“Unser Problembewusstsein war erst mal deutlich größer als die Lösungskompetenz, die wir hatten”, sagt Christian Nähle vom Verein Do-Foss aus Dortmund. “Open Source ist in der Verwaltung angekommen, jetzt geht es um die richtige Umsetzung.”
Auf die Südtribüne des Signal Iduna Parks in Dortmund passen knapp 25 000 Menschen. Die Gelbe Wand ist die größte Einzeltribüne Europas, das ehemalige Westfalenstadion eines der größten und lautesten der Welt. Dortmund und der BVB sind bekannt für die legendäre Stimmung und das tief verwurzelte Gemeinschaftsgefühl, das so anders ist als bei vielen anderen Fußballvereinen. Obwohl die Borussia mittlerweile als reiche Aktiengesellschaft dasteht, blieb Dortmund doch Stadt der Arbeiter, in der Ruhrpott-Tradition und wie Bochum [1] immer noch mitten drin im Strukturwandel. Aber der BVB ist nicht das einzige, mit dem die 600 000 Einwohner zählende Wirtschaftsmetropole immer wieder Aufmerksamkeit generiert: Dortmund gilt auch als Vorreiter in Sachen Open-Source-Software in der Verwaltung.
Der Strukturwandel vollzieht sich allerorten nicht nur weg von der Auto-, Stahl- und Kohleindustrie, hin zur modernen Hochtechnologie, sondern auch speziell hin zu Open Source: Da steht Europa und erst recht Deutschland als ein Vorreiter da [2], der das selbst oft gar nicht bemerkt. Mittlerweile haben fast alle deutschen Großstädte freie Software auf dem Radar, ebenso die Mitgliedsstaaten und Gremien der EU. Dortmund ist da zunächst nichts Besonderes, man nutzt Open-Source-Software wie Drupal oder QGIS ausgiebig.
In den Rechenzentren fast sämtlicher europäischen Behörden werkeln die Linux-Web- und Mailserver ja schon gefühlt ewig. Sie haben sich so bewährt, dass es gar keine Frage mehr ist, ob man Open Source einsetzen will, berichtet Christian Nähle (Abbildung 1). Der Verwaltungsfachwirt ist nicht nur Geschäftsführer (und Mitgründer) der Dortmunder Initiative für Freie und Open-Source-Software Do-FOSS, er ist auch bei der Stadtverwaltung selbst beschäftigt und zeigt sich überzeugt: “Der Begriff ‘Open Source’ ist abgeräumt, der ist aus der Politik in die Verwaltung migriert, jetzt geht es um die bestmögliche Umsetzung. Aber der Grundsatz ‘wir wollen Handlungsfähigkeit und brauchen deshalb strategisch mehr Open Source’ ist gesetzt. Das geht nicht mehr weg.”

Abbildung 1: Christian Nähle. Der Verwaltungsfachwirt ist Geschäftsführer (und Mitgründer) von Do-FOSS, als Projektleiter der Stadtverwaltung tätig und regelmäßiger Gast in Podcasts. Quelle: Christian Nähle
Woher nehmen?
Open Source sei lange schon ein Standortfaktor geworden, berichtet er. Die Verwaltungen wollen Fachanwendungen in freier und Open-Source-Software beschaffen, fänden aber häufig nicht genug und oft gar keine Anbieter. “Es gibt ein Angebotsproblem.” Aber wer soll die Fachanwendungen produzieren? “Mein Open-Source-Herz sagt: Egal, Hauptsache freie Software. Mein Dortmunder Herz sagt: Das können doch lokale Firmen machen.” Deshalb, so Nähle, rede Do-FOSS viel mit der Wirtschaftsförderung und strebe eine enge Zusammenarbeit mit Dortmunder IT-Firmen an [3].
“Wir haben 11 000 Kommunen in Deutschland, vielen von ihnen, gerade den kleineren fehlt schlicht die Fachkenntnis. Auch mangels Ressourcen können die oft nicht so, wie sie gern wollen.” Die Gesetze sind ja überall weitgehend gleich. Dortmund, München oder Treuchtlingen – alle müssen dieselben hoheitlichen Aufgaben erledigen. Probleme bereitet dabei eher das hoheitliche Denken, im IT-Jargon als NIH-Syndrom (“not invented here”) bekannt.
In Dortmund hat man sich auch deshalb dazu entschieden, die Gemeinschaftsaufgabe in den Vordergrund zu stellen. Das ist ebenso nötig wie von allen Beteiligten erwünscht. Gleichzeitig nimmt man an Projekten teil, die die gute Nachricht von Open-Source-Erfolgen in die Welt tragen. Die Städte Dortmund, München und Berlin riefen beispielsweise 2023 die Open Source Big 3 ins Leben [4].
Dortmund richtete gleichzeitig die Koordinationsstelle Digitale Souveränität und Open Source ein. Geplant ist, die Big 3 in ein Open-Source-Board zu überführen, das als Forum für den Austausch für weitere Kommunen geöffnet werden soll.
Die Koordinierungsstelle hatte der Rat der Stadt Dortmund bereits im Dezember 2022 einstimmig beschlossen. Man ist sich durchaus bewusst und einigermaßen stolz darauf, “dass die Stadt als Vorbild für die Einführung solcher Software in der Verwaltung und als Referenzpunkt für ein breites Netzwerk von Städten dient”, so Nähle in einem Podcast 2022 [5].
Und Do-FOSS, die lange davor im Jahr 2014 gegründete Initiative, unterstützt bei der Einarbeitung der Person, die bei der neuen Koordinierungsstelle arbeitet. Do-FOSS möchte damit gewährleisten, dass Erfahrungswerte, Historie und Netzwerke geteilt werden. “Wir überlegen noch, wie wir aus Dortmund der Rolle der kommunalen Wegbereiterin für mehr digitale Souveränität noch besser gerecht werden können, damit auch andere Kommunen profitieren können.”
Oft trifft Nähle dabei auf ein grundlegendes Verständnisproblem. Ja, immer noch muss er Menschen erklären, wie Open Source funktioniert und warum das ganze Modell so anders ist als bei proprietären, kommerziellen Produkten. “Proprietäre Software behandelt man wie einen realen Gegenstand, man ‘kauft sie ein’, aber eigentlich least man sie ja nur über die gekauften Lizenzen”. Weil man kein Anrecht erwirbt zu erfahren, wie die Software die Daten wirklich verarbeitet, kann man eben auch keine Qualitätsaussage treffen. “Open Source liegt unseren Ansprüchen da viel , als viele denken, auch und gerade in der Verwaltung.” Zudem ahnen die Menschen häufig nicht einmal, wie viel zusammenbrechen würde ohne Open Source und ohne den freien Wettbewerb der Ideen.
Tomaten und freie Software
Zum Erklären der Begriffe Open Source und Digitale Souveränität greift der Do-FOSS-Chef häufig auf genetisch modifizierte Tomaten und “hybrides” Saatgut zurück. Was weit hergeholt klingt, erweist sich als naheliegend und schnell erklärt. Hybrides Saatgut bringt einmal Früchte hervor, aber kein neues Saatgut. Das muss der Bauer immer neu und teuer bei Anbietern wie Monsanto kaufen, alle Jahre wieder. Das Geschäftsmodell ist gesichert, doch die Bauern verlieren eine grundlegende Freiheit und ihre Unabhängigkeit.
Proprietäre Software mit Zwang zum Erwerb von regelmäßig verfallenden Lizenzen nutzt ein ganz ähnliches Modell. “Am Anfang ging es viel darum, proprietäre Software zu problematisieren und dadurch auch eine Verantwortung bei bestimmten Entscheidungsträger*innen in der Kommunalverwaltung herzustellen. Denn wir haben festgestellt, dass die Leute, die noch kein Problembewusstsein haben, freie und Open Source Software gar nicht als Lösung verstehen können. Mit der Zeit ist klar geworden, dass es häufig darum geht, Zusammenhänge herzustellen und das abstrakte Thema Digitalisierung in konkreten Bildern anschaulich und dadurch diskussionsfähiger zu machen. Das muss sich entwickeln und dabei vergehen schnell auch Jahre, aber auch das hat uns immer Spaß gemacht.” schreibt Nähle im Blog “Was wir tun können” [7].
Mit dem Markt hat auch die größte Schwierigkeit zu tun, der die Open-Source-Evangelisten regelmäßig begegnen: “Wir wollen freie Software breit zugänglich und nutzbar machen, möchten aber trotzdem sicherstellen, dass sie nicht der reinen Marktlogik unterworfen wird.” Nähle versteht Gemeinwohl im Kontext der freien Software durch die vier grundlegenden Werte von freier Software repräsentiert: Verwenden, Verstehen, Verbreiten, Verbessern. “Da war die Einrichtung der Koordinierungsstelle unser größter Erfolg. Damit hat sich Freie Software bei der Stadtverwaltung institutionalisiert, da jetzt strukturiert, strategisch und eigenständig seitens der Verwaltung an dem Thema gearbeitet wird.”
Seit Mitte 2024 hat Katharina Flisikowski (Abbildung 2) die Koordinierungsstelle unter sich. Sie ist offiziell zuständig für das Projektmanagement Digitale Souveränität und Open Source im Amt für Angelegenheiten des Oberbürgermeisters und des Rates, Geschäftsbereich II – Richtlinien der Stadtpolitik | CIIO Digitale Großstadt. Ein Titel, der wohl auf keine Visitenkarte mehr passt. Flisikowski war Ende November beim ZenDiS zu Gast [8] und hat dort in einem Vortrag erklärt, worum es ihr geht und wie die Stärkung der eigenen Souveränität zur zentralen Herausforderung für Kommunalverwaltungen werden kann.

Abbildung 2: Katharina Flisikowski, Projektmanagerin für digitale Souveränität und Open Source vom CIIO der Stadt Dortmund. Quelle: Foto: Nura Qureshi
Wie Städte und Gemeinden dieser Aufgabe begegnen können, ist so vielfältig wie die Kommunen selbst. Dortmund hat sich für die Einrichtung einer zentralen Stelle entschieden, die sämtliche Maßnahmen zur Stärkung digitaler Souveränität bündelt, und verankert das Thema somit fest in den Strukturen der Verwaltung. Wie es dazu kam, welche Lehren man ziehen konnte, welche Schritte man unternommen hat und welche Rolle die Beteiligung von Akteurinnen aus Verwaltung, Politik und Gesellschaft spielt, darüber spricht Flisikowski, Projektmanagerin für digitale Souveränität und Open Source vom CIIO der Stadt Dortmund in ihrem Erfahrungsbericht.
Meilensteine
Historisch markierten fünf Meilensteine (Abbildung 3) den Weg zum heutigen Status in Dortmund: Im Jahr 2018 erschien der Masterplan Digitale Verwaltung – Arbeiten 4.0. 2021 entschied man, “wo möglich” Open Source zu machen und das der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Im selben Jahr erschien eine Roadmap zur Digitalisierung, 2024 definierte man die Strategieentwicklung im partizipativen Prozess zur Gemeinschaftsaufgabe. Das Thema ist hoch aufgehängt: Die Koordinierungsstelle sitzt im Organigramm direkt im Dezernat des Oberbürgermeisters und versteht sich als Schnittstelle im Ökosystem der öffentlichen Verwaltung zwischen Fachbereichen, Politik und Externen, will aber ebenfalls eigene Themen einbringen, beispielsweise Erlerntes von dritter Seite.
In Workshops und Veranstaltungen konnten die Dortmunder mit den Stakeholdern aus Politik und Verwaltung vier Handlungsfelder diskutieren. Immer wieder überraschte dabei die Tatsache, dass die beiden Bereiche durchaus ähnliche Wünsche, Anforderungen und Handlungsbedarfe aufweisen. Eine Kommune, die ihre digitale Souveränität mithilfe von Open Source stärken möchte, könnte sich in den folgenden vier Handlungsfeldern engagieren:
- Technologien: OSS, Open Standards, interoperable Systeme – sich also digital souveräner aufstellen,
- Sicherheit: IT-Security, Datenschutz, Rechtlicher Rahmen,
- Wissensaufbau: Transfer, Informieren und Austauschen, Bewusstsein und Haltung, Kompetenzen ausbauen – das machen beispielsweise München und Berlin mit ihren Kompetenzzentren,
- Kooperation: Netzwerke, Zusammenarbeit (Dortmund), Innovation (Schleswig-Holstein).
Flisikowski erklärt, es sei für Kommunen sinnvoll, zunächst zu überlegen: “Was davon hat man bereits, wo steht man noch am Anfang?” Es sei immer Change Management gefragt, aber vielfach sind die Handlungsfelder auch verknüpft: “Wer am Anfang steht, muss mit Information anfangen, dafür braucht es aber Kommunikation gleich Kooperation”. Man müsse eine gemeinsame Basis schaffen, informieren, also beispielsweise auf Konferenzen gehen und Ideen, Innovation sowie Zusammenarbeit “erzählen” oder in Podcasts mitwirken. Ein gutes Wissensmanagement ist dabei selbstverständlich unabdingbar.
Stakeholder & Wissenspool
Beim vielzitierten LiMuX-Projekt erwiesen sich unter anderem die Bestandsaufnahmen als wertvoller Aspekt der Open-Source-Strategie. Nicht nur bekam man ein Bild von Hard- und Software, sondern man konnte auch in den Teams und Behörden Experten und Expertinnen ausfindig machen, die vor Ort als Go-to-Personen dienten, quasi als eingebetteter, informeller First-Level-Support. Wer die auf seiner Seite hat, hat ein viel leichteres Spiel. Flisikowski spricht für Dortmund davon, “eine gemeinsame Vorstellung von digitaler Souveränität zu entwickeln.” Da seien die Workshops mit Politik und Verwaltung oft eine “sehr vielfältige Runde, mit Technikerinnen, Verwaltungsmitarbeitern, aber auch Personalverantwortlichen.” Erneut nennt sie vier wichtige Aspekte, die ihrer Erfahrung nach zum Erfolg notwendig sind:
- informieren (intern und extern),
- Möglichkeiten zum Austausch schaffen (Trainings, Workshops, Foren),
- gemeinsam Ziele und Maßnahmen erarbeiten (Zustimmung generieren und einholen),
- Strategien entwickeln.
Fazit: Vorbild für andere
Dortmund hat sich der Kooperation, dem Informieren und der Gemeinschaftsaufgabe digitaler Souveränität verschrieben. Das ist eine gute Sache, und die “Arbeitsteilung” der großen deutschen Open-Source-Kommunen zeigt nicht zuletzt den unterschiedlichen Status der Arbeiten. Aus Estland, dem Musterland der Digitalisierung, stammt die Einsicht, dass jede Digitalisierung – auch digital souverän in Open Source – von drei Faktoren abhängt: Man brauche eine politische Entscheidung, politischen, aber genauso den gesellschaftlichen Willen zum Wandel. In der Nach-Merkel-Zeit fehle der in Deutschland häufig, beklagen nicht nur unsere europäischen Nachbarn regelmäßig. Gerade deswegen scheint der Bedarf für das Dortmunder Modell groß, weshalb auch die FSFE in den höchsten Tönen vom Dortmunder Erfolg schwärmt (siehe Kasten “Public money, public code: nicht mehr umstritten”). (jcb)
“Public money, public code”: nicht mehr umstritten”
Die Initiative Do-FOSS zeigt, was zivilgesellschaftliches Engagement für freie Software in Kommunen bewirken kann. Ihr unermüdlicher Einsatz in den vergangenen Jahren konnte die Stadt Dortmund vom Prinzip ‘Public Money? Public Code!’ überzeugen. Dass kommunale Verwaltungen auf freie Software setzen sollten, ist in Dortmund dank Do-FOSS heute nicht mehr umstritten. Entscheidungspersonen aus allen demokratischen Parteien sehen dort mittlerweile die Vorteile von freier Software in Kommunen: Zusammenarbeit mit anderen staatlichen Stellen, Unabhängigkeit von einzelnen Anbietern, mögliche Steuerersparnisse, Innovationsförderung und eine solidere Grundlage für IT-Sicherheit. Es ist gut und wichtig, dass andere Kommunen auch diesen Weg einschlagen. (Johannes Näder, Senior Policy Project Manager, Free Software Foundation Europe)
Der Autor
Markus Feilner, Berater für Open-Source-Strategien aus Regensburg, arbeitet seit 1994 mit Linux. Der ehemalige Stellv. Chefredakteur des Linux-Magazins hat sich mit seiner Firma Feilner IT auf die OSI Layer 8 bis 11 spezialisiert. Als Ambassador Open Source bei Grommunio hilft er Menschen dabei, sich von proprietären Abhängigkeiten im Exchange-Umfeld zu befreien.
Infos
- ZenDiS (Teil 1): Markus Feilner, “Strukturwandel”, LM 10/2024, S. 74, https://www.lm-online.de/51106
- ZenDiS bei der UNO: https://www.golem.de/news/zendis-ein-unterschaetztes-open-source-projekt-auf-expansionskurs-2408-187555.html
- Wirtschaftsförderung: https://blog.do-foss.de/kolumne/wirtschaftsfoerderung-fuer-digitale-souveraenitaet/
- Open Source Big 3: https://fsfe.org/news/2022/news-20221215-02.de.html
- “Was wir tun können” (Podcast): https://waswirtunkoennen.jetzt/2023/05/09/freie-software-fuer-dortmund
- Tomaten und freie Software: https://waswirtunkoennen.jetzt/wp-content/uploads/2023/05/Bits-und-Baeume-Saatgut-wie-Software-768×720.png
- Blog: https://waswirtunkoennen.jetzt/2023/05/09/freie-software-fuer-dortmund/
- Podcast: https://www.youtube.com/watch?v=xXJcjAn2jo0






