Aus Linux-Magazin 10/2024

Dienstältester Kolumnist

© Michael Schilli

Unser ältester Kolumnenonkel Mike Schilli schwadroniert von der guten alten Zeit und malt ein düsteres Bild der Zukunft.

Mitte 1997 startete die Kolumne “Programmier-Snapshot” dieser famosen Publikation, die Sie, lieber Leser, gerade in den Händen halten, oder von mir aus in ihrer scheußlichen VR-Brille lesen (Abbildung 1). Aus heutiger Sicht war damals vieles besser. Ich male mir aus, Jens-Christoph Brendel hätte sich noch 2006 im Editorial skeptisch darüber geäußert, ob das damals hochgehypte Internet die gute alte Rohrpost je vollständig würde ersetzen können. Und Recht würde er behalten haben, das haptische Erlebnis dieser handschmeichlerischen Plastikzylinder ist bis heute unerreicht!

Abbildung 1: Mike Schilli reagierte schon 1997 unwirsch auf Störungen beim Kolumnenschreiben.

Abbildung 1: Mike Schilli reagierte schon 1997 unwirsch auf Störungen beim Kolumnenschreiben.

Meine vollmundige Ansage von damals, dass in nicht ferner Zukunft allein die Sprache Perl die Welt der Programmierung dominieren und Java in den Abfalleimer der Geschichte wandern würde, hat sich nicht bewahrheitet. Zähneknirschend stellte ich meine Kolumne 2018 auf Go um. Da die Formatierung der Listings in der Printausgabe aber aus etwa der gleichen Epoche stammt (Teile sogar aus der Zeit Karls des Großen), muss der Leser die nach scheinbar unsinnigen Algorithmen umbrochenen Go-Zeilen nun mental entfalten.

Abbildung 2: Mike Schilli beim Surfen an seinem Hausstrand am Pazifik.

Abbildung 2: Mike Schilli beim Surfen an seinem Hausstrand am Pazifik.

Um diesen Zeitraum herum startete die Genderitis ihren Siegeszug durch die deutsche Presselandschaft. Den Kollegen vom Spiegel folgend, sollten Artikel nun keine Inhalte mehr vermitteln, sondern den Lesern persönliche Einstellungen der Autoren eintrichtern und deren Wertesysteme signalisieren. Nicht mehr nur “User” sollten auf irgendwelche Knöpfe drücken, um meine programmierten grafischen Oberflächen zu bedienen, sondern “Userinnen” und “User”. Meine geniale Idee, gleich “Userfüchse und Userfüchsinnen sowie nonbinäre Userfüchslein” siebzehn Mal im Text zu replizieren, wurde als “Zeilenschinderei” abgetan. Mein teuflischer Plan, das nach Seitenzahl festgelegte Autorenhonorar auszupolstern, war gescheitert!

Wir schreiben nun 2024, das Jahr der selbstfahrenden Robotaxis in meiner Wahlheimat San Francisco. Das Surfen der Pazifikwellen beherrscht (noch) keine KI, also muss ich es zum jetzigen Zeitpunkt noch mit einem klassischen Surfboard manuell erledigen. Kein leichter Job, aber einer muss ihn machen (Abbildung 2).

So weit zu Vergangenheit und Gegenwart, wie sieht es mit der Zukunft aus? Der Niedergang sozietärer Normen wird, erst im zukunftsweisenden Amerika, dann im nachhechelnden Europa zu Ressourcen-Knappheit und Anarchie führen. Das Linux-Magazin gibt es zwar weiterhin am Kiosk zu kaufen, allerdings nur im Bartertown-Markt einer dystopischen Welt, und zum Preis von einigen Litern knappen Benzins. Die Filme der Mad-Max-Reihe haben bereits eine sehr realistische Variante gezeigt. Die Programmier-Kolumne hingegen wird weitergeschrieben, komme was da wolle. Solange dem Autor keiner den Strom abdreht oder der letzte Laptop bei einem Raubzug marodierenden Banden in die Hände fällt, erscheint der Programmier-Snapshot. Bis nächsten Monat! (uba)

Der Autor

Michael Schilli arbeitet als Software-Engineer in der San Francisco Bay Area in Kalifornien. In seiner seit 1997 laufenden Kolumne forscht er jeden Monat nach praktischen Anwendungen verschiedener Programmiersprachen. Unter mschilli@perlmeister.com beantwortet er gern Ihre Fragen.

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