Das Geheimnis hinter Enterprise Linux und warum Generationen von Managern bei Suse an der kreativ-anarchistischen Lebensweise der Suseaner verzweifelten – all das bringt eine Umfrage unter Ehemaligen ans Licht.
Egal ob in der Schanzäckerstraße, Fahrradstraße, am Maxtorhof oder in der Deutschherrenstraße: Wo auch immer die Nerds von Suse hausten, hatten sie viel Spaß. Jede Managergeneration musste widerwillig akzeptieren, dass man es hier mit “speziellen” Mitarbeitern zu tun hatte, bei denen die gewohnten Führungsmethoden versagten.
Der typische Suse-Mitarbeiter (vor allem in den ersten beiden Jahrzehnten) war hoch motiviert und kreativ, neigte aber gelegentlich zum Anarchismus oder zur Sturheit (Abbildung 1). Selbst die Gründer waren nicht frei davon: Von Hubert Mantel ist beispielsweise überliefert, dass er, verärgert vom Kunden zurückkommend, schon mal ein »ping -f« an dessen einzigen Windows-Server schickte. So zerlegte er per Windows NT SYN Flood Bug die Telefonanlage. Das Schreien der Vertriebler soll heute noch zu hören sein.

Abbildung 1: Ihrer Kreativität ließen die Suse-Mitarbeiter gern einmal in originellen “Kommentaren” freien Lauf.
Wie die Techniker tickten, zeigten schon die Server-Namen im ersten Oakland Office (Kalifornien). Erst beim neuen Server Ensslin fiel auf, dass die anderen Baader und Meinhof hießen. “Nachdem ich erfahren habe, dass mein Geldautomat in San Francisco gesprengt wurde, gab’s dann endlich auch einen Kaczynski.”
Streitaxt und Porno
Im Suse-Büro passierte es mitunter, dass Mitarbeiter mit Streitaxt, Morgenstern oder Peitsche durch die Gänge liefen. Ximian-Gründer Nat Friedman soll einmal über ein “You’re next!” sehr irritiert gewesen sein, das ihm ein mit derartigen “Argumenten” bestückter Kollege im Vorübergehen entgegenschleuderte. Solche mittelalterlichen Folterwerkzeuge leisteten mir in meiner Zeit als Team Lead bei Suse gute Dienste – von der Axt über Feenstaub bis zum Logikkonverter für Developer. Im Doku-Team gab es regelmäßig eine “Standard Answer of the Week” (SATW), die jeder Besucher als Erstes bekam. Der Favorit: “Not since the accident” – egal, was der hereinstürmende Kollege gesagt hatte.
Die Mitarbeiter der Suse-Dokumentation glänzten außerdem stets mit kreativen und seriösen Lösungen. Als (wieder einmal) ein neues Management belastbare Leistungsdaten verlangte (“Ihr seid doch eh alle voll transparent auf Github”), erstellte ein findiger Programmierer ein Skript namens MAPO. Es mischte Zufalls- und Github-Daten und stellte sie als CSV für den Excel-Import bereit. Das Management war glücklich, und niemand fragte je nach, was der Name bedeutet. MAPO stand für Management Porn, der Nachfolger (schon in Trump-Zeiten) MAPO-AF für “Management Porn –Alternative Facts”.
Überhaupt, das Management: Über die schillernd bunte CEO Melissa Di Donato will niemand groß reden, ihre Auftritte sprächen ja für sich selbst. Unvergessen auch Dirk Hohndel nach den Microsoft-Deals: “Den Namen Microsoft wird man in fünf Jahren nur noch in den Geschichtsbüchern lesen.” Generationen von Managern haben Suse geprägt, doch das eigentliche Leben und kreative Schaffen tobte immer eher auf den unteren Ebenen. Etwa wenn ein Manager ins überfüllte Hardwarelabor kam und seufzte: “Ich kann’s gar nicht erwarten, wenn das alles durch die Cloud abgelöst wird.” Die Antwort “Und worauf läuft die Cloud dann?” ließ ihn wortlos den Raum verlassen.
Managementtrainer vom alten Schlag mussten feststellen, dass Harvard-Business-School-Regeln bei Suse nicht galten (Abbildung 2). Den Auftrag für einen Essay darüber, wie sie denn die Beförderung erreichen wollten, beantworteten vier Teamleiter im Training so:
- “Warum befördert werden? Alles über Teamleiterebene wird doch eh bei der nächsten Übernahme ausgetauscht.”
- “Ich bin zufrieden da, wo ich bin, alle über mir müssen zu viel Powerpoint und Excel machen.”
- “Befördert werden Menschen immer nur entweder nach dem Peter- oder Dilbert-Prinzip; oder einer muss aus dem Weg, man kann ihn aber nicht feuern; oder um Allianzen zu schmieden. Nur in einem der Fälle hat das was mit Leistung zu tun.”
- “Och, nicht schon wieder was schreiben …”

Abbildung 2: Mit steifen Anzügen und Lackschuhen aus dem klassischen Manager-Kleiderschrank konnte man bei Suse lange nichts anfangen.
Geheimprojekt Enterprise
Was viele nicht wissen: Suse erfand den Begriff Enterprise Linux [1]. Zeitzeugen erzählen, wie um die Jahrtausendwende SLE zustande kam – im Geheimen, auf einem Großrechner.
“Der erste Mainframe bei Suse existierte eigentlich gar nicht. Er war vom IBM-Dinosaurier Karl-Heinz Strassemeyer aus Ersatzteilen des Labors in Böblingen als Geheimprojekt gesammelt worden. Er glaubte fest an Linux auf dem Mainframe, IBM war aber anfangs skeptisch. Jedenfalls hatte unsere ‘MultiPrise 2000’ keine Seriennummer, es gab sie also gar nicht offiziell.”
Bernd Kaindl war das Kernel-Genie, “der alles auf der Kiste zum Laufen gebracht hat. Die machte beim Hochfahren mehr Lärm als eine 737. Marcus Kraft war der geniale Projektmanager.” Das Licht der Welt erblickte das erste Enterprise Linux der Geschichte also auf einem Mainframe. Obwohl IBM die Linux-Konkurrenz fürchtete: Gerüchten zufolge wusste man im Ländle durchaus recht früh von der unregistrierten Z-Series im Keller der SuSE GmbH.
Novell
Die Geschichte mit Novell war ebenfalls ein diffiziles Konstrukt – hie die strenggläubigen Antialkoholiker mit Garment [2] unter dem Anzug, dort die trinkfreudigen Franken, die ihr Bier für Konferenzen sogar selbst brauten [3].
Selbst Red Hat beneidete dem Vernehmen nach Suse ob deren Freizügigkeit. Auf der Susecon in Amsterdam 2015 gab es sogar Beer-as-a-Service als Beweis fürs Live-Kernel-Patching ohne Unterbrechung durch einen Reboot [4]. Suse brachte aber auch das Oktoberfest in die Diaspora von Utah: Auf der letzten offiziellen Ausgabe der Novell-Hauskonferenz Brainshare gab es jede Menge Exotisches für die Mormonen zu bestaunen: Lederhosen, Bier, Dirndl, Weißwürste, mehr Bier, Brezen und Lebkuchenherzen und noch mehr Bier.
Schon am Anfang, als Novell so langsam Suse übernahm, kamen von dort die ersten seltsamen Anweisungen. Die unverhoffte Direktive “No guns in the office!” nahm der Nürnberger Betriebsrat zum Anlass, um sich über die ausgebliebene vorherige Konsultation nach deutschem Arbeitsrecht zu beschweren. Das wirkte, spätere Verhandlungen waren einfacher.
Gerade aus der Novell-Zeit gibt es unzählige skurrile Anekdoten, etwa als Provo einen gewissen David Patrick entsandte, um die rebellischen Nürnberger KDE-Liebhaber Mores zu lehren. Von den Ximian-Gründern Nat Friedman und Miguel de Icaza zum CEO der Gnome-Firma berufen, reiste Patrick, jetzt frisch gebackener General Manager Open Platform Solutions und mit den “älteren Linux-Rechten bei Novell” ausgestattet, mit viel Selbstvertrauen ins Frankenland. Er plante, dort den konkurrierenden KDE-Desktop endgültig und ohne Widerrede einzustampfen. Die Welle der Empörung war riesig, die Mauer des Widerstands uneinnehmbar. Beim All-Hands fielen nicht zitierfähige Worte, viele Mitarbeiter winkten ab und gingen einfach. Patrick war danach nicht mehr lange bei Novell.
Daneben war Groupwise bei Suse ein steter Quell der Freude: Die E-Mail-Spezialisten aus Utah diskreditierten sich gleich im ersten Meeting mit der Frage “Was ist denn eigentlich dieses SMTP?” Angeblich hat es in der Folge keinen einzigen Anruf beim Novell-Support mehr gegeben. Groupwise wurde trotzdem Pflicht, funktionierte jedoch nie. Die Suseaner bauten sich eigene Mailserver und Forwarder, litten aber unter einer Begrenzung auf 10 000 E-Mails für POP-Abrufe. Das Fazit “Groupwise hat bei Suse nie funktioniert” wollte man in Provo selbstverständlich nicht akzeptieren: “Wir sind eine Multi-Billion-Dollar-Company, und wenn das nicht funktioniert, liegt es an Suse!”
So ein “works for me” mussten viele frühe Kunden von Suse hören, vor allem in den ersten Jahren, als noch Hardcore-Techniker (und -Gründer!) am Support-Telefon hingen. Die Policy unter den Entwicklern von S.u.S.E. Linux 5.1 trug dazu bei: “Ey, wenn du was in der Distribution verbockst, bearbeitest du auch die Support-Anfragen dazu!” Es war eben eine andere Zeit: Der sündhaft teure erste CD-Brenner (Dual Speed!) stand in der Mitte des großen Büros. “Niemand durfte sich mehr bewegen, weil das Ding so unglaublich anfällig für Vibrationen war und die hochwertigen Rohlinge nur begrenzt verfügbar – Burchard hat einfach alle heimgeschickt, damit er den Master brennen konnte.” Im Büro am Fürther Bahnhof dagegen sorgten vorbeifahrende E-Loks für Verzerrungen auf den Monitoren.
Bewerbungen
“Der Anblick des Server-Raums beim Einstellungsgespräch … das war mehr moderne Kunst oder das Werk eines Messies als ein RZ. Die Kabel bedeckten nach meiner Erinnerung fast vollständig den Boden, und keiner hatte mehr den Überblick, welche Strippe wohin gehörte.”
Das änderte sich, unter anderem, weil die 14 HE große Siemens Primergy, die beim Booten alle 12-Zentimeter-Lüfter in Flugzeuglautstärke startete, beim Herausziehen samt Rack immer wieder nach vorn kippte. Man hatte sie im oberen Teil des ansonsten leeren, jedoch nicht am Boden verschraubten Racks verbaut (Abbildung 3). Nach einer Wochenendaktion war das behoben, mit Kunststoff-Euro-Paletten als doppelten Boden: “Der Server-Raum in der Schanz war ja nur ein umfunktioniertes Büro.” An heißen Tagen soll es da lange Ketten von Ventilatoren gegeben haben, die Außenluft in das Zimmer schaufelten.

Abbildung 3: Im Server-Raum von Suse stach neben dem Hi-Tech-Equipment vor allem die eigenwillige Verkabelung ins Auge.
Bei einem anderen Vorstellungsgespräch soll der damalige CEO “versehentlich” dazu gekommen sein und eingangs den Personalchef etwas desorientiert gefragt haben: “Sag mal, brauchen wir die Stelle eigentlich?” Antwort des Personalers: “Hey, du hast Sie angefordert, budgetiert und genehmigt!”, woraufhin der CEO mit einem kleinlauten “Ok, dann macht ihr das mal, ihr kriegt das schon hin.” das Feld räumte. Der Bewerber fand das Ganze “etwas prickelnd”, heuerte aber dennoch an.
Messen waren immer wieder ein echtes Erlebnis, etwa als der Linux-Router auf der Systems nur gemächlich routete. Stunden später kam jemand auf die Idee, eine Tastatur anzuschließen – was überraschenderweise die Pakete massiv beschleunigte. Einer der Nerds, die das System für die Messe vorbereiteten, hatte als besonderen Service Keyboard-LEDs installiert, “damit die Tastatur bei Netzwerk-Traffic die LEDs blinken lässt. Ohne Keyboard hat der Treiber immer einen Timeout verursacht, bis das nächste Paket übertragen wurde …”
Hard- und Software
Angesichts mancher Geschichten scheint es ein Wunder, dass nicht mehr schiefging. Die frühen Setups, 20 Jahre lang im Betrieb, nutzten ein Shared-Root NFS/NIS mit einem allseits bekannten Root-Passwort. Weil die Distributionen auf den diversen Rechnern der Mitarbeiter gebaut wurden, hatte Suse so immer einen Vorteil bei der Hardwareunterstützung, doch das ermöglichte ebenso den einen oder anderen Hack.
So verursachte beispielsweise der Suse Small Business Server (SBS) mit seinem per Default aktivierten DHCP-Daemon immer wieder Probleme. Sobald er ans Netz ging, war das Firmen-LAN down – muss man halt wissen. Auch ein Bug im Switch verhinderte das Aussortieren der Requests. Deshalb passte man nach dem hundertsten Mal irgendwann das Produkt an und stellte den DHCP-Server auf manuelles Aktivieren um. Ganz Suse atmete auf.
Oft hört man Geschichten wie die, dass SAP lange keine Umlaute konnte, sodass Muller, Mueller und Müller möglicherweise derselbe Kollege war – aber nur vielleicht. Bei Novell dagegen arbeiteten gefühlt Tausende Smiths, häufig mit dem identischen Vornamen Joe, was wohl am Religionsstifter lag [4].
In den ersten Suse-Büros tummelten sich immer wieder einige dubiose, aber völlig harmlose und freundliche Gestalten. Ein Kollege war bekannt dafür, jede noch so exotische Hardware “auszuleihen”, sodass sein Name pauschal als Verb fürs “Borgen” diente. Manche Mitarbeiter entwickelten eine paranoide Fähigkeit zum peripheren Sehen, sobald er im Raum war. Meist stellte sein Spleen aber kein Problem dar, weil viele Hersteller Suse laufend mit Vorserienhardware für die Kernel-Entwicklung versorgten.
Festplatten finden
Erst als eine große Kiste per Lastwagen geliefert wurde und nach dem Auspacken ein Storage-Array mit 100 Festplatten offenbarte, wurde es kritisch. Zwar wusste niemand, ob jemand oder wer eigentlich sie bestellt hatte, aber der Lieferschein wurde unterschrieben, und die Nerd-Traube löste sich langsam wieder auf. Binnen weniger Wochen war ein Treiber für das Array geschrieben, es folgte ein Anruf beim Hersteller: “Ihr könnt das Ding wieder abholen.” Es blieb jedoch stehen, und es geschah vorerst nichts – außer dass die Zahl der Festplatten stetig abnahm.
Nach wenigen Jahren stand das Array leer da. Von echtem Community-Geist beseelte Kollegen (mit einem HD-Crash) hatten dafür gesorgt – es sprach sich halt schnell herum, und Festplatten waren teuer. Doch dann kam der Anruf vom Hersteller: “Wir bräuchten dringend das Storage Array für eine Messe.” Tiefes Luftholen am Suse-Ende der Leitung: “Ok, wir sehen mal nach!”, gefolgt von Ratlosigkeit. Doch dann hatte einer der Techniker die zündende Idee.
Wieder ans Telefon: “Also, wir haben das Array gefunden, aber die HDs sind inventarisiert, zusammen mit vielen anderen Festplatten anderer Kunden. Wir bräuchten also alle hundert Seriennummern, damit wir das System wieder zusammenbauen können. Ist aber kein Problem, dauert nur so vier bis sechs Wochen. Wir haben zwar viele identische Festplatten hier, aber wir können Ihnen ja nicht das Eigentum von Dritten geben – da bekämen wir massiv Ärger.” Vom Hersteller kam danach keine Anfrage mehr.
Noch so viel mehr
Man könnte noch endlos weiter erzählen – etwa, warum es nach Partys schon mal vermeintliche Bären unter den Bürotischen gab, warum durch die Büros der Deutschherrenstraße mittags oft der Ruf “Stern 23!” schallte, und ob Suse tatsächlich im wunderschönen Saal des Hotels am Tiergarten Hausverbot hat. Das alles muss ein anderes Mal erzählt werden. Wenn Sie aber noch nicht genug haben von bunten, lauten Sachen, sollten Sie sich die zahlreichen Videos der Suse-Band [5] anschauen, die mit Regisseur Russ Dastrup entstanden.
Zum Schluss noch der obligatorische Disclaimer: Nichts von dem Vorstehenden ist wirklich passiert. Alle Zahlen, Fakten und Namen sind absolut fiktiv; jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen wäre rein zufällig. Ehrenwort! (csi)
Infos
- Suse Linux Enterprise: https://en.wikipedia.org/wiki/SUSE_Linux_Enterprise
- Temple Garment: https://de.wikipedia.org/wiki/Tempelgewand
- OpenSuse Beer: https://en.openSuse.org/openSuse:Beer
- Joseph Smith: https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Smith
- Videos der Suse-Band: https://www.youtube.com/watch?v=SYRlTISvjww&list=PL6sYHytyKN2-X93TurF3JptW8qSVm0DzA





