Opencloud forkt Owncloud -- neue Wendung bei den freien Speichercloud-Versionen

Quelle: OwnCloud

Owncloud büßt einen Großteil seiner Entwickler ein, die nun im neuen Unternehmen Opencloud ihr Projekt weiterführen wollen.

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob sich Geschichte wiederholt: Im Frühjahr 2016 verließ der Owncloud-Mitgründer Frank Karlitschek das Unternehmen, ein Dutzend Entwickler folgte ihm, und gründete im Sommer desselben Jahres die eigene Firma Nextcloud. Nun haben sich erneut viele Entwickler von Owncloud verabschiedet und finden sich in einer neuen Firma wieder, die diesmal beim bekannten Open-Source-Unternehmer Peer Heinlein (Heinlein Support, mailbox.org, OpenTalk) angesiedelt ist. Das neue Unternehmen heißt OpenCloud GmbH. Es wird den gänzlich unter freien Lizenzen (AGPL v3 und Apache) stehenden Code von Owncloud forken und mit erfahrenen Entwicklern fortführen. Erste Versionen werden noch im ersten Quartal 2025 verfügbar sein. Die Lösung kann dabei sowohl als Software-as-a-Service-Angebot über Partner bezogen, als auch selbst im eigenen Rechenzentrum (On-Premise) betrieben werden. Dies ermöglicht Organisationen, die volle Kontrolle über ihre Daten zu behalten.

Beim zweiten Blick aber stellt sich doch kein Déjà vu ein, die Dinge liegen diesmal nämlich anders. Vorausgegangen war der Kauf von Owncloud im November 2023 durch das Technologieunternehmen Kiteworks Europe AG, Tochter der amerikanischen Kiteworks LLC, dass weltweit vertreten ist und nach eigener Aussage 100 Millionen Nutzer bedienen soll. In der Ankündigung der Fusion lobt man sich noch gegenseitig als idealen Partner, mit dem Kiteworks seine Position auf dem europäischen Markt stärken wollte und Owncloud sich Zugriff auf Ressourcen des weltweit agierenden Konzerns und dessen erweiterte Sicherheits- und Compliance-Funktionen versprach. “Die Open-Source-Position von ownCloud bleibt auch nach der Fusion unverändert”, hieß es da ausdrücklich.

Interna

Intern kamen aber offensichtlich recht bald Zweifel auf, ob das mit der Eigenständigkeit und dem Fortbestand von Owncloud wirklich ernst gemeint war. Nachdem schon zu Jahresbeginn verschiedene Mitarbeiter gehen mussten, soll im Juli auch der Sales-Leiter mit seinem Vertriebsteam gefeuert worden sein und der Produkt-Manager gekündigt haben, sodass die Entwickler den Eindruck gewinnen konnten, vom Vertrieb ihres Produkts abgeschnitten zu sein. Außerdem traf wohl auch der Führungsstil der Amerikaner nicht auf die erhoffte Gegenliebe. Unmut machte sich breit und führte schließlich zu einer massenhaften Kündigung von Entwicklern, die sich anschließend bei verschiedenen Unternehmen, unter anderem bei Peer Heinlein bewarben. Die Initiative ging von den Entwicklern aus, er habe niemanden abgeworben, betont der Unternehmer im Gespräch mit dem Linux-Magazin — auch wenn ihm Kiteworks das Gegenteil unterstellt, unlauteren Wettbewerb vorwirft und eine Klage androht.

Das Linux-Magazin sprach auch mit Jonathan Yaron, dem CEO von Kiteworks. Seine Sicht der Dinge ist nicht überraschend eine andere: Alles laufe bei Owncloud nach Plan, Kiteworks sei nach wie vor absolut in der Lage die Software weiterzuentwickeln und zu supporten. Man sei eine 500-Mann-Firma mit einer sehr großen Entwicklungsabteilung, die durch den Zukauf von Dracoon noch verstärkt wurde. Da sei das Ausscheiden von 15 Mitarbeitern unbedeutend. Nichtsdestotrotz sei deren Verhalten illegal und unrechtmäßig, sie hätten Kiteworks intellektuelles Eigentum gestohlen und man würde sie davor vor Gericht haftbar machen wollen.

Beobachter

Owncloud-Kunden und -Partner reagieren teils abwartend. Wir baten bei Univention, das Owncloud in seine Produkte integriert, um eine Stellungnahme. Uns antwortete Alice Horstmann, Head of Communication: “Univention hat ein jahrelanges sehr gutes Verhältnis zu Ownloud und auch zu Kiteworks Europe und uns liegen keine Informationen vor, dass sich etwas daran geändert hat und die Partnerschaft nicht fortgesetzt wird. Aber natürlich beobachten wir gleichzeitig genau, ob das auch so bleibt. Gleichzeitig besteht auch eine gute Partnerschaft zu der Firma Heinlein und wir beobachten mit großem Interesse deren Arbeit an Opencloud. Falls von Seiten Heinleins Interesse besteht, die neue Lösung für das Univention App Center und eine Integration an das IAM Nubus und UCS bereitzustellen, würden wir das unterstützen und uns über einen Migrationspfad freuen, über den Nutzer einen Wechsel einfach bewerkstelligen könnten. Damit wäre die Wahlfreiheit zwischen den unterschiedlichen Lösungen gegeben.”

Ausblick

Wie es weitergeht, scheint bislang nicht in allen Punkten geklärt. Ob Owncloud tatsächlich in der Lage ist, den Verlust des Großteils seiner Entwickler so einfach zu verkraften, bleibt abzuwarten. Sollte es gelingen, konkurrieren dann drei ursprünglich aus demselben Code hervorgegangene Clouds miteinander. Als Positivum bleibt unter dem Strich die Erkenntnis, dass ein zentrales Versprechen von Open Source eingelöst wird: Freie Software kann unabhängig von einem bestimmten Produzenten weiterleben. Anders als bei proprietärem Code, den Dritte im Bedarfsfall nicht ohne Weiteres übernehmen und pflegen könnten, erweist sich Open Source als enorm widerstandsfähig. Ein Open-Source-Projekt kann den krisenbedingten Ausfall seines ursprünglichen Herstellers überstehen, weil jeder sich um Code unter einer freien Lizenz kümmern und ihn weiterentwickeln, betreuen und vertreiben kann. Das ist keine bloße Theorie, wie sich jetzt am praktischen Beispiel miterleben lässt.

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4 Kommentare
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DoctorWer
1 Jahr her

Hmm schon komisch wie laut Aussage eines Jonathan Yaron, open Source als geistiges Eigentum von Kiteworks bezeichnet werden kann.

Rudi123
1 Jahr her

Leider sind keine Originalquellen verlinkt aus denen man mehr erfahren könnte. Der Artikel spricht davon, dass es damit drei Cloudlösungen aus demselben Code hervorgehen. Da stellt sich mir die Frage was Opencloud da abspaltet: OwnCloud 10 (auf PHP-Basis und verwandt mit den frühen Versionen von Nextcloud) oder OwnCloud Infinite Scale (auf Go-Basis und eine komplett andere Software).

mbd
6 Monate her
Reply to  Rudi123
Englischlehrer
1 Jahr her

Danke für den Artikel. Nitpick: “on premise” gibt es nicht im Englischen, nur “on premises“. Das Wort “premise” hat eine ganz andere Bedeutung als das Wort “premises”, dass es nur im Plural gibt.

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