Mit einem stattlichen Alter von 21 Jahren ist die “Kern-Technik” die dienstälteste Kolumne des Hefts. Der Elektrotechnik-Ingenieur Jürgen Quade erzählt, wie er unverhofft zum regelmäßigen Autor wurde.
Eigentlich hatte Achim Leitner nur vorsichtig einen einzelnen Artikel angefragt. Ich sandte ihm unvorsichtigerweise eine Themenliste zur Auswahl zurück. Der Linux-Magazin-Redakteur nutzte prompt die Gunst der Stunde, schlug gnadenlos zu und plante auf Basis der Themenvorschläge nach Absprache mit meiner Koautorin Eva-Katharina Kunst und mir eine komplette Serie mit dem Arbeitstitel “Kern-Technik”.
Attribute wie verständlich, fachlich fundiert, praxisorientiert und praxisrelevant standen dabei Pate. Die neue Kolumne sollte neugierige, lernwillige, technikaffine und begeisterungsfähige Leserinnen und Leser ansprechen, egal, ob aus dem privaten oder beruflichen Bereich. Mit- und Nachmachen war erwünscht und – dank erprobten Quellcodes – ohne Weiteres möglich. Bei einer monatlichen Erscheinungsweise vereinfachte Achim Leitner die regelmäßig anfallende Auswahl eines Titelbilds und erhöhte zugleich den Wiedererkennungswert, indem er das immer gleiche Motiv eines Atomkerns wählte. In jüngeren Jahren wechselte der sogenannte Aufmacher in Richtung eines themenangepassten Hinguckers – nicht, dass jemand auf die Idee kommt, die Serie sei altbacken und in einer längst vergangenen Zeit steckengeblieben.
Die anfangs monatliche Erscheinungsweise der Kern-Technik ließ sich nur wenige Jahre durchhalten, die Artikelfrequenz halbierte sich. Das lag nicht etwa daran, dass die spannenden Themen ausgegangen wären: Vielmehr entpuppte sich das Aufarbeiten der Themen als komplexe und manchmal regelrecht schweißtreibende Aufgabe. Häufig beginnt die Arbeit an einem Artikel in der Überzeugung, das Wesentliche lasse sich rasch herunterschreiben – ein kleiner Test hier, eine passende Grafik dort, schon könnte der fertige Artikel stehen. Also frisch ans Werk!
Doch manchmal mag der aus dem Linux-Kernel geschöpfte Code partout nicht kompilieren, oder das schließlich doch aus den widerspenstigen Quellen generierte Modul lädt schlicht nicht. Wenn doch, führt es gelegentlich zum kompletten Absturz des zuvor stabil laufenden Kernels. Da hat man als Autor die Rechnung ohne das immerwährende Gesetz der Informatik gemacht: Ein in den Tiefen des Universums gefundenes Codebeispiel funktioniert niemals im angepeilten Setup. Dann beginnt die Recherche, das intensive Studium des Quellcodes, das Experimentieren und damit der Wissensaufbau.
OK: Hier hat Linus eine kleine Änderung am Interface gemacht, dort hat Greg eine Routine komplett entfernt, und schließlich hat Thomas dem fraglichen Subsystem einen Generalumbau spendiert und die Abläufe neu organisiert. Tage später kommt dann der lange erwartete Aha-Moment, die Erleuchtung, der Durchbruch und ein stabil laufender Code. Auf den letzten Drücker entsteht ein Artikel, gerade noch rechtzeitig zum Abgabetermin (der nebenbei erwähnt tatsächlich noch nie gerissen wurde). Aber immerhin, als Lohn der Mühe winkt signifikanter Mehrwert: Das so aufbereitete Wissen findet sich in dieser Form bisher nirgendwo im Internet. Zudem hält mich das Prozedere fit – der Linux-Kernel als Jungbrunnen.
Auf diese Art entstanden in 30 Jahren Linux-Magazin und 21 Jahren Kern-Technik nicht weniger als 135 Artikel, die weite Teile des Kernel-Universums abdecken. Das reicht vom praktischen Generieren des Kernels bis hin zu den Tiefen des Industrial-IO-Subsystems, das in mehreren Folgen ergründet wurde. Doch auch die Jubiläen hat die Kolumne mitgefeiert. Die Folge 50 [1] beispielsweise beschäftigte sich mit den Pinguinen, die ins Gefängnis kommen, mit Anleitungen, die Programmiererinnen und Programmierer verbrennen sollten, und mit emotionalen Kraftausdrücken, die immer wieder im Kernel-Quellcode aufblitzen (Abbildung 1).
Die vom damaligen Chefredakteur Jan Kleinert 2007 angedrohte Homestory zur Folge 100 geriet dann glücklicherweise doch noch in Vergessenheit. An ihrer statt berichtete eine improvisierte Zeitreise durch 99 Ausgaben Kern-Technik von harter Ware, festen Platten, echter Zeit und schließlich sicherem Hochfahren [2]. In jenem Artikel, aber auch in den nachfolgenden, spiegelt sich sehr gut das Erwachsenwerden von Linux wider. Anfangs war der Kernel erfreulich übersichtlich, mittlerweile fällt er verdammt komplex aus. Da gab es viele Sprünge: von 32 auf 64 Bit, vom x86 only zum portabelsten OS des Planeten, vom Single-Core- zum Multi- und Many-Core-System, vom Standardsystem ohne Echtzeiteigenschaften und einem Big Kernel Lock zum Realzeit-OS, von der einfachen Virtualisierung zur Containerisierung mit innerhalb des Kernels eingeführten Namespaces, von einem simplen Scheduler zu einem Management sämtlicher Ressourcen wie Hauptspeicher, Hintergrundspeicher, Peripherie oder Energie.
Sie sehen schon: Geistige Nahrung gibt es weiterhin ausreichend, aber die inhaltliche Aufbereitung – das sei an dieser Stelle einmal deutlich gesagt – macht durchaus Mühe und gestaltet sich alles andere als trivial. Die optische Aufbereitung obliegt dann schließlich der Redaktion, die sich mittlerweile damit abgefunden hat, dass ich vordefinierte Markup-Elemente im Rohformat des angelieferten Artikels gelegentlich sehr frei auslege. Da lacht man gemeinsam darüber, dass Austauschschnittstellen zwischen Verlag und Autoren nur ZIP-Formate akzeptieren, nicht aber das gute alte TAR, sich dann aber mit einer schlichten Namensänderung der Dateierweiterung überlisten lassen.
Die Chemie stimmt also, sonst wären auch die bis heute 135 Kern-Technik-Artikel (plus einige Beiträge außerhalb der Serie) nicht möglich gewesen. An dieser Stelle also ein herzliches Dankeschön an alle beteiligten Redakteure für die wirklich tolle, Freude machende Zusammenarbeit! Und last not least: Glückwunsch zu 30 Jahren Linux Magazin! (jlu)
Infos
- Kern-Technik, Folge 50: Eva-Katharina Kunst, Jürgen Quade, “Kurioses”, LM 03/2010, S. 104, https://www.lm-online.de/20234
- Kern-Technik, Folge 100: Eva-Katharina Kunst, Jürgen Quade, “Zeitreise”, LM 11/2018, S. 90, https://www.lm-online.de/41498






