In modernen Smartphones werkelt Hardware, deren Leistung auch für Netbooks und Laptops reichen würde. Deshalb verheiraten Intel und Nokia jetzt mit viel Tamtam Moblin und Maemo zu Meego, einer Embedded-Linux-Plattform für Handys, Fernseher und den Automobilbereich .
Nicht wirklich überraschend kam Mitte Februar die Ankündigung von Intel und Nokia, mehr gemeinsame Aktivitäten im mobilen Linux-Bereich zu unternehmen. Für Furore sorgte allerdings der Umfang: Unter dem Mantel des neu gegründeten Meego-Projekts [1] legen die beiden Branchenriesen ihre mobile Linux-Entwicklung zusammen und verheiraten Moblin ([2], Abbildung 1) mit Maemo ([3], Abbildung 2) zu Meego. Seit wenigen Tagen gibt es die ersten Codeschnipsel zu bestaunen.

Abbildung 1: Intels Mini-Linux Moblin ist für Netbooks optimiert und zeigt sich flink und aufgeräumt. Im Schnappschuss ist die WLAN-Konfiguration zu sehen, am oberen Bildschirmrand die Menüleiste mit den Anwendungen.

Abbildung 2: Nokias Maemo macht das Smartphone zu einem Mini-PC. Hier arbeitet der Benutzer per SSH-Session über WLAN mit Open-VPN-Zugriff auf einen CIFS-Server. Ein VNC-Client (rechts) zeigt dabei das Display.
Abstammung: Moblin
Moblin und Maemo waren herstellerspezifische Entwicklungen. Intels Ziel war es, für die gerade aufkommenden Netbooks mit den stromsparenden Intel-Atom-Prozessoren eine Softwaresuite zur Verfügung zu stellen, nämlich Moblin. Sie sollte es Netbookherstellern einfach machen, vollwertige Produkte – basierend auf Linux – schnell auf den Markt zu bringen. Der Pinguin kam dabei aus zwei Gründen zum Zug, erstens weil er deutlich schneller als das damals relevante Windows 2000 bootete, zweitens weil er dem Preisdruck bei den Netbooks besser standhielt.
Intel setzt dabei weitgehend auf bekannte freie Software, die vom Gnome-Desktop abstammt. Gerade in Sachen Benutzbarkeit für Netbooks punktet Moblin mit einem speziellen Application-Launcher und visuellen Effekten. Diese entstehen durch Open GL, die Compositing-Extension des X-Servers und das visuelle Toolkit Clutter für animierte Benutzerschnittstellen (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein Linux-Kernel, X-Window, Open GL, GTK und viele weitere Bekannte aus der Linux-Welt zeigen: Moblin ist ein vollständiges, RPM-basiertes, aber abgespecktes Linux.
Trotzdem bleibt Moblin nur eine etwas andere, RPM-basierte Linux-Distribution, wobei ein paar zusätzlichen Applikationen dem Benutzer eines Netbooks die Anwendung erleichtern. Den Herstellern bietet Intel Werkzeuge, damit sie installierbare Varianten entwickeln können.
Die Applikationen selbst sowie die eingesetzten Bibliotheken tastet Moblin im Wesentlichen nicht an. Ein Firefox unter Moblin ist ein normaler Firefox wie auch bei Debian, Ubuntu oder Fedora. Um Bedenken auszuräumen und Dritten gegenüber die Sicherheit zu vermitteln, nicht in den Fängen des Chipriesen zu landen, hatte Intel die Schirmherrschaft über Moblin 2009 an die Linux Foundation [4] übergeben.
Moblin ist dabei nicht auf PCs beschränkt: Seit 2009 dient es auch der Genivi-Initiative um BMW und Peugeot-Citroen bei der Entwicklung Linux-basierter In-Vehicle-Infotainment-Systeme (IVI, [5]).
Maemo
Auch Maemo (Abbildung 4) setzt – inklusive der aktuellen Version Maemo 5 – auf Komponenten aus dem Gnome-Umfeld, angefangen bei GTK+ als GUI-Toolkit über die Glib und D-Bus bis zur Interprozesskommunikation. Diese Basis ergänzt eine Vielzahl weiterer Komponenten, etwa fürs Verbindungsmanagement, für Kommunikation oder Presence und IM. Das Maemo-Basissystem ist weitgehend als freie Software verfügbar, Schlüsselkomponenten wie große Teile des Powermanagements und einige Applikationen behält Nokia für sich.

Abbildung 4: Nokia hat Maemo von Anfang an als eine komplexe Plattform angelegt und nicht nur einzelne Bestandteile ergänzt, sondern am Kernel, an Systembibliotheken und zusätzlichen Diensten bis hin zur Anwendungsschicht Anpassungen vorgenommen.
Das darunter liegende Linux-System pflegen die Finnen selbst, es setzt auf Debian und verwendet dessen Paketmanagement. Über eine Sourceforge-ähnliche Plattform, die Maemo Garage [6], entwickeln Programmierer gemeinsam eigene Applikationen und lassen sie von einem Build-Bot kompilieren.
Durch einen Community-basierten Weg der Qualitätssicherung landen solche Applikationen dann im »Maemo Extras«-Repository und lassen sich von Benutzern mit dem Programm-Manager oder mit »apt-get install« herunterladen und installieren. Listing 1 zeigt die Datei »/etc/apt/sources.d/hildon-application-manager.list« fürs N900 mit den gefährlichen Devel- und Testing-Repositories.
Der Nachteil: Im Gegensatz zu Moblin unterscheiden sich Maemo-Applikationen stark von Standard-Linux-Anwendungen. Entwickler müssen besondere APIs des Maemo-eigenen Hildon-User-Interface verwenden, damit Session- und Prozessmanagement richtig klappen.
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Listing 1: |
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01 deb https://downloads.maemo.nokia.com/fremantle/ssu/apps/ ./ 02 deb https://downloads.maemo.nokia.com/fremantle/ssu/mr0 ./ 03 deb https://downloads.maemo.nokia.com/fremantle/ovi/ ./ 04 deb http://repository.maemo.org/extras/ fremantle free non-free 05 deb http://repository.maemo.org/extras-testing/ fremantle free non-free 06 deb http://repository.maemo.org/extras-devel/ fremantle free non-free |
Zwar ist das zugrunde liegende Toolkit immer noch GTK+, doch ohne die Hildon-Zusätze geht es nicht. Neuerdings unterstützt es aber Nokias Qt, der Umstieg mit Maemo 6 auf das KDE-Widgetset als Bibliothek ist auch bereits beschlossene Sache.
In der jetzt verfügbaren Qt-Version für Maemo verbirgt sich Hildon schon weitgehend. So passt sich eine halbwegs normale Qt-Applikation, die lediglich für Maemo neu kompiliert ist, bereits dem Look&Feel von Maemo selbst an. Das sollte es wesentlich vereinfachen, bestehende Qt-Applikationen unter Maemo zum Laufen zu bringen.
Die Verbindung
Meego ist eine Mischung aus beiden. Von oben kommt das Moblin-System, das vom normalen Desktopsystem ausgeht und versucht Linux zu schrumpfen, aber auch auf relativ gut ausgestatteten PCs läuft. Auf der anderen Seite steht Maemo, das von kleinen ARM-Geräten kommt und auf Schonung der Ressourcen ausgelegt ist. Meego-Vizepräsident Ari Jaaksi [7] kommentiert dies auf Anfrage des Linux-Magazins so: “Das einfachste Meego-Gerät wird vermutlich ein Consumer Device wie ein Fernseher oder ein 150-Euro-Mobiltelefon mit einfachem Touchscreen sein. Aber in ein paar Jahren werden Meego-Geräte sicherlich auch günstiger werden, da das Gesetz von Moore sich um den Preis kümmert.”
Das scheint konsequent, hat doch auch Nokia die Maemo-Geräte schon immer als mobile Computer bezeichnet, also eher universelle Maschinen, die nicht wie Mobiltelefone rein zweckgebunden sind. Insofern ist die Kombination von Moblin und Maemo einfach der nächste logische Schritt. “Dies ist ein einzigartiger historischer Moment, wenn Handheld-Mobilgeräte vollwertige universelle Computer werden”, schwärmt Jaaksi.
Und die freien Entwickler?
Natürlich betrifft das auch die Communities, die sich um Maemo und Moblin in den vergangenen Jahren gebildet haben: Auf einmal müssen sie auch ganz andere Geräteklassen bei der Entwicklung in Betracht ziehen. Wie zu erwarten gab es da große Aufregung, vor allem bei den Maemo-Enthusiasten, die auf einmal ihr Engagement der letzten Jahre in Gefahr sahen und sich betrogen fühlten. Sie gehen vor allem von der von Nokia und Intel vehement widersprochenen Annahme aus, dass der Zusammenschluss von Moblin und Maemo zum Ende der beiden Projekt führt und Meego etwas völlig Neues sei. Nokia und Intel verlautbaren hierzu immer wieder, dass die Einflüsse beider Projekte nun in Meego “ihre Essenz” finden sollen.
Für das Ganze braucht es dann auch noch ein neues Entwicklungsgerüst. Allein die Bewältigung der CPU-Unabhängigkeit ist ein Problem, an dem sich schon viele versucht haben – das gleiche Produkt muss letztlich für PCs mit X86-, Mobilgeräte mit ARM-CPUs oder IVI-Devices mit ganz anderer Architektur gebaut werden. Genau diese Probleme motivieren Projekte wie Open Embedded [8]. Dessen Entwickler taten sich zusammen, weil es kaum gute Werkzeuge zur Handhabung des komplexen Cross-Build-Prozesses gab. Wie Meego dies lösen will, ist noch nicht bekannt.
Plattform vs. Produkt
Unklar bleibt, wie die Ausgestaltung von Meego letztlich aussehen soll. Im Gegensatz zum direkt einsatzfähigen Moblin fehlen Maemo und insbesondere seiner Version 5 einige Komponenten, die Nokia als geistiges Eigentum schützt. Was an dieser Stelle Meego alles umfassen wird, ist noch nicht ganz klar. Ari Jaaksi erklärt es allerdings zu seinem persönlichen Ziel, Meego möglichst vollständig auszuliefern.
Kleinere Firmen und Entwickler freier Software fragen sich zu Recht, ob die beiden Giganten Intel und Nokia alle strategischen Entscheidungen diktieren und wie weit der Einfluss der Community geht. Diese Frage beantwortet Jaaksi mit der Offenheit des Projekts: “Alle Meego-Bestandteile sind freie Software und der Entwicklungsprozess findet offen über das Meego-Portal statt. Jeder kann sich einbringen.” Das klingt schön, doch inwieweit diese Beiträge auch Einfluss auf die generelle Richtung haben, ist damit noch nicht gesagt, da bleibt den freien Entwicklern nur das Abwarten.
Jedem sollte jedoch klar sein, dass gerade Nokia, im Gegensatz zu Intel mit Endkunden-Produkten auf dem Markt, unter erheblichen Druck steht. Die Finnen müssen den Ansprüchen der Kunden genügen und sich einen Wettbewerbsvorteil sichern. Es erscheint unwahrscheinlich, dass Nokia immer alles veröffentlichen kann. Diese Informationspolitik hatte schon bei Maemo zuweilen für Frust bei den freien Entwicklern geführt.
Hier einen sinnvollen Kompromiss zu finden ist sicherlich nicht einfach. Etwas Sicherheit gibt allerdings die Tatsache, dass auch das Meego-Projekt, so wie Moblin schon vorher, wieder der Schirmherrschaft der Linux-Foundation unterstellt ist. Dies bedeutet zumindest, dass rein formal das Projekt weder Intel noch Nokia noch den beiden zusammen gehört oder unterstellt ist.
Endlich Nachwuchs
Am 31. März 2010 war es so weit, der erste Codedrop fand statt, die Meego-Git-Repositories [9] und die ersten installierbaren Versionen für echte Hardware [10] tauchten auf der Webseite auf. Für viele Interessierte war dieser Tag allerdings erst einmal richtig enttäuschend, denn anstatt einer Version, die direkt ein tolles User-Interface präsentiert, startet auf den zunächst unterstützten Atom-Netbooks und Nokias N900 lediglich ein grafisches Terminal – das war’s schon (siehe Abbildung 5).
Realisten hätte jedoch alles, was darüber hinaus gegangen wäre, sehr erstaunen müssen. Hinter den Kulissen arbeiten Intel und Nokia fieberhaft an der Integration der nun geschaffenen gemeinsamen Basisplattform in ihre jeweiligen Produktsysteme. Intel wird Moblin einbringen und Nokia wird die nächste Maemo-6-Release auf Meego basieren lassen, so zumindest der aktuelle Plan.
Wie weit allerdings die Version 6 Meego aufnehmen wird, ist noch nicht klar. Technisch betrachtet verdichten sich allerdings ein paar Kernpunkte (Abbildung 6). Die Meego-Linux-Distribution wird, trotz großer Kritik gerade aus der Maemo-Community, RPM-basiert sein. Dies wird für einige (wohl lautstarke) Auseinandersetzungen bei Maemo sorgen. Die grafische Oberfläche wird weiterhin X11 als Basis haben, aber intensiv auf Grafikbeschleunigung durch Open GL aufbauen.

Abbildung 6: RPM-basiert, mit Linux-Kernel, D-Bus, Qt (aber auch noch ein bisschen GTK), Clutter und Open GL sowie zahlreichen Bekannten aus der Open-Source-Welt – so soll Meego daherkommen.
Das Haupt-Toolkit von Meego ist Qt, es verdrängt damit GTK+. Das Connectivity-Management erledigt Connman, das Handling der Mobilfunkschnittstelle Ofono, beides sind freie Softwareprojekte, die Intel und Nokia bereits im Vorfeld gemeinsam entwickelt haben [11].
Der Blick in die Kinderstube zeigt: Zur Zeit ist Meego vor allem für Plattformentwickler interessant. Weder Benutzer noch Applikationsentwickler können mit der Software zum jetzigen Zeitpunkt wirklich etwas anfangen. Die ersten benutzbaren Meego-Varianten werden sicherlich noch etwas auf sich warten lassen, hier ist wohl mit einem Zeitrahmen von einem halben Jahr, vielleicht auch deutlich länger zu rechnen. Bis dahin wird es noch eine ganze Reihe von Zwischenversionen (wie Maemo 6) geben, die nicht mehr ganz Maemo oder Moblin, aber auch noch nicht ganz Meego sind.
Ein harter Schlag?
Was die freie Software allgemein betrifft, ist Meego ein herber Schlag für Gnome und GTK+. Mit Nokia und Intel rutschen zwei der größten Gnome- und GTK+-Unterstützer und -Sponsoren ab. Noch beteuern zwar beide, dass dies nicht das Ende der GTK+-Unterstützung sei, doch es ist ein recht deutliches Zeichen. Und so ist absehbar, dass mehr und mehr Mobil-Entwickler Software nun für und mit Qt statt GTK+ entwickeln werden, auch für Fernseher und Autos. (mfe)
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Infos |
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[1] Meego: [http://www.meego.com] [2] Moblin: [http://www.moblin.org] [3] Maemo: [http://www.maemo.org] [4] Linux Foundation : [http://linuxfoundation.org] [5] Genivi: [http://www.genivi.org] [6] Maemo Garage: [http://garage.maemo.org] [7] Ari Jaaksi, Leiter Meego-Devices bei Nokia: [http://jaaksi.blogspot.com] [8] Open Embedded: [http://www.openembedded.org] [9] Meego-GIT-Repository: [http://meego.gitorious.org] [10] Meego-Downloads: [http://meego.com/downloads] [11] Markus Feilner, Nils Faerber, “Spreu von Weizen, Mobile Linux-Plattformen”: Linux-Magazin 03/2010, S. 36 |






