Der ohnehin beachtliche Fragenkatalog zum Thema KI wächst. Wer Antworten dazu sucht und wissen möchte, warum Karl Marx neuerdings wieder Konjunktur haben könnte, wird in diesem Buch fündig.
Direkt auf den ersten Seiten stellt der Autor Klaus Kornwachs eine angesichts des Titels “KI und die Disruption der Arbeit – Tätig jenseits von Job und Routine” nahezu unvermeidliche Frage: die nach der conditio humana, also dem “Stellenwert der Arbeit für den Entwurf eines menschenwürdigen Lebens”. Konsequent rückt er dementsprechend den Menschen in den Mittelpunkt seiner Arbeit und sieht ihn bei allen Diskursen rund um Technologie und KI stets “in oder on the loop”, sprich als aktiven Teil des Prozesses. Für seine Ausführungen kombiniert der Autor Philosophie mit Wissenschaftstheorie im Bereich Informatik und KI sowie Technikwissenschaft. Seine Kritik an der bisher eher in einzelnen Disziplinen isoliert stattfindenden Betrachtung von Technologien erscheint berechtigt und nachvollziehbar. Allerdings stellt dieser systemische Ansatz einen relativ hohen Anspruch an die Leser.
Der Autor ist sich dessen offensichtlich bewusst, worauf unter anderem Aufbau des Buchs schließen lässt. Eingangs definiert fünf Thesen. Er prognostiziert beispielsweise eine Veränderung oder Verschiebung der in Zukunft benötigten Tätigkeiten und warnt vor einem damit einhergehenden Identitäts- und Statusverlust. Mit dem Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert man ihm zufolge nur eine einzige, begrenzt wirksame Bewältigungsstrategie für die zukünftigen Herausforderungen. Daneben sieht er die Gefahr des gläsernen Menschen im Raum stehen und geht davon aus, dass der zunehmende Monopolismus etwa durch große Tech-Konzerne nach neuen Regeln für internationale Arbeitsmärkte verlangt.
Im Anschluss knöpft sich der Technikphilosoph den Begriff Arbeit an sich vor und definiert ihn erfrischend anhand der einzelnen Buchstaben des Worts neu. Dabei steht das A sowohl für Anstrengung als auch für Anerkennung. R bündelt unterschiedliche Rechte auf Arbeit, Eigentum und Teilhabe. Hinter B steckt Belohnung, wobei Kornwachs hier auf materielle und immaterielle Güter gleichermaßen verweist. E meint Einkommen oder Eigentum, und I adressiert das identitätsstiftende Moment von Arbeit. Letztlich schreibt der Autor dem T Teilhabe zu, also das Teilnehmen am sozialen Prozess des Arbeitens.
Damit gibt Kornwachs den Lesern bereits eine Hälfte des Rüstzeugs an die Hand, das sie bei der Lektüre des Buchs brauchen werden. Die andere Hälfte ist Unterscheidung und Erklärung zweier Eroberungen, der “Siegeszug des Computers” und der “Siegeszug der Algorithmen”, wie er die wohl wirkmächtigsten technischen Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts nennt.
Unter der Überschrift “Zu Besuch…” sammelt der Autor Beispiele dafür, wie Technik in unterschiedlichen Branchen über die Geschichte gewirkt hat. Als Zwischenfazit führt er an, dass Technik zwar bis ins 18. Jahrhundert hinein die menschliche Arbeit zunehmend erleichtert hat, aber an deren Rolle im Selbstverständnis der Menschen kaum etwas änderte. Dieses Selbstverständnis berühren erst Computer und Algorithmen, die zusammen Menschen durch Automatisierung vollkommen ersetzen können. Darüber hinaus verändern sie irreversibel die Organisationsformen und Inhalte der Arbeit.
Immer wieder betont der Text, dass Maschinen alles erledigen können, was sich mathematisieren oder formalisieren lässt. Arbeit werde “immer mehr mathematisch durchdrungen und durch Modelle beschrieben, die dann die Grundlage für Algorithmen und Programme sind, die eben diese Maschinen steuern, die uns die Arbeit abnehmen. Insofern ist die angewandte Informatik in der Tat die ‘Rekonstruktion der Arbeit mit formalen Mitteln'” (S.171).
Das im ersten Moment womöglich abstrakt wirkende Zitat zeigt eine Stärke und zugleich Schwäche des Buchs: Einerseits gelingt es Kornwachs, mit Gemeinplätzen und Mythen auf sachlich nüchterne Art aufzuräumen. Das gilt gerade für Dinge wie Jobwegfall, neue Berufsbilder, die Veränderung der Arbeit durch neue Maschinen, sozioökonomische Effekte oder die unbestrittene Mär vom gerechten Lohn. Andererseits entsteht so eine gewisse, vielleicht unvermeidliche Distanz des Lesers zu den Inhalten.
Am Ende folgert Kornwachs, dass neue Arbeit (immer noch) Tätigkeit ist, nur anders als bisher. Das stellt uns zweifellos vor Herausforderungen, für die es etwas bisher exklusiv Menschliches braucht: Emotion und Intuition.






