Aus Linux-Magazin 10/2024

Der erste hauptamtliche Linux-Magazin-Chefredakteur erzählt

© Privat

Die ersten Jahre waren aufregend und abenteuerlich. In dieser zeit wurden Autoren rekrutiert, die bis heute dabei geblieben sind und der Grundstock für Rubriken gelegt, die es bis heute gibt.

Schon zu meinen Studienzeiten war ich ein Sammler. Jedes Semester wurde alles nur Erdenkliche zu einem noch unbekannten Thema in der Mathematik oder Theoretischen Physik gesammelt. Das war mit Linux, das ich 1993 entdeckte, und freier Software nicht anders. So stieß ich 1995 auf eine Zeitschrift namens Linux-Magazin, von der es vor fünf Jahren, in der 25-Jahre-Jubiläumsausgabe [1], hieß, sie habe damals eher einer Schülerzeitschrift geglichen. Die Bemerkung bringt mich noch heute zum Schmunzeln, aber so war es in der Tat. Dennoch wollte ich alle bisher erschienenen Ausgaben nachbestellen.

So kam es im Herbst des Jahres 1995 zum Treffen mit einem umtriebigen Geschäftsmann, der unbedingt wissen wollte, wer dieser Unbekannte war, der seine Linux-Magazin-Kollektion vervollständigen wollte. Diese ersten Ausgaben haben zwar nicht den Wert einer Schwarzen Einser [2], führten aber dazu, dass ich Ende 1995 meine nicht besonders erfolgreiche Uni-Karriere beendete und im Frühling 1996 der erste hauptberufliche Chefredakteur des Linux-Magazins wurde.

Das Kernteam bestand damals im Wesentlichen aus mir mit einem riesigen Redaktionsteam von null Redakteuren, dem Financier und seiner Freundin, die sich um das Marketing und den Vertrieb kümmerte, dem Grafiker, der jeden Monat ein kerniges Coverbild gemäß meiner irrwitzigen Vorgaben erstellte und einem Layouter, der versuchen musste, das Ganze in eine ansprechende Form zu bringen. Wer wissen will, wie die frühen Ausgaben (Abbildung 1) aussahen, kann sie sich auf archive.org [3] ansehen.

Abbildung 1: Zwei Cover aus dem Jahr 1996, die unter Tom Schwallers Ägide entstanden sind.

Abbildung 1: Zwei Cover aus dem Jahr 1996, die unter Tom Schwallers Ägide entstanden sind.

Das Ganze war selbstverständlich ein Hochrisikounternehmen mit ungewissem Ausgang, aber das kleine Gallische Linux-Dorf aus Aschheim biss sich durch – siehe dazu auch den Artikel “Das Linux-Magazin und seine Konkurrenten” [4] – und wie es nach 30 Jahren so schön heißt: The winner takes it all! [5].

Macht es doch einfach besser

Wie immer bei solch einem Unterfangen gab es jede Menge Kritik: “Das Ganze ist nicht professionell genug.”, “Die Listings sind nicht korrekt gesetzt.”, “Es gibt zu viele Rechtschreibfehler im Heft.”, und so weiter. Kurzerhand drehte ich den Spieß damals oft um und forderte die Leute, die sich am lautesten beschwert hatten, dazu auf, selbst einen Artikel beizusteuern. Und so entstand mit der Zeit ein fester Autorenstamm nebst einer Vielzahl von Einmal-Autoren und eine treue Leserschaft. Wie groß der Anteil der Leserinnen war, weiß ich heute nicht mehr – jedenfalls habe ich mich immer bemüht auch Autorinnen und Jugendliche zum Schreiben zu bewegen. Hauptsache die Begeisterung und Expertise für ein Thema war vorhanden.

Die Mittelstrecken- und Marathonläufer unter den Autoren, die solche Rubriken wie “Brave GNU World”, “Insecurity News”, die Perl-Reihe, “Aus dem Alltag eines Sysadmins”, Hardwarenews und andere hervorgebracht haben, erstaunen mich immer noch! Ich selbst war eher ein 10-km-Läufer, hatte aber mit “Toms README” (später Login, das heutige Editorial) eine treue Fangemeinde. Das Erstellen dieser Artikel war harte Arbeit, die hauptsächlich darin bestand, alles, was in Sachen freier Software in einem Monat passierte, zu sammeln und in eine unterhaltsame Story zu packen. Da kam selbstverständlich wieder der Sammler in mir zum Tragen. Heute wäre das kaum mehr möglich, da die Anzahl freier Projekte exponentiell gestiegen ist und sich viel schwerer abschätzen lässt, welche davon in fünf Jahren noch relevant sein werden.

Die freie Software, die am erfolgreichsten war und ist, hatte immer eine Plugin-Architektur. Angefangen bei Linux, Apache, den unzähligen Web-Frameworks, OpenStack bis hin zu Kubernetes und den vielen KI-Bibliotheken. Für Furore sorgten damals die Ankündigung StarOffice auf Linux zu portieren (und die spätere Quellcode-Freigabe), SAP auf Linux, die vier mutierten Linux-Pinguine von Microsoft und als Gegenreaktion die “Peace, Love, Linux”-Kampagne von IBM. Letztere lief allerdings nach meiner Zeit beim Linux-Magazin.

Mich selbst haben immer alle Arten von Betriebssystemen, Emulatoren/Binärcode-Transformatoren [6], Programmiersprachen und die Vielzahl an Linux-Portierungen interessiert. Erinnert sich noch jemand an FX!32, an Transmetas Code Morphing Software oder an all die verschiedenen Hardwarearchitekturen, die Linux (aber auch diverse BSD-Varianten) nach und nach eroberten: DEC Alpha, Sun SPARC, SGI MIPS, POWER/PowerPC, HP PA-RISC und die unzähligen Embedded Devices, Handhelds, Smartphones, Router, Switches, Fernseher, Kühlschränke, Home-Entertainment-Systeme und so weiter, auf denen Linux mittlerweile läuft, oder lief als es die Geräte noch zu kaufen gab. Dazu gehört beispielsweise der COMPAC IPAQ, den ich kürzlich in einer alten Kiste wiederentdeckt habe.

Ein Supercomputer namens CLoWN

Bei mir im Keller steht übrigens ebenfalls eine DEC Alpha Jensen, die man mit einer kryptischen Kommandozeile booten musste. Auf so einer Maschine hat Linus Torvalds damals seine erste 64-Bit-Linux-Portierung erstellt. Fünfzig Alpha-Maschinen kamen im Dezember 1998 auch bei der WDR Computer-Nacht [7] in Paderborn zum Einsatz, bei der 520 Linux-Rechner von vielen Freiwilligen zu einem Supercomputer zusammengeschlossen wurden. Bei diesem Projekt namens CLoWN [8] (CLuster of Working Nodes), das wir – ziemlich naiv – auf Anfrage der Computer-Club-Redakteure ins Leben gerufen hatten, zeigte sich die Stärke einer Community, die trotz aller Unkenrufe jegliche Schwierigkeiten überwinden konnte. Alan Cox hat uns sogar einen Kernel-Patch geschickt, um eine Multi-Prozessor-Maschine zum Laufen zu bringen. Nebenbei sei noch erwähnt, dass damals das Wäscheklammern-DHCP, wie im RCF 2322 beschrieben, zum Einsatz kam [9]. Wir sollten unbedingt 2028 das 30-jährige CLoWN-Jubiläum feiern.

Abbildung 2: Blick auf einen Teil des 500-Rechner-Linux-Clusters CLoWN.

Abbildung 2: Blick auf einen Teil des 500-Rechner-Linux-Clusters CLoWN.

Es gäbe noch viele Geschichten zu berichten, etwa über die unzähligen Treffen mit den Linux-User Groups, die Linux-Camps, die Interviews mit Linus Torvalds und Guido van Rossum, die Linux-Kongresse [10] und Linux-Tage und einiges mehr, was mir in guter Erinnerung geblieben ist. Doch irgendwann muss Schluss sein und so habe ich 2001 beim Linux-Magazin den Staffelstab weitergereicht. Daraufhin begann ich bei IBM als Linux-Architekt, wechselte 2014 zu VMware (mittlerweile VMware by Broadcom) in eine coole Truppe von Linux/Netzwerk/Open-Source-Geeks als NSX Systems Engineer. Dort habe ich mich lange Zeit mit OpenStack, später mit Docker beschäftigt und wende mich jetzt hauptsächlich Kubernetes sowie dem Antrea CNI [11]) zu. Seit kurzem bin ich Produktmanager für die vSphere Supervisor-Netzwerkarchitektur, verwende nach wie vor täglich Linux und jede Menge freier Software. Daneben kommt auch meine heimliche Leidenschaft, die Mathematik, nicht zu kurz.

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