Warum Red Hat und Novell die wohl weltweit erste Professur für Open Source finanzieren und was Professor Dirk Riehle in den nächsten Jahren vorhat: Das Linux-Magazin trägt Stimmen und Fakten zusammen.
Fünf der letzten 13 Jahre hat er bei den monetären Franken verbracht, bei den Bank-Informatikern der UBS in der Schweiz. Dann zog ihn SAP ins Silicon Valley, wo er als Leiter einer Forschungsgruppe der Walldorfer für Free Software Research zuständig war. Seit dem Wintersemester ist Dirk Riehle zurück in Deutschland, um im Schatten der Nürnberger Burg Open Source zu lehren.
Die “garantiert erste OSS-Professur” an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen- Nürnberg (FAU, [1]) möchte er “unabhängig” und “interdisziplinär gestalten”, er verspricht vielschichtige Forschung, die “sowohl für Industrie als auch Entwickler von Interesse” sein soll. Unterstützung findet er bei Red Hat und Novell/ Suse, und wie immer, wenn im Frankenland die Worte Business und Linux fallen, ist auch die Open Source Business Foundation (OSBF) um Richard Seibt nicht weit. Red Hat und Novell zahlen je eine halbe Doktorandenstelle, eine ganze ist mit 70 000 Euro pro Jahr dotiert.
Seine Unabhängigkeit sieht Riehle davon aber nicht beeinträchtigt: “Da läuft ja kein Mitarbeiter herum, der den halben Tag einen roten Hut aufhat und danach ein grünes T-Shirt überziehen muss.” Überhaupt ist er hauptsächlich “deshalb zurück nach Deutschland, weil hier eine freiere und nachhaltigere Entwicklung und Forschung möglich ist als in Amerika”. Dort müssten Projektgruppen schon mal alles stehen und liegen lassen, wenn die Förderung ausläuft, während in Deutschland Professoren noch verbeamtet werden.
Sponsoring
Dass Firmen wie Red Hat das sponsern, erklärt Linux-Evangelist Jan Wildeboer auf einer Veranstaltung bei der OSBF (Abbildung 1) so: “In den USA haben wir bei Red Hat jedes Jahr 50 bis 100 Praktikanten, in Deutschland dagegen noch sehr wenige. Der Return-on-Investment ist bei freier Software schwer zu fassen, aber die Softwarebranche macht traditionell viel aus dem Bauchgefühl heraus. Genau deshalb braucht das Open-Source- Modell endlich einen wissenschaftlichen Hintergrund.” Dirk Riehle scheint keiner für laute Töne, sachlich spricht er vom “exponentiellen Wachstum der Anzahl der Open-Source- Projekte”, davon, dass “Open Source mittlerweile überall ist”, “die Forschung vielschichtiger wird” und davon, dass der Allmende-Gedanke, das Allgemeinwohl im Hintergrund, auch für viele OSS-Geschäftsmodelle immer wichtiger würde. “Das ist heute auch Konzernen wie SAP sehr wohl bewusst”, verweist er auf seine Erfahrungen in Kalifornien. “Aus unseren Forschungsarbeiten ist deutlich ein Trend zu beobachten: Bei Lösungen, die auf offene Standards und Open-Source-Methoden setzen, erhöht sich die Erfolgsquote von Großprojekten im Vergleich zu traditionellen Methoden deutlich.” Und erwartungsgemäß sieht er sich als Schnittstelle zwischen Forschung und Wirtschaft: “Wir wollen zusammen mit Partnern aus der Industrie die Entwicklung von Open Source in Deutschland begleiten und fördern.”
Inhalte
Dafür will er sein Team auf die Verbesserung von OSS-Development-Tools und -Prozessen ansetzen, Geschäftsmodelle analysieren und konsortiale Entwicklungen erforschen. “Wie funktionieren kommerzielle Open-Source-Start-ups? Welche rationalen Investitionsmodelle brauchen Konzerne oder Behörden, um in freie Software zu investieren?” Open Source als Go-to-Market-Strategie hat seiner Beobachtung nach mehrere Vorteile, die zusammengenommen traditionelle Wettbewerber regelrecht im Staub stehen lassen. “Deswegen finden Sie bei neuen Märkten fast nur noch Open Source”, erklärt er dem Linux-Magazin. OSS-Firmen hätten sehr viel geringere Kosten bei gleichem Kundenwert. “Es wird bei äquivalenten Produkten sehr schwer für einen Closed-Source-Wettbewerber, mit einem OSS-Anbieter mitzuhalten. Und von Benutzerinnovationen profitieren OSS-Firmen viel mehr als traditionelle Bewerber.”
Die Idee zu der Professur geht zurück auf eine Initiative der Universität, die PR-Macher sprechen blumig von einer “einmaligen Vorgehensweise à la Silicon Valley”, einer “Win-Win-Situation für Unternehmen und die Universität”. Abseits von Idealisten könne wohl auch kein Linuxer mehr leugnen, dass OSS immer auch ein Businessmodell ist, das vielerorts höheren Nutzen bringt als gängige Entwicklungsmethoden. “Egal ob Cloud Computing, Collaboration, Groupware oder komplexe Verkehrsleitsysteme, ganze Konzerne argumentieren mit der höheren Sicherheit von OSS-Werkzeugen”, erklärt Richard Seibt von der OSBF.
Uni-nah: Red Hat
Werner Knoblich, Vice President und General Manager EMEA, verweist auf die traditionelle Nähe seiner Firma zu Universitäten: “Red Hat war schon immer Uni-nah, unser Hauptquartier liegt ja auf dem Campus in Raleigh.” Den Zeitpunkt begründet er mit der explodierenden Adaptionsrate “Heute laufen 90 Prozent der OSS-Lösungen auf OSS-Betriebssystemen. Nach der ersten WWW-Blase um die Jahrtausendwende kam der erste Schub, jetzt explodieren die Nutzerzahlen. Beim Sparen gibt es wohl keine heiligen Kühe mehr.” Angetrieben von diesem Erfolg erhofft sich Red Hat von Riehle Hintergründe zu den sozialen Netzwerken, die OSS leiten.
Viel euphorischer noch sieht das Jan Wildeboer und zählt auf: “Das Pendel schlägt zurück. Firmen sagen uns, jetzt haben wir die freien Toolchains. Viele Unis im Ausland sind ja eher Verkaufsveranstaltungen von Microsoft. Aber die Zeiten ändern sich: Facebook hat so viel Mitglieder wie das viertgrößte Land der Erde Einwohner, Youtube ist das TV von morgen. Die Kette Community-Universities- Companies soll nicht reißen. Das Social Web wäre, so wie es heute dasteht, ohne OSS gar nicht möglich.”
Uni-nah: Suse
Das schlägt sich auch in Riehles Forschungsbereichen nieder. Auf der technischen Seite sollen Projektgruppen und Studenten die Wikipedia-Technologie aufräumen und Softwareschmieden à la Sourceforge oder den Suse Build Service unter die Lupe nehmen. Da ist die räumliche Nähe zu Novell hilfreich und wird von deren PR-Strategen auch gerne betont. “Viele unserer Mitarbeiter kommen von der FAU, vor allem mit dem Lehrstuhl für Betriebssystemtheorie haben wir immer wieder gerne kooperiert und Doktorarbeiten betreut”, erläutert Holger Dyroff, Novell Vice President of Business Development. “Wir verfügen aus dem Build Service über Unmengen von Daten und Dokumaterial, das nur darauf wartet, ausgewertet zu werden.”
Riehle selbst will sich auf die Strategien von Konzernen, Konsortien und Single- Vendour-OSS-Firmen konzentrieren, die der einzige Hersteller einer freien Softwarelösung sind. Seine erste Vorlesung – “Agile und OSS-Software-Entwicklung anhand eines Beispiels” – findet regen Zulauf. Noch mehr Nachfragen gibt es für seine Praktika (mit Themen wie Android und Embedded Linux) und Diplomarbeiten. Wer bei ihm promovieren möchte, muss Open-Source-Software entwickeln. Riehles Unix-Geschichte (siehe Kasten “Kurzbiographie” fängt bei Sun Solaris an, reicht über Bank-Linuxe bis zu Debian und modernen Enterprise-Distributionen wie RHEL und SLES. Seine aktuelle Hauptbeschäftigung? Sponsorenakquise. Mit viel Mitbestimmung dürfen die aber nicht rechnen, es sei denn, es handelt sich explizit um Drittmittelprojekte. Die beiden Doktorandenstellen sind auf drei Jahre befristet, dann ist wohl auch absehbar, was ein Open-Source-Professor in Deutschland bewirken kann. Die Ausrichtung sowohl auf Community als auch auf den Enterprise-Einsatz scheint vielversprechend, stellt aber auch einen nicht einfachen Spagat dar. Den muss Dirk Riehle meistern.
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Infos |
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[1] Webseite der Professur: [http://osr.informatik.uni-erlangen.de] [2] Dissertation: [http://dirkriehle.com/computer-science/research/dissertation] [3] Erich Gamma, Richard Helm, Ralph Johnson und John Vlissides, “Entwurfsmuster: Elemente wiederverwendbarer objektorientierter Software”: Addison-Wesley, 2004 [4] UML Virtual Machine: [http://dirkriehle.com/computer-science/research/2001/oopsla-2001.html] [5] Riehles Blog bei SAP: [http://www.sdn.sap.com/irj/scn/weblogs?blog=/pub/u/251746144] [6] Internationales Wiki-Symposium: [http://www.wikisym.org] [7] Riehles Blog: [http://dirkriehle.com] [8] Twitter: [http://twitter.com/dirkriehle] |






