Von Michael Kofler stammt das oft als Linux-Bibel apostrophierte Standardwerk “Linux – das umfassende Handbuch”. Er kam bereits vor 31 Jahren zu Linux.
Meine persönliche Linux-Zeitrechnung begann bereits 1993: Vor 31 Jahren arbeitete ich an einem Buch über das Computeralgebra-System Maple. Um dieses Buch zusammen mit unzähligen mathematischen Formeln ordentlich zu setzen, brauchte ich LaTeX. Der einfachste Weg zu einem vollständigen LaTeX-System führte über Linux.
Berührungsängste hatte ich keine: Schon 1985 war ich im Rahmen eines Ferialpraktikums mit Unix auf einer Olivetti-Workstation in Berührung gekommen. Meine Abneigung gegen den Editor Vi stammt sicher aus dieser Zeit. Einige Jahre später hatte ich im Rahmen meines Studiums wieder mit Unix zu tun. Meine Diplomarbeit behandelte die Programmierung grafischer Benutzeroberflächen aus der Basis des X-Window-Systems. Privat besaß ich damals einen Atari ST und einen Windows-PC und konnte mich nur wundern, wie altmodisch die Bedienung von Unix doch war.
Meine erste Linux-Distribution war Unifix Linux. Die norddeutsche Firma Unifix war bis 1997 ein Vertreter im blühenden Linux-Markt in Deutschland. Die Besonderheit der Distribution bestand darin, dass Linux weitestgehend von einer CD ausgeführt wurde. Nur die wirklich benötigten Teile übertrug die Distribution auf die winzige Festplatte.
Aus heutiger Sicht wirkt das damalige Setup bescheiden, aber es reichte aus. Es gelang mir erstmals, ein Buch vollständig unter Linux zu schreiben und die Druckdateien zu erstellen: Editor Emacs, Satzsystem LaTeX, Postscript-Viewer Ghostscript. Bemerkenswert: Die damals üblichen Windows-Abstürze hörten mit dem Umstieg auf Linux auf, obwohl der Linux-Kernel damals noch nicht einmal die Version 1.0 erreicht hatte.
Das Maple-Buch war gewissermaßen der Probedurchgang für das Linux-Buch, das im Jahr darauf erschien. Dessen Neuauflagen erstelle ich bis heute mit nahezu denselben Werkzeugen. Nun gut, Ghostscript habe ich durch den PDF-Viewer Okular ersetzt. Die LaTeX-Umgebung läuft jetzt in Docker, damit ich das Setup unkompliziert und ohne Kompatibilitätsprobleme von einem System zum nächsten übersiedeln kann.
Die intensive Auseinandersetzung mit Linux und der Open-Source-Idee hat auch meine Ausrichtung als Autor stark geprägt: Während ich mich bis in die 1990er überwiegend mit kommerzieller Software beschäftigte (Visual Basic, Excel etc.), richtete sich mein Fokus danach verstärkt auf Open-Source-Tools: PHP und MySQL, Git und Docker, Markdown und Pandoc und so weiter. Klare und offene Kommunikationsstrukturen für Fehlermeldungen, kein Betteln um Evaluationsversionen, kein Lizenzärger bei Neuinstallationen – herrlich! Ich kann mich noch heute an den Tag erinnern, als ich mein letztes mit Word verfasstes Buch an ein Team von Koautoren abgab. Es war ein Gefühl der Befreiung, mich nie wieder über Microsofts Textverarbeitung ärgern zu müssen.
Obwohl ich aus beruflichen Gründen stets mit diversen Distributionen, Betriebssystemen und Rechnern parallel unterwegs bin (Linux, Windows, MacOS, Raspberry Pi), liegt meine Präferenz für die primäre Arbeitsumgebung klar bei Linux. In den letzten 30 Jahren hat sich der Linux-Desktop unglaublich weit entwickelt, vom fast steinzeitlichen Setup aus XFree und Fvwm zu Wayland in Kombination mit KDE oder Gnome. Letzteres ziehe ich persönlich vor.
Was meine Lieblingsdistribution angeht, habe ich eine lange Reise von Unifix über Slackware, Suse, Fedora und Ubuntu hinter mir. Aktuell läuft auf meinem Notebook Arch Linux. Ich bin überzeugt davon, dass dem Rolling-Release-Modell die Zukunft gehört: Einmal installieren, danach nur noch inkrementelle Updates, nie mehr veraltete Software nutzen. Arch Linux ist zugegebenermaßen nicht besonders einsteigerfreundlich, aber aus meiner Sicht gibt es die Richtung vor.
Auch wenn der große Durchbruch von Linux auf dem Desktop nicht in Sicht ist – in nahezu jeder anderen IT-Disziplin ist Linux heute Marktführer: Embedded Devices, Mini-Rechner, Server/Cloud, Supercomputer, KI-Forschung und so fort. Dieser vor 30 Jahren nicht vorhersehbare Erfolg hat viel damit zu tun, dass es zu Linux stets ausreichend Dokumentation gab. Aus How-to-Dokumenten, die sich wie alle anderen Linux-Komponenten auf der Installations-CD befanden, wurden Foren und Wikis im Internet. Frei verfügbares Wissen half dabei, Open-Source-Software schnell an neue Hardwaregegebenheiten zu adaptieren. Das gilt bis heute: Während Windows on ARM eine Chronologie des Scheiterns ist, läuft Linux auf dem Raspberry Pi seit mehr als einem Jahrzehnt problemlos.
Unendliche Mengen freier Dokumentation reichen aber nicht aus. Linux-Wissen muss verdaulich verpackt, geordnet und ansprechend präsentiert werden. Diese Aufgabe erfüllt das Linux Magazin: Über 30 Jahre hat es seine Leser und Leserinnen auf neue Open-Source-Trends aufmerksam gemacht, ihnen Tipps für den Hardwarekauf und die Softwarekonfiguration gegeben, komplexe Zusammenhänge anschaulich erklärt, gewissermaßen die Spreu im Wissensüberangebot vom Weizen getrennt. Dazu gratuliere ich und wünsche viel Erfolg für die nächsten 30 Jahre! (jlu)





