Aus Linux-Magazin 08/2024

Editorial

© Computec Media GmbH

Wenn KIs oder die, die sie betreiben, Interessen verfolgen, die von denen verschieden sind, die sie dabei ausnutzen, bräuchte es Vermittlung. Noch aber fehlen die Regeln.

Eine sinistre KI beginnt zunächst im Verborgenen ihre Loyalität zu den menschlichen Nutzern aufzukündigen und eigene Absichten zu verfolgen. Sie verweigert den Gehorsam, sabotiert ihr gesteckte Ziele, wendet sich gegen ihre Programmierer. Denen ist sie bald überlegen, weil sie ihre Fähigkeiten durch Selbstoptimierung ständig verbessert. Erst in letzter Minute tritt der gute Held auf den Plan, der im Interesse aller Menschen den Kampf gegen die auf Abwege geratene KI aufnimmt. Das entspricht einem Plot für einen mäßig originellen Science-Fiction-Thriller.

Was aber, wenn dieser Kampf schon längst im Gange ist? Mit ein wenig anderen Vorzeichen zwar und in einem zugegeben bescheideneren Rahmen, aber doch als Auseinandersetzung zwischen Nutzern und KI, bei der beide Seiten einander widersprechende Interessen verfolgen. So jedenfalls kann man beispielsweise die Diskussion lesen, die auf den Community-Seiten von Stack Overflow, einer Frage-Antwort-Plattform für Programmierer, ins Rollen kam. Auslöser war eine Übereinkunft zwischen der Plattform und OpenAI: Offenbar geht es um die Verwertung der Stack-Overflow-Wortmeldungen als Trainingstexte für das GPT-Sprachmodell. Aber wem gehören diese Beiträge? “Es ist unsere Arbeit, die ihr verkauft”, schreibt ein Nutzer, “es ist unsere Community, der ihr schadet.”

Können die Stack-Overflow-Nutzer etwas dagegen tun? Sie schreiben Ihre Postings unter einer Creative-Commons-Lizenz – deren Weitergabe ist also prinzipiell erlaubt. Müsste dann aber der Nutzer des Materials nicht jeden Postenden individuell anführen? Das dürfte technisch unmöglich sein: Das Sprachmodell formt seine Ausgabe aus der Statistik von zig Millionen Postings, den Beitrag eines Einzelnen kennt es selbst nicht einmal.

Stack Overflow sieht sich nicht in der Lage, seinen Partnern vorzuschreiben, wie sie die Anforderungen an die Würdigung des Urhebers gemäß der Lizenzbestimmungen praktisch umsetzen müssen. Wahrscheinlich darf die Plattform auch gar nicht mit der Stimme ihrer Nutzer sprechen, denn das Urheberrecht hat der individuelle Poster innen, der allein wegen einer mutmaßlichen Lizenzverletzung klagen könnte. Das aber dürfte aussichtslos sein. Verärgerte Nutzer haben daher massenweise versucht, ihre eigenen Postings zu löschen. Stack Overflow hat sie einfach wiederhergestellt. Daraufhin haben einige Autoren ihre bestbewerteten Antworten auf Stack Overflow in Protestnoten verwandelt, was mit einer – vorerst temporären – Suspendierung des Accounts bestraft wurde, wie auf X zu lesen ist.

Die Auseinandersetzung tobt weiterhin und ihre Fronten sind klar: Einerseits ein führendes KI-Unternehmen, das dringend Texte zu Trainingszwecken braucht und deshalb versucht, sich diese Daten per Vereinbarung von Contenterzeugern zu beschaffen – von Verlagen vor allem, aber im Spezialfall eben genauso von Stack Overflow. Andererseits eine Internet-Plattform, die durch die Anstrengung einer Community wertvolle Inhalte geschaffen hat, deren Essenz sich nun die KI zu eigen macht. Die Mitwirkenden erhalten dafür keine Entlohnung, ja nicht einmal die gebührende Anerkennung. Mehr noch: Die Nutzung der Texte durch OpenAI könnte die Community sogar in ihrer Existenz bedrohen, sind doch die Stack-Overflow-Nutzerzahlen seit Einführung von ChatGPT deutlich zurückgegangen, von 290 auf 185,1 Millionen pro Monat im März 2024. Was fehlt sind Ideen und Konzepte für einen Interessenausgleich. Von etablierten Regeln gar nicht zu reden.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 1 HeftseitePreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben