Aus Linux-Magazin 01/2025

Linux-Urgestein Jon "Maddog" Hall rät Firmen zum Wechsel

© RATTANAKUN THONGBUN / 123rf.com

Warum Unternehmen nicht zu Windows 11 wechseln, sondern sich bei der großen Linux-Community, dem Linux Professional Institute und dem Upgrade-to-Linux-Projekt erkundigen sollten, wie sie auf Linux umsteigen können.

“Frei” (free) ist im Englischen ein extrem starkes Wort, aber die Business-Welt hat nur wenig zu bieten, das tatsächlich frei verfügbar im Sinne von “kostenlos” ist. Zur großen Überraschung vieler Skeptiker hat das FOSS (Free and Open Source Software) jedoch nicht davon abgehalten, in den letzten 30 Jahren die IT-Welt fundamental zu verändern. In diesem Artikel werde ich erklären, warum auch Firmen auf Linux upgraden sollten [1](Kasten “Upgrade to Linux”).

Upgrade to Linux

Ungefähr 480 Millionen Kilogramm unnötigen Elektroschrott verursache Microsofts Entscheidung, alte Rechner unter Windows 11 nicht mehr zu unterstützen, schreibt das Upgrade-to-Linux-Projekt in einer Pressemitteilung vom 4. Oktober 2024. Das vom Linux Professional Institute (LPI) initiierte und von 20 internationalen Partnern ins Leben gerufene Projekt will bei Computeranwendern das Bewusstsein schärfen, welche Auswirkungen eine solche Entscheidung für die Umwelt und den Planeten haben. Immerhin gibt es durchaus Alternativen, und die sind besser als das, was Redmond vorschlägt: Linux und FOSS. Auch das LPI arbeitet wie ein Open-Source-Projekt: Jeder kann mitmachen, Partner oder Sponsor werden.

Linux ist das Aushängeschild der FOSS-Szene, Linus Torvalds Projekt, im Jahr 1991 nur zum Spaß gestartet, wurde oft als Hobbyprojekt oder unprofessionell verunglimpft. Software Manager sahen darin weder Sinn noch Nutzen für Firmen. Dort, so die gängige Meinung, brauche es gute kommerzielle Betriebssysteme, beispielsweise Sun Solaris, Digital Unix, IBM AIX oder andere – eben solche, die von Profis programmiert wurden.

Linux-Kernel plus GNU, FSF und BSD

Zusammen mit Software aus der Free Software Foundation (FSF), der Berkeley Software Distribution (BSD) und vielen anderen Quellen entstanden aber rund um den Linux-Kernel FOSS-Environments, die von Profis und professionellen Organisationen akzeptiert und unterstützt wurden. Mehr und mehr Menschen verstanden, was “unter der Haube” vor sich ging.

Doch einige Aspekte haben manche nicht richtig begriffen oder absichtlich falsch dargestellt. Es hielten sich vor allem drei Mythen, die Hersteller proprietärer Software immer wieder als Nachteile des freien Systems ins Feld führen: Mängel bei Return on Investment (ROI), Mean Time To Repair (MTTR) und vor allem aber bei Total Cost of Ownership (TCO).

Es geht nicht allein um TCO

Die TCO betrachtet man normalerweise über einen Zeitraum von fünf Jahren und bezog Kosten für Hardware, Infrastruktur, Administration, Anwendungen, Training und selbstverständlich Softwarelizenzen in die Berechnungen ein. In den Anfangsjahren von FOSS gab es lediglich wenige Anwendungen, doch über die Jahre wuchs ihre Anzahl und gleichzeitig lösten freie Softwareprodukte mehr und mehr kommerzielle Lösungen ab, weil sie dieselben Aufgaben effizienter bewältigten. Wer will schon eine teure, proprietäre Datenbanksoftware einsetzen, wenn eine wunderbare Open-Source-DB denselben Job ebenso perfekt erledigen kann? Man spart ja nicht nur Geld bei der Softwarelizenz, sondern muss sich auch nicht mehr ums Lizenzmanagement kümmern.

Dennoch gab es zahlreiche Studien, die FOSS bescheinigten, höhere Kosten (TCO) zu verursachen als vergleichbare Systeme, selbst wenn man deren Lizenzkosten in die Rechnung einbezieht. Hauptgrund dafür seien die höheren Gehälter der FOSS-Experten, -Administratoren und -Support-Mitarbeiter im Vergleich zu den Einkommen derer, die ausschließlich Closed-Source-Tools kennen. Nach und nach musste allerdings selbst Microsoft einräumen, dass “die TCO von OSS gleich ist wie die von proprietärer Software”.

Das stimmt jedoch ebenfalls nicht, was unter anderem am angesprochenen Fünf-Jahres-Fenster liegt. Kostensprünge bei neuer Hardware oder für neue Lizenzen fallen da unter den Tisch, auch Trainingskosten für neuerliche Schulungen bei Upgrades tauchen nicht auf, sind aber wegen ständig neuer Features zwingend erforderlich.

Trainings, Schulungen und Innovationen

Anders bei FOSS: Hier sind Trainings zwar immer nötig, aber die Releases kommen inkrementell, neue Features eher nach und nach und Lizenzkosten und -Sprünge beim Renewal entfallen. Alte Hardware lässt sich mit FOSS in der Regel weiterverwenden, erweitern oder für andere Zwecke einsetzen. Oft finden sich verlässliche Wege, dieselbe oder eine vergleichbare Anwendung dort weiterlaufen zu lassen. Das beeinflusst logischerweise die TCO, die quasi auf einen längeren Zeitraum “gestreckt” wird, obwohl man für die Anwendung selbst neue Hardware anschaffen muss.

In der Anfangszeit von Linux fanden gebrauchte Geräte stets neue Verwendung, sei es als Router, Gateways, Nameserver und so weiter. Aber damit das funktioniert, brauchte es ein verlässliches Betriebssystem, das die alte Hardware unterstützt. So lässt sich ihr Wert erhalten, anstatt sie einfach wegzuwerfen.

Firmen wie Suse, Red Hat/IBM oder Canonical bieten der Industrie heute Enterprise Support auf höchstem Niveau zu branchenüblichen Preisen. Dass die TCO proprietärer Software angesichts der dort zu zahlenden Lizenzkosten höher ausfallen dürften als die von FOSS, lässt sich nur schwerlich bestreiten.

ROI ist viel wichtiger für Firmen

Aber selbst wenn die TCO beider Systeme sich gleichen, spielt das kaum eine Rolle, denn was wirklich zählt ist der Return of Investment (ROI). Firmen kaufen keine Hard- oder Software, sie wollen Lösungen und messen sie an deren ROI. Dafür sind zahlreiche Faktoren wichtig, einer der bedeutendsten davon ist allerdings die benötigte Zeit, um eine Lösung zu entwickeln und an den Start zu bringen.

In den 50 Jahren, die ich in der IT-Branche verbracht habe, habe ich viel zu viele Projekte erleben dürfen, die entweder total aus dem Ruder liefen oder nie abgeschlossen wurden. Verantwortlich dafür, dass weder Zeitplan noch Budget eingehalten werden konnten, war oft, dass Fehler in Closed-Source-Software nicht oder nicht rechtzeitig behoben werden konnten. Klar: Wenn die Firma groß genug ist (und ich habe mit einigen der größten gearbeitet), dann bekommt man schneller Feedback und Hilfe von Herstellern, Bugs werden gefixt und benötigte Features hinzugefügt. Andere Hersteller wiederum würden gern helfen, sind aber hin- und hergerissen zwischen den vielen Bedürfnissen ihrer unzähligen Kunden.

Zugriff funktioniert – unter Garantie

Bei FOSS dagegen, insbesondere Software unter der GPL, erhalten Anwender die Garantie, jederzeit auch auf den Quelltext von Betriebssystem und Anwendungssoftware zugreifen zu können. Gelingt es den Herstellern nicht, in angemessener Zeit zu liefern, kann man andere Anbieter unter Vertrag nehmen und den Patch oder das Feature von ihnen innerhalb des gesteckten Zeitrahmens entwickeln lassen. Bei zahlreichen freien Projekten lässt sich darüber hinaus der Entwicklungsprozess beobachten und abschätzen, wo die Ressourcen hinfließen. Beides lässt sich selbstverständlich ebenfalls beeinflussen, sei es durch Geld oder mehr Entwickler – mit dem Ziel, die Fertigstellung benötigter Features zu beschleunigen.

Ein Beispiel dafür findet sich in Brasilien: Das südamerikanische Land startete eine Lotterie, ursprünglich mit proprietärem Betriebssystem und Lotterie-Anwendung, geschrieben von einer Closed-Source-Firma. Das System war “stabil genug”, doch immer wenn Brasilien ein neues Spiel hinzufügen wollte, dauerte es zehn Monate (!), es zu entwickeln, zu testen und schließlich auszurollen. Brasilien soll der Firma dafür eine Million Dollar bezahlt haben – jeden Monat!

Am Ende stieg Brasilien auf ein Debian/Linux-System mit einer Lotterie-Applikation um. Letztere erstellten drei Open-Source-Entwickler, die ganz sicher nicht eine Million Dollar pro Monat verdienten. Jetzt lassen sich neue Spiele binnen drei Wochen deployen. Überlegen Sie bitte kurz: Wie viel mehr Geld nimmt man ein, wenn neue Spiele neun Monate und eine Woche früher zur Verfügung stehen als zuvor? Stimmt, viel, sehr viel!

Brasilianische Lotterie und Dampfturbinen

Noch ein Beispiel aus dem Industrieumfeld: Weltweit existieren fünf Prüfstände für Dampfturbinen. Dort testen Ingenieure ihre Turbinendesigns auf Effizienz. Vier der fünf funktionieren mit proprietärer Software, einer mit FOSS. Es dauert etwa neun Monate, um auf den mit Closed-Source-Software betriebenen Prüfständen Änderungen vorzunehmen. Der fünfte Prüfstand nutzt FOSS und kann Änderungen über Nacht umsetzen, ganz ohne einen proprietären Hersteller dafür bezahlen zu müssen. Wie viel Mehreinnahmen kann dieser Prüfstand wohl dank FOSS erwirtschaften? Die Antwort fällt nicht allzu schwer.

Verbreitet ist auch der Glaube, Closed-Source-Software sei sicherer, weil nur wenige Menschen Einblick in den Code hätten. Löcher, Fehler und Bugs im Quelltext blieben so quasi verborgen, denn Angreifer, die sie ausnutzen wollen, bekämen sie gar nicht erst zu Gesicht – “Security by Obscurity”. Träfe das tatsächlich zu, müssten Closed-Source-Betriebssysteme überaus sicher sein. Wie wir wissen, ist genau das nicht der Fall.

Bugs werden schneller gefixt

Im Gegenteil: Jede Software verfügt über Bugs und was sichere Software ausmacht, ist das grundlegende Verständnis der Software-Layer, das Monitoring und schnelle Beheben von Fehlern – in Betriebssystemen wie Anwendungen. Experten bezeichnen das als Mean Time To Repair (MTTR). Die kann allerdings schnell Wochen betragen. Im besten Fall, wenn also Ihr Closed-Source-Hersteller die bei Ihnen eingesetzte Software überhaupt noch unterstützt, braucht es Zeit, um das Problem zu entdecken, als solches anzuerkennen, einen Fix, Patch oder Workaround zu erstellen, zu testen und letztlich auszurollen. So etwas unter einer Woche (schlimmstenfalls Downtime) zu schaffen, gestaltet sich gelinde gesagt schwierig.

Anders bei FOSS: Hier wurden zahlreiche schlimme Bugs identifiziert, geschlossen und Fixes ausgerollt – binnen Stunden, was umso wichtiger ist, wenn die Lösung noch durch OEM-Hersteller gehen muss. Bei Windows XP beispielsweise dehnt sich die MTTF bis zur Unendlichkeit aus, es gibt keine Fixes mehr. Aber all das spielt keinerlei Rolle, wenn eine Lösung nicht mehr funktioniert – wie im Fall von Windows 11. Und das ist ja der Grund für diesen Artikel. Sie sollten nicht von Windows 10 auf Windows 11 umsteigen, sondern gleich auf Linux und FOSS, vor allem im Enterprise-Bereich.

Ups – alte Hardware funktioniert nicht mehr

Ungefähr vor einem Jahr begann Microsoft zuzugeben, dass Anwender von Windows 10 “Probleme” bekommen könnten, wenn sie auf Windows 11 umsteigen – wegen der Hardware. Dafür verantwortlich zeichnen vor allem der Hunger nach Arbeitsspeicher, einer neuen GPU oder einem speziellen TPM-Chip. Die Schätzungen wie viele Systeme davon betroffen seien, klangen für mich relativ unbekümmert. Immerhin hieß es, die meisten High-End-Systeme kämen schon klar und erfüllten die Kriterien ohnehin. Nur die Low-End-Systeme hätten ausgedient, was aber binnen fünf Jahren ohnehin geschehen müsse, und so lange könne man ja Windows 10 weiter fahren. Außerdem gebe es auch schon eine lange Liste von Workarounds, die von Anwendern kämen.

Dank meiner langjährigen Erfahrung in großen Unternehmen fielen mir direkt einige praktische Probleme auf: Einerseits kaufen nicht alle Firmen High-End-Geräte der letzten Generation. Zahlreiche Unternehmen verlassen sich auf Minimalvarianten, lediglich die Manager bekommen die Top-Geräte, die dann später nach unten durchgereicht werden. Andererseits habe ich fünf Jahre Lebensdauer selten erlebt, sie ist meist länger, erheblich länger.

Millionen XP-Rechner auf der Welt – warum nur?

Es lässt sich heute nicht genau sagen, wie viele Windows-XP-Systeme (eingestellt 2019!) noch im Einsatz sind. Schätzungen gehen von weltweit zwischen 6 und 26 Prozent der PCs aus. In Armenien soll die Zahl sogar bei 53 Prozent liegen. Nun hören sich 26 Prozent weltweit womöglich nicht nach besonders viel an, aber am Ende handelt es sich dabei doch um fast vier Millionen Computer – und das ganz ohne kritische (etwa militärische) Systeme oder Geldautomaten zu erfassen.

Da drängt sich nahezu schmerzhaft die Frage auf, warum das bis heute so ist? Vielleicht liegt das daran, weil neuere Versionen des Betriebssystems ihre Hardware nicht unterstützen. Obwohl sie keine Security-Patches mehr bekommen, kein Support erhalten und es keine Netzwerkadministrationssoftware oder Ähnliches mehr gibt, nutzen Menschen weiterhin ein 23 Jahre altes System.

Fazit: Linux läuft und läuft und läuft

Linux dagegen unterstützt eine große Anzahl kleiner und älterer Konfigurationen, es verändert sich langsamer im Laufe der Zeit und bringt in der Regel Aufwärtskompatibilität bei den Anwendungen. Diverse Firmen bieten Long-Term-Support oder trainieren und schulen das Personal beim Kunden entsprechend. Die Expertise für kritische Systeme lässt sich einkaufen.

Mit Linux läuft mein Lenovo Laptop von 2007 nach wie vor problemlos. Ich habe ihn nur mit neuen SSDs aufgerüstet und die über die Jahre abgenutzten Tastaturen mehrfach ausgetauscht. Das System funktioniert unverändert tadellos. Ich habe mich vor langer Zeit für Linux entschieden [1] und Sie sollten das ebenfalls machen! Jeder sollte das tun. (csi)

Abbildung 1: Jon "Maddog" Hall gehört zu den Urgesteinen der Open-Source-Initiative und ist Vorstandsvorsitzender des Linux Professional Institute (LPI).

Abbildung 1: Jon “Maddog” Hall gehört zu den Urgesteinen der Open-Source-Initiative und ist Vorstandsvorsitzender des Linux Professional Institute (LPI).

Abbildung 2: Auf der Webseite des Projekts Upgrade to Linux begrüßt sie stilecht ein Pinguin. Quelle: Upgrade to Linux

Abbildung 2: Auf der Webseite des Projekts Upgrade to Linux begrüßt sie stilecht ein Pinguin. Quelle: Upgrade to Linux

Infos

  1. Upgrade to Linux: https://www.upgradetolinux.com/
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