Aus Linux-Magazin 06/2024

Editorial

© Computec Media GmbH

Der KI-Markt wächst weltweit rasant. Wer dabei letztlich die Sahne abschöpft, lässt sich noch nicht sagen. In jedem Fall wird künstliche Intelligenz unser Leben künftig entscheidend prägen, glaubt der stellvertretende LM-Chefredakteur Jens-Christoph Brendel.

Angesichts der Zahlen kann einem schon schwindlig werden, obwohl sie stark schwanken: Das Volumen des weltweiten KI-Markts im Jahr 2030 wird auf einen Betrag zwischen knapp 700 Milliarden und mehreren Billionen US-Dollar geschätzt – je nachdem, mit welchen jährlichen Wachstumsraten (15 bis 35 Prozent) die Prognostiker den gegenwärtigen Umfang hochrechnen. Doch was auch immer zutrifft: Es geht in jedem Fall um gewaltige Beträge. In wessen Taschen fließt der Löwenanteil dieser horrenden Summe eigentlich? Das ist überraschenderweise noch nicht klar.

Im Moment sind es vor allem die Hardwarehersteller und Hyperscaler, die besonders profitieren. Der Aktienkurs von Nvidia, ohne deren Grafikkarten KI-Workloads kaum noch auskommen, stieg allein zwischen Anfang Januar 2023 und Mitte März 2024 auf das Sechsfache. Auch die Cloud-Provider, die entsprechende Rechenkapazitäten vermieten, machen ausgezeichnete Geschäfte. Womöglich schneiden aber doch nicht sie sich das größte Stück vom Kuchen ab, sondern die Erbauer der großen Foundation-Modelle, indem sie Zugriffsrechte auf ihre APIs verkaufen? Von OpenAI, das einmal als gemeinnütziges Forschungsunternehmen gegründet wurde, erwarten Marktbeobachter, dass es damit 2024 das Unicorn-Kriterium erfüllen wird: eine Milliarde US-Dollar Umsatz.

Vielleicht verwendet man in Zukunft die KI-Modelle aber auch eher wie elektrischen Strom, den es überall gibt und der die Grundlage für alle möglichen Anwendungen schafft, von Heizung, Kühlung oder Beleuchtung bis zu Computern oder Autos. Wie beim Strom könnten die Erzeuger dann zweitrangig sein. Kommt es so, wäre denkbar, dass diejenigen gewinnen, die auf den Modellen aufbauen und anbieten, sie per Feintuning auf spezielle Anwendungen zuzuschneiden. Oder doch nicht? Was wäre, wenn die zum Spitzenverdiener avancieren, die ganz am Anfang der Lieferkette die riesigen Datenmengen für das Training beschaffen, aufbereiten und verwalten, wie im Moment etwa eine Firma wie Scale AI?

Es wäre auch möglich, dass sich die Anwendungen selbst zum Goldesel entwickeln, etwa KI-gestützte Suchmaschinen wie heute Phind oder Perplexity. Hier droht allerdings ein Dilemma: Je besser die Antworten ausfallen, die solche KI-Bots generieren, umso weniger Anwender werden sich die Mühe machen, die primären Quellen zu konsultieren, selbst wenn die KI sie angibt. Das ist ein grundlegender Unterschied zu herkömmlichen Suchmaschinen, die erzwingen, dass der Nutzer die in den Treffern verlinkten Seiten aufsucht. Die Quellen wiederum finanzieren sich oft durch Werbung, also über Klicks. Ihre Betreiber könnten daher in Versuchung geraten, die KI-Bots auszusperren, die ihnen die Besucher stehlen. Das wiederum grübe derartigen Suchmaschinen langfristig das Wasser ab. In jedem Fall ist die Rechtmäßigkeit der kostenlosen Nutzung von Internet-Inhalten für KI-Trainingszwecke ein juristisch umstrittenes Thema. Außerdem stellt sich die Frage, ob ein Text-Interface zur Bedienung und sich immer mehr ähnelnde Modelle ausreichen, um sich genügend von den Mitbewerbern abzuheben, denn das wäre die Voraussetzung für den ganz großen Reibach.

Wer letztlich das Rennen macht, lässt sich noch nicht sagen. Was wir wissen, ist, dass wir noch ganz am Anfang stehen, es um enorm viel Geld geht und die Entwicklung sich in atemberaubendem Tempo vollzieht. Außer Zweifel steht, dass der Urknall, dessen Zeitzeugen wir gerade sind, unser Leben so oder so entscheidend prägen wird.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDFUmfang: 1 HeftseitePreis €0,99
(inkl. 19% MwSt.)
LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben