Haben Sie Kinder, bei denen die Berufswahl ansteht? Keine einfache Entscheidung: Kfz-Mechatroniker? Was Soziales vielleicht? Ärztin aus Leidenschaft? Wirtschaftsinformatiker? Was hatte gleich einen goldenen Boden? Im Angesicht der Wirtschaftskrise, vielleicht besser ein Beruf mit Tradition? Ich empfehle Letzteres und möchte Ihren elterlichen Blick auf eine Tätigkeit lenken, die wieder stark im Kommen und mit sehr hohem Sozialprestige ausgestattet ist: die des Zensors.
In der römischen Republik im 5. Jahrhundert v. Chr. führten Censoren hauptsächlich Volks- und Vermögensschätzungen durch, die der Zuweisung der Bürger zu Wählerklassen und Bürgerschaften galten. Auch sorgten Censoren wie Appius Claudius Caecus, der nebenbei die Via Appia erbauen ließ, für die Besetzung des Senats und sie beaufsichtigten die Sitten der Römer. Das Amt war eines der begehrtesten im alten Rom und politisch sehr einflussreich.
Im Mittelalter fanden sich Zensoren wieder nahe der Kristallisationspunkte der Macht wieder, sprich in der katholische Kirche. Das Berufsbild hatte sich zwar ein bisschen geändert: Irrlehren bekämpfen, ketzerischen Bücher auf den Index setzen und der Inquisition zuarbeiten. Die Attribute „hoch angesehen“ und „nie arbeitslos“ freilich blieben dem Beruf erhalten.
Einen kleinen Schock hatte der Berufsstand nur 1789 im Zuge der französischen Revolution und der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ zu verkraften, in der Artikel 11 das Recht auf freie Meinungsäußerung proklamierte. Zum Glück bleiben solche Auswüchse der Aufklärung in der Praxis folgenlos, weil Verordnungen die Informationsfreiheit der Bürger sofort wieder „zu Recht stutzten“.
In der jüngeren Geschichte erwiesen sich richtig fiese Diktaturen für den Berufsstand des Zensors als paradiesisch. Heute bieten auch moderate Zwangsregime wie China Heerscharen von Zensoren ein sicheres Einkommen. Vielleicht erinnern Sie sich an die letzten olympischen Spiele in Peking und die umfänglichen Internetsperren? Denken Sie mal, wie viele Zensoren da zu tun hatten! Zu der Zeit hätten Sohn oder Tochter bereits ein prima Auslandspraktikum absolvieren können.
Wer es gern in Reichweite behalten möchte – keine Angst: Ihr geliebtes Kind findet nach der Lehre auch im Inland einen Job. Anlaufstellen sind Innenministerien bei Bund und Ländern und – am aussichtsreichsten – das Bundesfamilienministerium. Dessen Chefin nennt der Volksmund gar „Zensursula“. Einladend, nicht? Kommt Ihr Kind dort unter, muss es Kritik nicht fürchten. Es braucht nur Populistisches wiederholen wie: „Datenschutz ist Täterschutz!“
Sollte mal einer renitent einwenden, dass ein neues Gesetz die Situation der Opfer gar nicht verbessert, aber harmlose Surfer ungewollt per Link ins Visier von Fahndern geraten, dann hebt Ihr Sprössling nur die Augenbrauen und sagt: „Aha, Sie tolerieren also den fortgesetzten Missbrauch von Kindern?“ Das steht kein Kritiker länger durch. Geben Sie Ihrem Kind eine sichere Zukunft, lassen Sie es die Ausbildung zum Vormund in einem vormundschaftlichem Staat machen. Das Wohl von Kindern liegt doch allen am Herzen. Oder? Oder?!






