Aus Linux-Magazin 05/2023

Editorial

© Computec Media GmbH

Die Zeit der Hippies lag Jahrzehnte zurück, als im Tech-Universum Ende der 1990er die Open-Source-Bewegung aufkam. Sie war ebenfalls antiautoritär, unkonventionell, freiheitsliebend und der Idee einer teilenden Gemeinschaft verpflichtet. Was ist von diesen Ideen heute übrig, wo Open Source das Geschäftsmodell von Konzernen ist?

Ganz zu Anfang, vor gut einem Vierteljahrhundert, glaubte selbst Eric S. Raymond (“The cathedral and the bazaar”) nicht daran, dass man komplexe Software anders erschaffen kann als mit einer handverlesenen Gruppe fest angestellter Entwickler, die verschwiegen und unter straffer Leitung darauf hinarbeiten, alle halben oder ganzen Jahre eine neue Version zu präsentieren. Dann aber belehrte ihn ein Selbstversuch im Stil der Linux-Entwicklung mit offenem Code, freier Beteiligung und häufigen Releases eines Besseren. Seitdem gerierte er sich als Apostel freier Software. Software, geschaffen von Anwendern, die damals zugleich Tester und Mitprogrammierer waren und die, verbunden durch das Internet, gemeinsam sein Programm stetig verbesserten: Jeder weltweit konnte mitmachen, freiwillig, aus Spaß an der Freude. Anstelle von Geldverdienen stand das Gemeinwohl im Vordergrund. Die Hierarchien waren flach, jeder hatte eine Stimme. Alle zogen am selben Strang, Fehler wurden als Chance verstanden. Das Coder-Paradies, die Insel der seligen Programmierer, der Gegenentwurf zum proprietären Kommerz – was ist daraus geworden?

Zunächst hat sich herausgestellt, dass auch hier gilt: kein Licht ohne Schatten. Wo man alles der dezentralisierten Selbstorganisation überlässt, kommt es regelmäßig zur erneuten Erfindung des Rads, zu inkompatiblen Lösungen und zu Doppelarbeit. Aktuelles Beispiel: die Installer für Python. Am ehesten als Standard gelten kann da Pip, das aber beispielsweise widersprechende Abhängigkeiten verschiedener Anwendungen weder erkennen noch beheben kann. Also erfand man virtuelle Umgebungen für Python, die jeweils ihre eigene Version einer bestimmten Bibliothek oder eines Tools mitbringen können. Daneben gibt es aber auch Wheels, ein Distributionsformat für Python-Pakete, das eine kompilierte Version des Paketinhalts bereitstellt und so ebenfalls das Abhängigkeitsproblem löst. In der wissenschaftlichen Welt setzt man hingegen auf einen eigenen Stack und den Paketmanager Conda. Auch der kann isolierte Umgebungen verwalten, wiederum auf seine Weise. Außerdem gibt es noch ganz andere Installer mit ganz anderen Stärken und Schwächen wie etwa Poetry. Jüngst zählte man ganze 14 Python-Installer – mindestens 12 zu viel, wie der bekannte Python-Entwickler Chris Warrick meint [1].

Das ist nicht nur verwirrend: Kein Entwickler, keine IDE, kein Plattform-Betreiber kann 14 Installer unterstützen. Es scheint, als bräuchte es doch einen zentralen Steuerungsmechanismus. Schließlich wäre ein Projekt heutiger Dimension – sagen wir OpenStack oder Mozilla – wohl kaum auf Zuruf und mit spontanen Mails zu leiten. Die nötige Steuerung könnte die Community selbst bereitstellen, und in der Tat existiert auch im Beispiel ein solcher Prozess. Er nennt sich Python Enhancement Proposals (PEP). Mit ihm werden Vorschläge zur Weiterentwicklung der Sprache entgegengenommen, diskutiert und abgestimmt. Mit PEP 650 gab es sogar den Vorschlag, den vielen Installern ein universelles Frontend voranzustellen, das eine einheitliche Schnittstelle geboten hätte. Dagegen kamen Bedenken auf, zum Beispiel, dass man den Anwendern, die bislang frei wählen konnten, nun etwas aufzwingen wolle. Der Vorschlag wurde zurückgezogen.

Was also, wenn sich die Community nicht einig wird? Nun, heute haben in den meisten größeren Projekten ohnehin Unternehmen das Sagen. Sie finanzieren die Entwickler und verkaufen Enterprise-Versionen des Produkts oder Dienstleistungen wie Support. Sie entscheiden über die Entwicklungsrichtung oder haben, besonders im Fall widerstreitender Interessen, die Entscheidungsgewalt auf Steuerungskomitees und Stiftungen übertragen: Linux-, Mozilla-, Eclipse-, Apache-, Open-Infrastructure- (vormals OpenStack-), Python-, Gnome-, Document-Foundation und so weiter. Damit ist Open Source heute nicht mehr das Gegenstück zu profitorientiert, sondern ein Geschäftsmodell. Längst ist freie Software auch nicht mehr nur eine Spielwiese für Hobbyisten, sondern eine Angelegenheit für Vollzeitprofis. Diese Entwicklung war zur Zeit von Raymonds berühmtem Aufsatz übrigens noch kaum absehbar. Sie widerspricht der Open-Source-Idee aber auch nicht – jedenfalls nicht, solange das Recht unangetastet bleibt, den Quellcode einzusehen, zu verändern und weiterzugeben. Denn dieses Recht ist ungeachtet aller Veränderungen nach wie vor die Grundlage der hauptsächlichen Vorzüge von Open Source: Anpassbarkeit, Herstellerunabhängigkeit, Kostenfreiheit, Transparenz und Sicherheit.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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