Ted Ts'o: Debian kann von Ubuntu lernen

Der frisch gekürte technische Leiter der Linux Foundation und Kernel-Entwickler Ted Ts'o appelliert an das Debian-Projekt, einen pragmatischeren Ansatz bei dem freien Betriebssystem zu verfolgen. Anlass für seine Ratschläge ist der aktuelle Streit um die nächste Debian-Version 5.0, Codename Lenny.

Der Streit um freie und proprietäre Bestandteile in Debian GNU/Linux schwelt seit langem und führt bei bevorstehenden Neuauflagen des Betriebssystems wiederholt zu Diskussionen. So gipfelte die kürzlich anberaumte Abstimmung über Debian Lenny, den Sozialvertrag und die Release-Politik nun in dem Rücktritt des langjährigen Projektsekretärs Manoj Srivastava. Der prominente Linux-Entwickler und Technikchef der Linux Foundation, Ted Ts’o, kommentiert die Debatte in einem Blogeintrag und nutzt ein Zitat aus einem Buch von Gordon Dickson zur Veranschaulichung, in dem es um Philosophen geht und deren militante Anhänger, die ihre Ideen kompromisslos vertreten. Ts’o schreibt: „Der Konflikt zwischen Idealismus und Pragmatismus ist relativ alt in der Bewegung für Freie und Open Source Software.“ Er nennt Richard Stallman als Beispiel für jemanden, der nie Kompromisse geschlossen habe für seine Vision der Freiheit von Software.

Besonders sauer aufstoßen mag es manchem Debian-Entwickler, wenn Ts’o ausgerechnet das Debian-Derivat Ubuntu für ein Positivbeispiel heranzieht: Obwohl er nicht in allen Dingen einer Meinung mit Shuttleworth sei und auch nicht immer mit der Art, wie Shuttleworth Canonical und die Linux-Variante Ubuntu führe, gebühre ihm Beifall für die Regeln, die er für seine Linux-Variante einführte: Den Ubuntu Code of Conduct. Ts’o empfiehlt den Debian-Entwicklern, sich ein wenig mehr an dem Ubuntu-Regelwerk zu orientieren, und er glaubt, damit könnten sie effizienter und das Projekt erfolgreicher sein. „Dies könnte allerdings erfordern, dass sich die Bedeutung von philosophischen Konstrukten wie Freie Rede und Freie Software verringert,“ so der Linux-Entwickler, „stattdessen könnte man pragmatischer und rücksichtsvoller miteinander umgehen.“

Die Wortwahl des Debian-Sozialvertrags (Debian Social Contract) ist nach Meinung Ts’os ein Teil des Problems. Er zitiert den ersten Paragraph, in dem es heißt: „Debian wird zu 100 Prozent frei bleiben. (…) Wir werden das System niemals so aufbauen, dass es eine nicht-freie Komponente verlangt.“ Ts’o bemängelt, dass Ausdrücke wie „100 Prozent“ und „niemals“ keinen Platz für Kompromisse ließen. Er weist auf eine Eigenheit der Berufsgruppe hin, die diesen Vertrag nutzen: „Zusätzlich wird der Debian Sozialvertrag von Computer-Programmierern interpretiert, die dazu neigen, solche Imperative als Zwänge zu betrachten, die niemals verletzt werden dürfen, unter keinen Umständen.“ Der Kernel-Entwickler findet jahreszeitlich passende Beispiele dafür, dass auch strikte Regeln Ausnahmen kennen: Die biblischen Gebote „Du sollst nicht töten“ und „Du sollst nicht stehlen“, die durch die Lebensumstände beispielsweise in Kriegen oder Hungersnöten relativiert würden. Er folgert: „Wenn also selbst zum sechsten und achten Gebot Ausnahmen möglich sind, warum kann es sein, dass einige Debian-Entwickler den ersten Paragraph des Debian-Sozialvertrags verfolgen nach dem Motto ‘macht-keine-Gefangenen’, ‘keine Ausnahmen’?“ Er verweist auf den vierten Absatz des Debian-Sozialvertrags, in der den Bedürfnissen der Anwender und der Community Priorität eingeräumt wird und darauf, dass die Realität zeige, dass Ausnahmen möglich sein müssten.

Seine eigene Einstellung dazu beschreibt Ts’o: „Ich persönlich glaube, dass „zu 100 Prozent freie Software“ ein wunderbar erstrebenswertes Ziel ist“, aber es müsse auch Überlegungen darüber hinaus geben. Mit Bezug auf die Heftigkeit und den Ton der Debatte findet er ein weiteres biblisches Beispiel mit dem Gebot der Nächstenliebe. Ts’o: „Selbst für die, die Christentum nicht als ihre religiöse Tradition betrachten, haben die meisten ethischen und moralischen Regelwerke eine Variation der goldenen Regel: ‘Was du nicht willst was man dir tu, das füg auch keinem andern zu’.“ Er warnt davor, Freie Software als Ersatz-Religion mit absolutistischem Anspruch zu vertreten und schildert seinen eigenen Standpunkt: „Letztlich halte ich Menschen für wichtiger als Computer, Hardware oder Software.“

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