Aus Linux-Magazin 08/2023

Editorial

© Computec Media GmbH

Computer können immer mehr und manches doch niemals: mitfühlen, neugierig sei, sozial interagieren, Neues ohne Vorbild schaffen … So schlau sie werden mögen, für viele Aufgaben bleiben sie daher für immer zu dumm.

Manch einer mag vielleicht leicht pikiert den Blick senken, andere es amüsiert zur Kenntnis nehmen, wieder andere glauben es einfach nicht. Und doch ist es eine Tatsache: Viele technische Innovationen mindestens der letzten Jahrzehnte hat die Pornoindustrie mit vorangetrieben. Angefangen bei der VHS-Kassette, die sich durchsetzte, weil die Konkurrenten Betamax und Video 2000 keine Schmuddelinhalte auf ihren Medien wissen wollten, über Virtual Reality, Online-Bezahlsysteme oder Social-Media-Marketing bis hin zur aktuellen bilderzeugenden KI – überall zählte das Erotik-Business zu den Vorreitern. Der Grund dafür ist simpel: Es war und ist ein Milliardengeschäft.

Man mag darüber die Nase rümpfen, es belächeln oder als gegeben hinnehmen – die Technik selbst trifft jedenfalls keine Schuld. Sie verfügt weder über ethische Maßstäbe noch sittliche Werte. Dafür bleiben allein Menschen verantwortlich. Alle Fähigkeiten, die sich unter Menschen herausgebildet haben, um ein soziales Miteinander zu ermöglichen, sind Rechnern wesensfremd: Empathie, Fürsorge, Liebe, Gerechtigkeitssinn oder Selbstlosigkeit. Computer plagen keine Sorgen, sie freuen sich nicht, sie langweilen sich nicht einmal. Computer verstehen nicht nur nicht, was sie sagen, genauso wenig empfinden sie etwas dabei.

Manche Entwicklungen mögen momentan den Anschein erwecken, als gebe es für immer intelligentere Computer bald keine Arbeiten mehr, die sie nicht übernehmen könnten. Tatsächlich aber gibt es eine absolute Schranke. Ein Pflegeroboter mag helfen, einen Patienten umzulagern – Anteil an seinem Schicksal nehmen, ihn mitfühlend trösten, kann er nicht. Eine Jura-KI mag auf unzählige Gesetzestexte und Präzedenzfälle zugreifen – Empathie mit dem Opfer empfinden, Strenge und Gnade gegenüber dem Täter austarieren, das kann sie nicht. Lernsoftware mag die nötigen Wiederholungen mit ausgeklügelten Algorithmen steuern – einen verständnisvollen Lehrer ersetzt sie nicht. ChatGPT mag reimen können – wirklich dichten kann es nicht. KI kann längst im Stil Braque und Picasso malen – den Kubismus hätte sie nie aus dem Nichts erfinden können. Kurz: Spätestens da, wo Menschlichkeit und soziale Kompetenz gefragt sind oder etwas Niedagewesenes zu erschaffen ist, muss jede Maschine passen.

Nicht einmal die Sexindustrie glaubt übrigens, dass ein optisch perfekter, KI-generierter Schauspieler die Kundschaft überzeugen könnte. Mark Spiegler, ein Agent für Pornodarsteller, den die Washington Post zitiert, meint, seine Schützlinge operierten mit Charisma, Können und Attraktivität. Und da könne eben keine KI mithalten. “Ich glaube nicht, dass man eine Persönlichkeit maschinell lernen kann. Man kann es ein bisschen nachahmen, aber es fehlen immer noch der menschliche Funke und die Spontaneität.”

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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