist in Finnland fast flächendeckend verfügbar, so kann ich von hier aus arbeiten, ganz wie im Büro in Helsinki. Auf dem Rechner drüben im Wohnhaus teste ich gerade Red Hat Enterprise Virtualisierung 2.2 für meinen Arbeitgeber.” Seine Brötchen verdient Ari heute bei Netorek, einem Dienstleister des großen finnischen Providers Sonera [6]. In seinem Linkedin-Profil nennt er seinen Job “Problemlöser”.

Abbildung 5: Glasklares Wasser findet sich überall in Finnland. Die typische Mökki ist dunkelrot und hat einen eigenen Steg.

Abbildung 5: Glasklares Wasser findet sich überall in Finnland. Die typische Mökki ist dunkelrot und hat einen eigenen Steg.

Abbildung 6: Kein Asphalt mehr, dafür atemberaubende Ausblicke. Wilde Schotterwege führen durch Kiefern- und Birkenwälder zu Ari Lemmkes Domizil.

Abbildung 6: Kein Asphalt mehr, dafür atemberaubende Ausblicke. Wilde Schotterwege führen durch Kiefern- und Birkenwälder zu Ari Lemmkes Domizil.

Linux/aow

“Mir war das, was Linus da vorhatte, nicht wirklich fremd”, erinnert er sich. “Ich kannte Minix gut, hatte schon viele Jahre mit Unix-Servern gearbeitet.” Auch habe er damals an einem freien Betriebssystem programmiert. Seine Projekte finden sich auf seiner Webseite [1]. Unter seinem Pseudonym Arl hat er in diversen Projekten Spuren hinterlassen, die ein »grep arl« in den Sourcen zutage bringt. “Ich habe auch in den Jahren danach an meiner eigenen Distribution entwickelt, zunächst auf Slackware-Basis, dann mit komplett eigener Toolchain unter dem Namen Linux/aow.” [7]

Sein Blick schweift ab, als er erzählt, dass das Projekt seit 2004 ruht. “Ja, da müssten viele Sachen gemacht werden, und dafür hab ich momentan einfach viel zu wenig Zeit.” Sichtlich bewegt erzählte er von dem Unfall seines Bruders, der in einer tragischen Reisebuskatastrophe in Konginkangas [8] mit 22 anderen Jugendlichen ums Leben kam. Auf schwarzem Eis (Musta jää, einem der unzähligen finnischen Namen für unterschiedliche Schnee- und Eisformationen) war ein Lastwagen mit einem vollbesetzten Schulbus kollidiert.

Nach kurzer Pause fährt Ari fort: “Linux/aow sollte die Basis werden für ein virtuelles Linux, das wiederum auf Java aufbaut. Das Ziel war ein großer, übers Internet verteilter virtueller Rechner.” Dafür brauche es Managementsoftware aus der Cloud, so wie Red Hats Enterprise Virtualisierung, aber auch virtuelle private Netze wie Open VPN und natürlich PKIs, um die Clients per Zertifikat und sicheren Schlüsseln anzubinden.

Ein halbes Rechenzentrum in der Scheune

In solchen Momenten kommt der Bastler in Ari Lemmke durch. Mit kindlicher Begeisterung klettert er wenig später durch seine Schatzkammer, eine alte Scheune hinter der Mökki. Hinter einer klapprigen Holztür, die sich nur widerwillig quietschend öffnet, findet sich so manch seltsames Relikt aus der Vergangenheit der Großrechner.

Im Zwielicht zwischen löchrigen Balken lagern auf einer gut einen Meter hohen Schicht Rindenmulch (“Der hält schön trocken und isoliert perfekt!”) gigantische Bandlaufwerke und Festplatten aus den Siebzigern (“70 MByte, damals der Wahnsinn!”), obskure Platinen, Bauteile von unbekannter Herkunft und ganze Schaltschränke (Abbildung 7).

Abbildung 7: Festplatten, Bandlaufwerke, Serverschränke und Möbelstücke teilen sich den Platz auf der dicken Holzreste-Schicht in Aris Schuppen.

Abbildung 7: Festplatten, Bandlaufwerke, Serverschränke und Möbelstücke teilen sich den Platz auf der dicken Holzreste-Schicht in Aris Schuppen.

Neben Schachteln mit den Logos von Sun, IBM oder DEC liegen Möbel und jede Menge Handbücher. “Ha!”, grummelt Ari unvermittelt und zieht einen blauen Ordner hervor. “Ich wusste doch, das liegt hier irgendwo.” Er hält das Handbuch eines Bandlaufwerks in der Hand. Da steht etwas vom “Binary Loader als Routine für den Assembler” und “(c) DGC, 1970”. Wenig später, vor der Scheune hält er zwei Platinen in der Hand: steinalte Nokia-Modems aus demselben Jahrzehnt (Abbildung 8).

Abbildung 8: Ari nimmt ein Nokia-Modem aus den 70er Jahren unter die Lupe, das er gerade in seiner Scheune (im Hintergrund) wiedergefunden hat.

Abbildung 8: Ari nimmt ein Nokia-Modem aus den 70er Jahren unter die Lupe, das er gerade in seiner Scheune (im Hintergrund) wiedergefunden hat.

Linus?

Ob er Torvalds mal wieder gesehen habe? “Linus? Den hab ich das letzte Mal getroffen, als er als Erster den renommierten Chydenius-Award bekommen hat. Aber das ist Jahre her.” [9] Der Linux-Begründer sei nicht so gesellig, meint Ari, allzu oft höre er nicht mehr von ihm, meist nur aus der Zeitung oder übers Web.

Infos

[1] Ari Lemmke: [http://www.lemmke.org/arl/index.4.en.html], [http://www.arl.fi]

[2] Mökkis – finnische Landhäuser: [http://de.wikipedia.org/wiki/M%C3%B6kki]

[3] FTP-Server: [ftp://ftp.funet.fi]

[4] Familie Lemmke: [http://www.lemmke.com]

[5] Comp.os.linux-Newsgroups: [http://www.linux.org/docs/usenetlinux.html]

[6] Sonera: [http://www.sonera.fi]

[7] Linux/aow: [http://www.aow.fi]

[8] Busunfall: [http://en.wikipedia.org/wiki/Konginkangas_bus_disaster]

[9] Chydenius-Award für Linus Torvalds:[http://www.chydenius.net/eng/articles/artikelli.asp?id=1261]

Text und Fotos: Markus Feilner

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