Aus Linux-Magazin 10/2024

Zukunftsperspektive Linux

© Erik Bärwaldt

1998 machte sich unser künftiger Bitparade-Kolumnist Erik Bärwaldt ernste Sorgen um seine Zukunft in der IT-Branche. Da half ihm Linux aus der Patsche.

1998 war ich schon seit einigen Jahren in der IT-Branche tätig und hatte, was meinen eigenen Computerbestand betraf, bereits eine steile Karriere hinter mir: Mein erster Desktop-Computer, den ich Ende der 1980er-Jahre für rund 2000 DM gekauft hatte, war ein sogenannter Turbo XT mit einer 8088-CPU, die mit 10 MHz Taktfrequenz arbeitete, und bot 640 KByte Arbeitsspeicher. Schon bald reichte dessen Leistung mit PC-DOS 3.3 als Betriebssystem nicht mehr aus, sodass ich nach mehreren Zwischenstationen 1997 schließlich bei einem IBM PC 300PL landete, einem Desktop-System mit einer damals hochmodernen Pentium-MMX-CPU und gigantischen 128 MByte Arbeitsspeicher.

Daneben hatte ich noch als Reservesystem einen ehemals sündhaft teuren IBM PS/2 9577s auf dem Schreibtisch stehen. Dieser im Jahr 1995 angeschaffte Rechner hatte einen 80486-DX4-Prozessor mit intern 100 MHz Taktfrequenz und 64 MByte Arbeitsspeicher. Seine Ultra-Wide-SCSI-Schnittstelle ermöglichte den Einsatz der damals leistungsfähigsten SCSI-Festplatten.

Sorgenkind Betriebssystem

Der PS/2-Rechner arbeitete wie auch der IBM PC 300PL damals bei mir nicht mehr mit PC-DOS, sondern mit OS/2 Warp, dem Vorzeigebetriebssystem von IBM. OS/2 lief ursprünglich als gemeinsames Projekt von IBM und Microsoft, bis Redmond 1991 die Kooperation aufkündigte – zugunsten der Weiterentwicklung des hauseigenen Betriebssystemaufsatzes namens Windows.

OS/2 Warp war in der im Jahr 1998 aktuellen Version 4.0 ein technisch überlegenes 32-Bit-Betriebssystem für Arbeitsplatzrechner. Es unterstützte alle damals gängigen Netzwerktechnologien und bestach mit einer modernen grafischen Oberfläche sowie sehr guter Leistung und Stabilität. Doch das System wurde vom Hersteller IBM immer nachlässiger gepflegt, sodass ich mir zunehmend Gedanken machte, was wohl auf OS/2 Warp folgen könnte.

Das Konkurrenzprodukt Windows 98 von Microsoft gab im Vergleich dazu ein regelrecht erbärmliches Bild ab: Optisch war das System zwar wenigstens halbwegs auf der Höhe der Zeit, aber durch zahlreiche Bugs eignete es sich wie schon seine Vorgänger praktisch nicht für produktives Arbeiten. Die einschlägige Fachpresse lebte deshalb auch zu einem guten Teil davon, ihren Lesern immer neue Tipps und Tricks zu präsentieren, mit denen man die schlimmsten Fehler und Mängel des Microsoft-Systems umschiffen konnte.

Das professionellere Produkt des Konzerns aus Redmond – Windows NT 4.0 – war für mich ebenfalls keine Alternative: Optisch wirkte das vergleichsweise teure Betriebssystem mit seiner von Windows 95 entlehnten Oberfläche bereits 1998 wie aus der Zeit gefallen. Für einzelne Arbeitsplatzcomputer eignete es sich aufgrund seiner Fokussierung auf Netzwerkumgebungen ebenfalls nur sehr bedingt.

Bauchschmerzen

Neben der technischen Rückständigkeit der Microsoft-Produkte gab es noch einen anderen gravierenden Grund für mich, Software aus Redmond generell zu meiden: Die Firma von Bill Gates hatte sich im Laufe der Jahre von einem kleinen Zulieferbetrieb für den Weltkonzern IBM zu einem Quasi-Monopolisten im Betriebssystemmarkt entwickelt, der immer neue Geschäftsfelder zu besetzen und dann für sich zu monopolisieren suchte. Kartellrechtliche Untersuchungen brachten höchst unseriöse Geschäftspraktiken des US-Konzerns ans Tageslicht: Illegale Knebelverträge und nicht minder fragwürdige Verhaltensweisen wie das Koppeln von Betriebssystem und Anwendungen verstießen nicht nur gegen Wettbewerbsgesetze. Sie schufen auch die Grundlage für weltweite kartellrechtliche Verfahren, bei denen sogar die (später allerdings nicht vollzogene) Zerschlagung des Konzerns aus Redmond erwogen wurde. Miserable Produkte und miserable Manieren – beides war nichts für mich.

Doch es gab einen Silberstreif am Horizont: Bereits seit ein paar Jahren geisterte ein junger Student aus Finnland namens Linus Torvalds mit seinem quasi nebenbei entwickelten Betriebssystem durch die Fachpresse. Dieses unixoide System namens Linux nahm zunehmend an Fahrt auf, wurde aber aufgrund seines Entwicklungsmodells von den etablierten Anbietern vielfach skeptisch beäugt: Linux war freie Software und unterlag nicht der Kontrolle eines Konzerns. Jeder Interessierte konnte sich an der Entwicklung des Systems beteiligen, und die GNU General Public License sorgte dafür, dass niemand das Projekt kommerziell vereinnahmen konnte. Anders als bei den meisten etablierten Betriebssystemen existierte bei GNU/Linux auch nicht nur eine kanonische Variante, sondern zahlreiche sogenannte Distributionen.

Es gab auch schon eine deutsche Fachzeitschrift, die auf Linux fokussierte: das Linux-Magazin. Anders als in vielen seinerzeit gängigen Fachperiodika wurde hier nicht weinerlich seitenlang über Bugs in Betriebssystemen und Anwendungssoftware lamentiert, sondern über interessante Projekte berichtet. Das alles war für mich eine neue Welt, die wesentlich frischer und innovativer wirkte als das angestaubte OS/2- oder Windows-Universum. Also beschloss ich, mir dieses neue Betriebssystem einmal näher anzusehen.

Mir fiel ein, dass in einer von mir häufiger besuchten Buchhandlung einige junge Leute samstags gelegentlich einen Tapeziertisch in der EDV-Abteilung aufstellten und dort diverse Linux-Pakete, Bücher und das Linux-Magazin anboten. Als ich wenige Wochen später dann an besagtem Tapeziertisch stand und mir das Angebot näher betrachtete, erwuchsen daraus ernste Zweifel, ob dieses Projekt wirklich jemals professionellen Ansprüchen genügen würde. Nicht nur, dass die jungen Verkäufer einen sehr idealistischen Eindruck vermittelten, auch die präsentierten Produkte wirkten teilweise noch sehr provisorisch. Einige CD-ROMs waren in wiederverschließbare Gefriertüten eingepackt, manche mit einem per Nadeldrucker angefertigten Beipackzettel versehen. Zudem ließ die Vielzahl der hier auf CD-ROM und auch noch mit Diskettensätzen feilgebotenen Linux-Derivate keine klare Richtung erkennen.

Auf dem Tapeziertisch wurde jedoch in Form von S.u.S.E. Linux 5.3 auch ein bereits im Hochglanzkarton verpacktes Paket angeboten, bestehend aus fünf CD-ROMs, einer Bootdiskette und einem über 500 Seiten starken Handbuch. Der junge Enthusiast des gleichnamigen Nürnberger Unternehmens, den ich um einige technische Informationen dazu bat, machte mir schnell klar, dass ich dieses Paket auf meinem PS/2-Rechner nicht würde nutzen können: S.u.S.E. Linux bot keine Unterstützung für die Micro-Channel-Architektur (MCA) von IBM. MCA war zwar seit Mitte der 1980er-Jahre für lange Zeit die modernste und einzige 32-Bit-Busarchitektur gewesen, konnte sich jedoch dank des katastrophalen Marketings des Herstellers nicht am Markt durchsetzen. Seit Mitte der 1990er-Jahre löste der PCI-Bus es zunehmend ab. Der junge Verkäufer riet mir deshalb zum brandneuen Debian 2.0 “Hamm”, der damals einzigen Linux-Distribution mit MCA-Support. Also kaufte ich ein Debian 2.0. Es kam in einem Karton mit drei CD-ROMs, die von einer Bootdiskette aus gestartet werden mussten.

Zu Hause gelang es mir nach mehreren Anläufen, dieses System auf dem PS/2-Rechner zu installieren. Die Software wirkte zwar optisch noch unfertig, lief aber bereits überaus stabil und vor allem extrem agil. Ich hatte noch nie ein schnelleres Betriebssystem auf dem 80486er gesehen. Also blieb Debian 2.0 auf dem Rechner installiert, und ich rutschte allmählich in die Welt des freien Betriebssystems hinein. Aus der Notlösung wurde so nach und nach das Fundament meiner Arbeit (Abbildung 1).

Abbildung 1: Nicht mehr ganz taufrisch: Das Knoppix-3.8-Derivat Klixxa aus dem Jahr 2005 auf einem IBM ThinkPad 380XD von 1998.

Abbildung 1: Nicht mehr ganz taufrisch: Das Knoppix-3.8-Derivat Klixxa aus dem Jahr 2005 auf einem IBM ThinkPad 380XD von 1998.

Autor und Kolumnist

Szenenwechsel: Gut 17 Jahre später hatte ich mich innerhalb der IT-Branche fortentwickelt, war auch fachpublizistisch tätig und schrieb schon seit 2006 Artikel für die Linux-Magazin-Schwester LinuxUser. Da fand ich eines Morgens in meinem Postfach eine E-Mail von Jan Kleinert, dem damaligen Chefredakteur des Linux-Magazins. Er fragte an, ob ich nicht Interesse hätte, für die nächste Ausgabe des Linux-Magazins einen Softwarevergleich zu schreiben. Wir wurden uns schnell einig, und so verfasste ich in den folgenden Wochen für LM 01/2016 meine erste Bitparade über Server-Distributionen für kleine Unternehmen. Es blieb nicht bei dem einen Beitrag, schon seit etlichen Jahren ist die Bitparade nun meine Kolumne.

Und zukünftig? Linux hat sich in den gut 30 Jahren seines Bestehens nicht nur als grundsolides Betriebssystem erwiesen, sondern auch immer wieder als Schrittmacher und innovativer Motor in der vernetzten IT-Welt. Ohne Linux und die unzähligen Programmierer, die freie Software entwickeln, gäbe es heute weder Cloud Computing noch Container-Umgebungen oder den Siegeszug der künstlichen Intelligenz in der gegenwärtigen Form. Linux wird es daher auch in 20 Jahren noch geben – und das Linux-Magazin als treuen Begleiter und Kommentator der technischen Entwicklung vermutlich ebenfalls, wenn vielleicht auch in anderer Form. Nach gut zwei Dekaden mit Linux freue ich mich deshalb auch auf die weitere Reise in den nächsten zwei Jahrzehnten mit dem freien Betriebssystem und dem Linux-Magazin! (jlu)

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