Viele der Argumente pro und kontra Blades sind schnell einzusehen: Kompakte Bauweise, effizienter Energieverbrauch und einfaches Management reklamieren die Befürworter für sich, während Skeptiker Zweifel wegen Hitzeballungen und Vendor-Lock-ins hegen. Ein Tauziehen.
In einem sind sich alle einig: Ob Blades zum Einsatz kommen sollten oder nicht, hängt vor allem vom Anwendungsszenario, den Anforderungen und Wünschen der Betreiber ab. Und die sind nun einmal so unterschiedlich wie ihre Anwender. Das Linux-Magazin hat sich unter Systemadministratoren und IT-Leitern umgehört, wie sie zu dem Thema stehen.
Flexibel für Anwälte
Das norddeutsche Systemhaus Quintalog betreut vornehmlich Rechtsanwälte und Steuerberater, die Anwendungen wie beispielsweise Datev betreiben. Diese Kunden betreut Quintalog so, dass das Unternehmen die Anwender schult, Testumgebungen aufsetzt und Entwicklungsumgebungen bereitstellt. Am wichtigsten jedoch ist das Angebot, im Falle eines Problems mit den Kundenmaschinen Ausweichsysteme anzubieten, beschreibt Quintalog-Geschäftsführer Mark Bröcker (Abbildung 1): “Und dazu setzen wir insgesamt sieben Bladecenter an zwei Standorten ein.”

Abbildung 1: Mark Bröcker ist Geschäftsführer der Quintalog Systemhaus GmbH. Wechselnde Anforderungen seiner Kunden – Rechtsanwälte und Steuerberater – haben ihn zum Befürworter von Blades gemacht: „Wir schätzen ihre Flexibilität.“
Flexibilität ist oberstes Gebot, denn neben Linux-Distributionen von Red Hat, Suse, Debian und Ubuntu kommen auch proprietäre Betriebssysteme zum Einsatz. Zudem setzt das Systemhaus sowohl auf Intel- als auch AMD- und Power-CPUs. Eine Virtualiserungssoftware kommt in einigen Fällen noch obendrauf. Bröcker erklärt: “Wir bemühen uns, nicht alles 24/7 laufen zu lassen, sondern haben die Daten weitestgehend auf einem SAN-Storage konsolidiert und schalten dann bedarfsgerecht die einzelnen Blades ein.”
Die einfache Wartung war der Hauptgrund für die Entscheidung, erinnert sich Bröcker: “Die Zugang per KVM sowie das Ein- und Ausschalten sind einheitlich gelöst. Der Kabelverhau hinter den Systemen ist erheblich reduziert. Via VPN können sich unsere Mitarbeiter ihre Arbeitsumgebung nach Bedarf selbst einschalten und auch teilweise selbst warten. Wir nehmen gerne mit, dass die Systeme von sich aus redundant ausgelegt sind.” Quintalog attestiert den Lüftern, Netzteilen, dem SAN und dem Netzwerk insgesamt eine höhere Verfügbarkeit. Die Energiekosten sind für das Unternehmen nicht ganz so relevant, da nur ein kleiner Teil rund um die Uhr läuft. Platz spielt eine größere Rolle, da an jedem der zwei Standorte nur maximal vier Racks untergebracht werden können.
Bröcker sieht das Thema aber auch differenziert: “Blades lohnen sich erst ab einer gewissen Größe. Gerade wer anfangs nur wenige Server braucht, scheut die hohen Kosten besonders der I/O-Module. Die sind einfach erheblich teurer. Zwar bieten viele Hersteller hohe Bandbreiten bis in den Enterprise-Bereich hinein. Kleinkram hingegen wie USB-Modems oder ISDN-Schnittstellen, die einige Bankanwendungen zwingend benötigen, sind oft ein leidiges Thema”, seufzt der Informatiker. Trotz aller Emulationsschichten setzen daher viele Kunden weiterhin einen Legacy-Server ein.
Im Hamburger Untergrund
Ein ganz anderes Einsatzgebiet haben die 793 Blades im Untergeschoss des Deutschen Elektronen-Synchrotrons (DESY) in Hamburg (Abbildung 2) sowie 360 weitere am zweiten Standort Zeuthen bei Berlin. Im größten deutschen Teilchenbeschleuniger erledigen die flachen Rechner meist wissenschaftliche Berechnungen, aber zu rund zehn Prozent auch klassische Aufgaben wie E-Mail und einige Datenbanken. Die mehr als 80 Chassis unterschiedlicher Ausstattung aus Dells M-Serie und HPs Proliant-Linie betreibt das DESY bereits seit bis zu sechs Jahren. Je nach Einsatzzweck sind meist zwei Quadcore-CPUs und 24 oder 48 GByte Hauptspeicher pro Blade in Betrieb. Auf den meisten Knoten läuft Scientific Linux 5, ein RHEL-Derivat.

Abbildung 2: Unter dem Deutschen Elektronen-Synchrotron (DESY) in Hamburg verrichten knapp 800 Blades ihren Dienst, um Petabyte-weise Daten der Forschungsprojekte Petra und des LHC zu bearbeiten. Um nicht bald wieder umziehen zu müssen, setzt die IT-Abteilung auf Energieeffizienz und hohe Packungsdichte.
Dr. Knut Woller, stellvertretender IT-Leiter des DESY (Abbildung 3), plant langfristig, da manche Forschungsaufgaben Jahre bis zu ihren Ergebnissen benötigen. Da das Institut kontinuierlich neue Systeme zukauft, schätzt er das skalierbare Management, um mit den wachsenden Datenmengen Schritt zu halten.

Abbildung 3: Knut Woller ist stellvertretender IT-Leiter am DESY: „CPU-Dichte, Management und Energiekosten sprechen für Blades.“
Ein weiterer Faktor ist der Platzbedarf, denn eines der Rechenzentren ist erst 2005 in neue Räume gezogen. “Wir haben Platz für 1500 Höheneinheiten und eine Strom- und Klimaleistung von 500 Kilowatt. Darum sind Platzbedarf und Energieverbrauch pro Server für uns wichtig, wenn wir nicht schon wieder umziehen wollen”, gibt Knut Woller Auskunft über die Ziele der Hardwarestrategie.
Bei den Stückzahlen spielt aber auch der Preis eine wichtige Rolle: “Bei der von uns eingesetzten Größenordnung kommen wir nach unserer Vollkostenrechnung auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis”, sagt Woller. Er schätzt die hohe Energieeffizienz und die rund 60 Prozent höhere Dichte als bei klassischen Servern in 1U-Racks. Zwar seien diese Rechner trotz der Großabnehmerkonditionen und europaweiter Ausschreibung für Blades günstiger als diese, aber die Mehrkosten holt Woller durch geringere Material- und Betriebskosten wieder rein.
Die Systeme im DESY verarbeiten pro Jahr rund 2 PByte Daten. Daher sind die Blades mit vielen I/O-Schnittstellen von I-SCSI über Fibre Channel bis hin zu Infiniband ausgerüstet, denn das DESY ist ein Knoten des Grid vom Large Hadron Collider (LHC) in Genf.
Entwickler lassen durchfallen
Wieder andere Einsatzzwecke hatte die Tallence GmbH im Sinn, die große Unternehmensportale vorrangig mit Java EE entwickelt und dazu bislang viele unterschiedliche Sun-Maschinen im Einsatz hatte. Als die nicht mehr schnell genug waren und es Zeit wurde, sie zu konsolidieren, erwog die IT-Abteilung auch Blades einzusetzen.
Sven Dehmlow, IT-Consultant bei Tallence (Abbildung 4) erinnert sich an die Entscheidungsfindung: “Wir haben uns letztlich gegen die Blade-Lösung entschieden, da die Anschaffungskosten für ein Center in keinem Verhältnis zu den Anschaffungskosten gleich schneller Standardhardware stehen. Besonders die IBM- und HP-Steuer auf jedes Zubehörteil hat sich in unserer Rechnung niedergeschlagen.”

Abbildung 4: Sven Dehmlow betreut die Server der Tallence GmbH, die Java-Entwicklung betreibt. Statt Blades entschied sich das Unternehmen für leistungsstarke Server und Virtualisierung.
Er beklagt, dass für den Einsatzzweck die Fixkosten für Chassis und Managementkomponenten zu hoch seien. Er berichtet: “Heute benutzen wir mehrere starke Server und teilen sie per Virtualisierung auf.” Das Unternehmen setzt dazu Doppel-Quadcores von Intel mit jeweils 24 GByte RAM, einem Raid-1 im TByte-Bereich sowie redundanten Netzteilen ein. Die Managementkonsole der Virtualisierung sei funktional vergleichbar mit Blade-Lösungen. Mittelfristig denkt Dehmlow gar über remote schaltbare Server und KVM-Steuerung nach, sieht zurzeit aber dazu noch wenig Bedarf: “Bei uns sitzt ohnehin immer ein Entwickler nahe des Servers, der die Kompetenz hat, ihn ein- und auszuschalten.”
Umweltsünde – Umweltschutz
Speedpartner bezeichnet sich selbst als Full-Service-Internetagentur. Das Unternehmen aus Neuss hostet größere und kleinere Kunden und versorgt sie mit Netz- und Serverdiensten. Geschäftsführer Stefan Neufeind (Abbildung 5) hat schon mit dem Gedanken gespielt, Blades einzusetzen: “Das Thema wird in den letzten Monaten so gehypt, dass niemand daran vorbeikommt”, weiß er über die Befindlichkeit der Branche.

Abbildung 5: Stefan Neufeind ist Geschäftsführer der Speedpartner GmbH in Neuss: „Blades erzeugen zu viel Wärme an einem Punkt und sind vom Preis her unattraktiv.“
Ein Rechenzentrum muss für den Betrieb von Blades ausgelegt sein. Durch ihre hohe Packdichte erzeugen sie viel punktuelle Wärme und haben – gemessen am Platzbedarf – eine hohe Energieaufnahme. Die meisten Rechenzentren sind für derartige Wärmelasten nicht konzipiert, wenn ihre Erbauer sie nicht explizit dafür geplant haben. “Unser Data Center wurde ursprünglich für Wärmelasten von rund 1000 Watt pro Quadratmeter ausgelegt”, erinnert sich Neufeind und verrät: “Wir verbrauchen gegenwärtig aber schon das Drei- bis Vierfache – und das alles noch ohne Blades.”
Weil sein Rechenzentrum nicht für weitere Steigerungen ausgelegt ist, hat sich das Unternehmen gegen die flachen Einschübe entschieden, da es über genügend Platz verfügt. Außerdem findet er Blades auch preislich im Verhältnis zu teuer.
Unentschieden
Ob sich ein Bladesystem lohnt oder nicht, beeinflusst entscheidend der Einsatz. Leichte Verwaltung und Effizienz auf der einen, niedrigere Anschaffungskosten und geringere bauliche Anforderungen auf der anderen Seite prägen die Entscheidung. Gut, wer jemanden hat, den er nach Erfahrungen fragen kann.





