Unter den Chefredakteuren des Magazins nimmt Jan Kleinert die Rolle des Langläufers ein. Folgerichtig hadert er als Autor des folgenden Beitrags mit dem Umstand, dass eine KI ihn als Mumie identifiziert. Außerdem: keine Scherze mehr.
Um den Elefanten im Raum zu vertreiben, gleich eine Klarstellung: Ich bin nicht Linux-abtrünnig, ich arbeite jeden Tag mit Open-Source-Software. Meine Kollegen beim IT-Provider FI-TS tun das auch. Die Entwickler in meinem Team stellen ihre Codebeiträge für Kubernetes-nahe Projekte selbstverständlich unter einer freien Lizenz der Gemeinschaft zur Verfügung. Ich behaupte darum, dem Linux-Magazin im Nachhinein keine Schande zu bereiten.
Allerdings hat über die Jahre meine Zufriedenheit mit Ubuntu als Desktop gelitten. Die Implementierung von Snap im Zusammenspiel mit Apparmor und Udev ist das Letzte. Zudem bleibt es eine Schnapsidee, Teile von Gnome als Snaps auszulegen, da sich parallel zu aktuellen Gnome-Libs ebenso uralte Vertreter im System befinden, die mitnichten vom Rest gekapselt ihr Unwesen treiben. Wer jetzt Luft holt, um zu rufen, es gebe doch Repos, um Firefox, Chromium & Co. nativ zu betreiben, dem entgegne ich: Schau danach mal in deine Logfiles.
Okay, okay, das ist Meckern auf hohem Niveau im Vergleich zu den Millionen, denen Crowdstrike ihr Produktiv-Windows auf die Bretter gestreckt hat. Aber ein bisschen rumzoffen mag ich trotzdem, wenn mir die Linux-Magazin-Redaktion hier leichtfertig Platz ohne Themavorgabe einräumt. Genau fünf Jahre sind vergangen, seit ich beim Magazin nach 19 Jahren die Segel strich. Die Bedingungen für IT-Journalismus haben sich überall auf der Welt schleichend verschlechtert, was nicht an Digitalisierung oder Globalisierung lag und liegt, sondern an der Art und der geforderten Geschwindigkeit der Aufgabenbewältigung, die ITler praktizieren (müssen). Damit ändert sich die Mediennutzung – so zumindest blicke ich auf die Entwicklung.
Wer meine Zeilen hier auf Papier oder dem Bildschirm liest, gehört gewissermaßen zur alten Schule und kann den Wert unabhängiger, qualitätsgesicherter Information ermessen. Alle anderen Admins, Entwickler und Entwicklerinnen stecken vielfach in terminlichen Knochenmühlen, die ihnen die Muße nehmen, sich abseits des Speziellen informiert zu halten. Das klingt vielleicht ein bisschen düster. Aber die jetzigen Macherinnen und Macher des Linux-Magazins müssen nüchtern damit umgehen, so wie alle IT-Redaktionen in der Welt.
KI lässt alt aussehen
Fünf Jahre älter als bei meinem Ausstieg will ich nicht zu abgeklärt rüberkommen, indem ich ein Jedes als träge Welle eines vorbeiplätschernden Flusses darstelle. Seither ist beispielsweise die KI als Gamechanger dazugekommen. Warum nicht früher oder später? Keine Ahnung, denn die Theorie, die Modelle und die Hardware gibt es schon lange. Ich vermute, dass die Menge an mies strukturierten Informationen in den Unternehmen jetzt ein Ausmaß erreicht hat, das konventionell nicht mehr zu handhaben ist. Profiteur Nummer eins ist Nvidia – erinnert sich noch jemand an Linus Torvalds’ Stinkefinger? In der Kubernetes-Umgebung, die meine jetzigen Kollegen und ich in vier Rechenzentren hochautomatisiert anbieten, gibt es auch schon Nodes mit Nvidia-Hardware. Dass die Dinger viel Strom in viel Wärme verwandeln, will ich nicht unterschlagen.
Alle KI-Maschinen, die wir in den letzten Wochen in Racks gewuchtet haben, haben sich die Kunden bereits geschnappt. Was ich so höre, versuchen sie, mit vorgerechneten Modellen der eigenen Informationsflut Herr und Herrin zu werden. Die hippen Anwendungen, die uns unsere Mobiltelefone gerade offerieren, bilden also nur die Endkundenspitze des stromhungrigen Eisbergs. (Hoffentlich merkt niemand, wie schief dieses Bild ist.)
Ich räume ein, dass diese Spitze unterhaltsam sein kann. Vor zwei Wochen war ich mit einem Freund im Alpenvorland radeln. Beim Rasten in einem Biergarten mit Postkartenausblick fotografierte mich mein Begleiter mit der App Google Lens. Ergebnis der Ähnlichkeitssuche: Das freche Stück Software hielt mich entweder für den 2015 im Alter von 81 Jahren verstorbenen Hellmuth Karasek oder für Jack Nicholson (87). Gut, ich trug bei der Aufnahme traumwetterbedingt eine Sonnenbrille. Aber hey, Google, das geht zu weit! Hat mein Weggang vor fünf Jahren womöglich verhindert, dass ein Ü-80 beim Linux-Magazin das Zepter schwingt? Ich jedenfalls hoffe, dass Lens halluziniert – bei KIs kein seltenes Ereignis, was man so liest.
Frisch als Opa quantifiziert, kann ich die Gelegenheit nutzen, um alte Geschichten aufzutischen. Möglich, dass mich die früheren Kollegen genau dafür als Autor angeheuert haben. Ich könnte von goldenen Zeiten mit großen Redaktionen und vielen Linux-Zeitschriften und Online-Angeboten erzählen, umsatzstarken Messen oder knorrigen Anzeigenverkäufern. Von aufwendigen Hardwaretests, Distributionen, die heute keiner mehr kennt, oder Firmen, die der neue Markt binnen Wochen zu Riesen und genauso schnell zu kranken Zwergen gemacht hat. Ebenso wäre ich fähig, den Staub von unseren damaligen Hausgöttern zu wischen, die Namen wie Rosie, Hermann, Brian oder Rudi trugen und unternehmerisch den AG-Laden engagiert durch Dick und gegen Ende seltsam Dünn geführt haben. Aber das tue ich nicht.
April Lirpa
Ich erzähle lieber die Geschichte vom Untergang des gedruckten Aprilscherzes. Und die geht so: Bei meinem Einstieg als Chefredakteur im Herbst 2000 fand ich die Tradition vor, in der April-Ausgabe eine kleine Lügengeschichte aufzutischen. Das war schon logistisch nicht trivial, weil die gedruckte April-Ausgabe Anfang März erschien, wo die Leser noch nicht auf Fake News eingestellt waren.
Für das April-Heft 2001 schrieb der damalige Kollege Mirko Dölle den anstehenden Artikel. Er besaß intime Linux-Kenntnisse, einen wandfüllenden Coladosenvorrat sowie einen A-Klasse-Mercedes mit ausgebauten Sitzen zum besseren Transport von Rechnern.
Sein Beitrag fing ebenso seriös wie beunruhigend damit an, dass Zug um Zug und lange unbemerkt eine Backdoor in den TCP-Stack des offiziellen Linux-Kernel gelangt sei – eine Amerikanerin namens April Lirpa sei federführend gewesen. Wer von den Lesern, die es bis hierher geschafft haben, weiß, was ein Ananym ist? Mirko drehte Absatz für Absatz weiter an der Absurditätsschraube und empfahl am Ende, per Wine-Emulator den Windows-TCP/IP-Stack zu verwenden. Mir gefiel das Schurkenstück [1] des Kollegen, also erschien es.
Nach ein paar E-Mails von Lesern, die Tränen gelacht hatten, zog Ärger auf. Binnen Stunden bauten sich mehrere Kollegen mit guten Beziehungen zu Suse vor mir auf und baten mehr oder minder eindringlich, eine Richtigstellung und Entschuldigung für den Artikel zu veröffentlichen. Die Emissäre schickte ich zwar unverrichteter Dinge wieder weg, erfuhr durch sie aber zumindest den Hintergrund. Bei Suse, obwohl im Artikel nicht namentlich genannt, glühten ab dem Erscheinungstag des Magazins die Support-Leitungen, weil Partner und Kunden den Scherz für bare Münze nahmen. Suse-intern genoss wohl die Idee eine gewisse Popularität, den entstandenen Aufwand dem Linux-Magazin in Rechnung zu stellen.
Die Sache verlief dann auch – zumindest für mich erwartungsgemäß – ohne Anwälte erst einmal im Sande. Ein Nachspiel für mich gab es jedoch im Rahmen eines persönlichen Pressegesprächs auf einer Messe mit dem damaligen Suse-CTO Dirk Hohndel. Wer bei dem Namen an den späteren Bühnen-Sidekick und Tauchkumpel von Linus Torvalds denkt, liegt richtig. Das Treffen verlief ziemlich frostig, und der Public-Relations-Chef, den ich als coole Socke kannte, war nervös. Hohndel erzählte, dass bei Suse anfangs niemand den Sinn des Artikels verstanden hatte. Er selbst war gerade im Ausland, und Kollegen riefen ihn wegen der Backdoor an. Er ließ sich den Artikel vorlesen und erkannte den Aprilscherz als solchen. Nicht jede Firma verfügt über einen solchen CTO.
Nicht aus Angst vor der Industrie, sondern wegen des April-April-ungünstigen Erscheinungstermins beerdigte ich recht bald die Veralber-Tradition beim Linux-Magazin. Ich finde noch heute, dass ihr Abschluss vor 23 Jahren würdig war. Und Würde ist oft das Letzte, was einem bleibt, du blödes Google Lens. (csi)
Infos
- Lauschangriff: Mirko Dölle, “Big Brother liest mit”, LM 04/2001, S. 28, https://www.lm-online.de/901





