Auch ich kann auf einige Anekdoten und skurrile Geschichten aus meinen über 20 Jahren Tätigkeit als Autor für das Linux-Magazin berichten.
Zweifelsohne zählt zu den unrühmlichen Kapiteln meiner Autorentätigkeit das Thema “Marions Kochbuch”. Der damalige Redakteur Fred Andresen hatte gefragt, ob ich Interesse an einer regelmäßigen Kolumne für das Linux-Magazin hätte, die zunächst “Projekte” heißen sollte. Quasi das Gimmick der Artikelserie sollte sein, dass jeder Artikel am Ende ein echtes Kochrezept enthielt. Die Serie sollte der inoffizielle Ersatz für die Kolumne “Brave GNU World” sein, die bis dahin im Linux-Magazin vertreten war. Und so entstand Monat für Monat eine neue Ausgabe der “Projekte” (später “Projekteküche”). Zugegeben, nicht alle Rezepte waren besonders originell. Ausgerechnet eines der einfachsten Rezepte, jenes für Würstchen mit Kartoffelsalat, kam den Verlag im Nachgang teuer zu stehen. Ich erinnere mich noch gut daran: Ich war seinerzeit Schüler und hatte den Abgabetermin für den Artikel verbummelt. Flugs schrieb ich den Text samt Rezept, jetzt fehlte noch ein Foto für das Festessen. Dieses beschaffte ich mir flugs über Googles noch junge Bildersuche, und fertig war der Lack. Ein paar Monate später erfuhr ich, dass der Verlag meinetwegen Bekanntschaft mit “Marions Kochbuch” gemacht hatte – einer Seite, die zwischenzeitlich zu einiger Berühmtheit gelangt war, weil sie Fotos trivialer Gerichte online stellte und danach systematisch das Internet nach den Fotos durchsuchte. Fanden die Seitenbetreiber eines ihrer Bilder, setzte es eine kostenpflichtige Abmahnung. Bis mindestens Ende 2023 hat Folkert Knieper, Ehemann der Seitenbetreiberin Marion Knieper, diesen Ansatz übrigens konsequent durchgezogen. Die “Projekteküche” ist längst Geschichte.
Deutsch für Profis
Apropos Fred Andresen: Während der ersten Jahre meiner Autorentätigkeit für das Linux-Magazin waren Fred und ich so etwas wie das Dream-Team – war ein Magazin-Text bei mir bestellt, war Fred in der Regel der zuständige Redakteur. Sonderlich viel Freude hatte er mit meinen Texten in der Anfangszeit offensichtlich nicht. Nach ein paar Monaten schickte er mir mehr oder minder kommentarlos als Antwort auf die Lieferung eines Artikels einen Link zum Buch “Deutsch für Profis” von Wolf Schneider. Vermutlich ist ihm bis heute nicht klar, was er damit um ein Haar ausgelöst hätte: Nicht nur war ich vom Werk selbst begeistert, sondern ich informierte mich auch über Wolf Schneider und die von ihm geleitete Henri-Nannen-Schule in Hamburg, so etwas wie die deutsche Kaderschmiede für Journalisten. Kurze Zeit später eröffnete ich meinen Eltern, die Sache mit dem Abitur sei überbewertet und ich wolle mich stattdessen lieber für einen Lehrgang an der “HNS” bewerben. Das war 2003, kurz nach meinem Übergang in die gymnasiale Oberstufe. Viel gutes Zureden meiner Eltern und meines damaligen Deutschlehrers – Herr Esch sei an dieser Stelle gegrüßt – waren nötig, um mich von diesem Vorhaben abzubringen.
Spam mal anders
Das Satire-Magazin Titanic hatte eine ganze Weile die Rubrik “Leserbriefe, auf die wir gern verzichtet hätten”. Man verstehe mich nicht falsch: Mich haben in den vergangenen Jahrzehnten etliche liebe Leserbriefe erreicht, Danksagungen für einzelne Artikel, Rückfragen zu anderen. Fast ausnahmslos waren diese Briefe von Respekt und Anerkennung getragen. Für Journalisten sind Leserbriefe meistens praktisch: Sie vermitteln einen Draht zur Leserschaft, verraten, was diese gerade beschäftigt, was los ist, wo der Finger hingehört, um am Puls der Zeit zu sein. Manche Leserbriefe allerdings waren skurril. Als Antwort auf einen Artikel zu Ceph etwa erreichte mich einmal eine Anfrage für ein Vorwort zu einer Diplomarbeit. An und für sich gar kein Problem und sehr gern – doch sollte ich, um in den Genuss der Autorenschaft für das Vorwort des Werkes zu kommen, die Kosten für den Buchbinder übernehmen. Obendrein war die Diplomarbeit noch gar nicht geschrieben, stattdessen bekam ich die Einladung, dass ich mich an der “Recherche bei Interesse ja beteiligen könne”. Allerdings hatte ich kurzfristig dann doch andere Dinge zu erledigen.
Handbreit Wasser unterm Kernel
IT-Journalisten gehören nicht gerade zu jenen Menschen, die gesellschaftlich bekannt sind. Manchmal allerdings kommt es zu witzigen Situationen im Alltag, die mit der Arbeit als Autor zusammenhängen. Das passiert besonders dann bevorzugt, wenn ich über Themen schreibe, die keinen direkten Corporate-IT-Bezug haben. So ist es bereits mehrmals im Zusammenhang mit meinem Segelboot passiert. Eigentlich ist das Boot alles andere als spektakulär, eine Dehler Duetta, die momentan in Berlin im Wasser liegt. Man bekommt den Geek zwar aus dem Haus, das Geekige aber nicht aus dem Geek, und entsprechend hatte ich mich schon kurz nach dem Kauf des Bootes mit der Frage beschäftigt, wie sich dieses mit allerlei Elektrik sinnvoll aufmotzen ließe.
Entstanden sind damals mehrere Artikel sowohl für den Raspberry Pi als Schwesterzeitschrift des Linux-Magazins als auch für das Linux-Magazin selbst. Darin ging es um verschiedene Bus-Protokolle für Schiffskomponenten, AIS, GPS und einige andere maritime Themen. Seinerzeit lag das Boot noch in Travemünde, und ein mir unbekannter Gastlieger in der dortigen Marina beobachtete mich dabei, wie ich mit Lötkolben, RS232-Adapter und diversen anderen Gerätschaften meine “Einstein” malträtierte. Interessiert fragte er nach, was ich denn täte – um mir kurz danach zu erklären, er sei in einem Segelforum auf Artikel mit Bootsbezug in “irgendeiner Computer-Zeitung, Libux-Magazin oder so ähnlich” gestoßen. Das fände er hochinteressant und wolle jetzt sein Boot ebenfalls aufrüsten. Das verdatterte Gesicht, als ich mich als Autor jener Artikel zu erkennen gab, wäre einen Schnappschuss wert gewesen. Sonderlich weit gekommen bin ich an jenem Nachmittag mit meiner Bastelei an Bord zwar nicht mehr, die angeregte Diskussion mit Werner, seines Zeichens Marine-Offizier a. D., hat mich dafür aber entschädigt.
Gemach, gemach
Die Möglichkeit, auf aktuelle Entwicklungen sofort zu reagieren, ist ein Privileg des Online-Journalismus. Nicht jeder aber will Artikel und Zeitschriften am Bildschirm lesen, auch die auf Papier gebannte Form von Information hat bis heute eine treue Anhängerschaft. Anders als im Online-Journalismus gibt es im Print-Journalismus allerdings Fristen und notwendige Vorläufe. Seit jeher als heiliger Gral gilt Autoren beispielsweise der “Druckunterlagenschluss”. Das ist der Zeitpunkt, zu dem der Verlag die Unterlagen braucht, die er später digital an die Druckerei weitergeben muss, damit diese das fertige gedruckte Heft zum vereinbarten Termin in den Handel bringen kann. Verzögerungen beim Druckunterlagenversand führen nicht nur zu Frust, sondern auch zu einem Loch im Budget des Verlags. Denn es ist aus Sicht einer Publikation wie des Linux-Magazins keine Option, einen nicht fertig gewordenen Artikel einfach aus dem Heft zu streichen. Der Umfang der Ausgabe wird lange vorher festgelegt, auf dieser Angabe basiert auch die Kalkulation des Verlags, und sie ist letztlich auch die Rechtfertigung für den zu zahlenden Preis.
Längst plant das Linux-Magazin – aus guten Gründen – das Heft mit möglichst langer Vorlaufzeit. Das war allerdings nicht immer so: Eine Weile waren meine zuständigen Redakteure und ich in stiller Übereinkunft darüber, dass eine Abgabe ein paar Tage vor Druckunterlagenversand wohl ausreiche. In der absoluten Mehrzahl der Fälle hat das funktioniert, auch wenn das “Deadline Working” oft wirklich anstrengend war. Einmal allerdings, früh in den 2010er-Jahren, hatte ich einen Artikel ebenso vergessen wie der zuständige Redakteur. Kurz nach 17 Uhr erreichte mich im gerade begonnenen Urlaub eine verzweifelte Mail mit der Anmerkung, der Artikel – es sollte um OpenStack gehen – fehle und werde dringend gebraucht. Egal wie, bis zum nächsten Morgen müsse der Text vorliegen. Dumm nur: Als mich der Notruf erreichte, lag ich gerade entspannt auf einer Liege in der Rogner-Therme in Bad Blumau in der Steiermark. Mit der Ruhe und Entspannung war es jedenfalls vorbei. Ich machte mich auf den Weg in die Ferienunterkunft und schrieb den Text, der gegen kurz vor fünf endlich den Redakteur erreichte. Redaktion wie mir war das eine Lehre, und das Hardcore-Deadline-Working gehört mittlerweile der Vergangenheit an. (jcb)





