Aus Linux-Magazin 05/2024

Editorial

© Computec Media GmbH

Lösen Chatbots bald Journalisten ab? Ein Selbstversuch offenbart, wie viel Zeit denen noch bleibt, deren Handwerkszeug die Sprache ist.

Was haben ein Universalreiniger, ein Hundefutter, eine Gewürzmischung für Fisch, Fleisch und Geflügel und die Scheuersaugmaschine SWM30 gemeinsam? Sie alle schmückt der Produktname “Alleskönner”. Wer sich selbst so nennt, dem steht Bescheidenheit gewiss nicht im Weg. Manchmal wird einem das Alleskönner-Attribut aber auch angedichtet, wie im Fall von ChatGPT: Gedichte, Formbriefe, Filmplots, Liebesschwüre soll es ebenso verfassen können wie Kochrezepte oder Code. Wird es damit bald auch jene vom Schreibtisch auf die Straße befördern, deren Handwerkszeug die Sprache ist – Journalisten zum Beispiel?

Um zu sehen, wie viel Zeit noch bleibt, habe ich meinen Job probeweise ChatGPT schon heute angeboten. Was passiert, wenn es eine Linux-Magazin-Ausgabe planen soll? Dafür braucht man erst einmal eine zündende Idee für ein Thema. Also habe ich dem Bot das Magazin und seine Leser kurz beschrieben und ihn gebeten, Titelthemen vorzuschlagen. Die Antwort: Container-Orchestrierung mit Kubernetes, Linux im Edge Computing, KI und Machine Learning unter Linux. Nichts davon wäre verkehrt, aber alles klingt nach dem Kreuzprodukt aus Linux und den Top Ten der Buzzword-Charts. Das Resultat überrascht weder noch berücksichtigt es, wann wir etwa Kubernetes zuletzt auf dem Titel hatten: Das weiß der Chatbot nämlich nicht.

Nehmen wir mal den Vorschlag “Linux und KI”. Welche Aspekte könnten Artikel beleuchten? ChatGPT meint: Einrichtung von ML-Frameworks unter Linux, Optimierung von Machine-Learning-Workflows, Linux und KI-Ethik. Wieder etwas, das zwar nicht falsch erscheint, doch auch nicht gerade originell ist. Außerdem verkennt der Bot, dass es neben tagesaktuellen Artikeln auch solche braucht, die Wissensgrundlagen vermitteln. Wo bekommen wir Autoren her? Die KI schlägt genau das vor, was wir jeden Tag machen: Wir suchen in unserer Autorendatenbank, in Veröffentlichungen von Unis, in Vorträgen von Konferenzen, in der Community, in Blogs, in Büchern und Zeitschriften oder auch mal auf Freelancer-Plattformen.

Hier könnte mir die KI nun zum ersten Mal eine wirkliche Hilfe sein. Ich frage: “Welche konkreten Autoren (nach Möglichkeit mit einer E-Mail-Adresse) kannst Du vorschlagen, nachdem Du alle von Dir aufgezählten Suchmethoden abgearbeitet hast?” Die Antwort: “Es tut mir leid, aber ich kann keine realen Personen oder ihre Kontaktdaten bereitstellen.” Wo es konkret wird, muss ChatGPT also passen.

Dazu kommt eine Scheu vor klaren Urteilen, ein Mangel an Humor und die notorische Ahnungslosigkeit im Aktuellen, die daher rührt, dass sich die Welt schneller dreht, als ChatGPT nachlernen kann. Auch viele Fakten aus der Vergangenheit, sofern es keine herausragenden Ereignisse waren, kennt ChatGPT nicht. Ein Mensch könnte sich in eine Bibliothek setzen, einen Zeitungsband von 1975 bestellen und beispielsweise nachsehen, wie das Presseecho auf die damalige Erweiterung des Strafgesetzbuchs ausgefallen war. ChatGPT kann nur antworten: “Ich kann jedoch keine spezifischen zeitgenössischen Reaktionen … wiedergeben, da meine Antworten auf Mustern und allgemeinem Wissen basieren, die während des Trainings erfasst wurden.”

Sicher vermag das Sprachmodell rasch eine alternative Formulierung vorzuschlagen oder einen Allerweltstext zu verfassen. Aber dafür brauche ich es nicht; auf ein paar Sekunden mehr oder weniger kommt es mir nicht an. Dort, wo die KI wirklich Stunden, gar Tage an Arbeit sparen könnte, hebt sie resignierend die Hände. So bald wird ChatGPT wohl nicht der universelle Journalisten-Nachfolger. Alleskönner sind eben doch eine seltene Spezies.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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Stephan Becker
2 Jahre her

Ich muss bei diesem Thema immer öfter an den Film “Terminator” mit Arnold und seine Nachfolger denken. Oder an den Roman “Der Mastercode” von Scott McBain über die immer stärkere Vernetzung von Datenbanken der Konzerne weltweit mit gleichzeitiger immer stärkerer Ausrichtung der persönlichen Freiheiten nach der Dicke des eigenen Geldbeutels, mit entsprechend negativen Auswirkungen. Verstärkt wird das Ganze durch das ständige Nachfragen an den Kassen vieler Supermärkte (auch Drogerien) nach einer App. Selbstbedienungskassen werden auch immer mehr und niemand scheint das zu stören. Vor ein paar Jahren habe ich Filmaufnahmen von Versuchen mit menschenähnlichen Robotern gesehen, die z.B. selber Türen… Mehr »

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