Im Internet gibt es tendenziell immer weniger Content-Anbieter und technische Dienstleister, die dafür immer größer werden. Die Konzentration birgt vielfältige Gefahren.
Das Internet, so zumindest eine verbreitete Legende, sei dafür geschaffen worden, selbst einen Atomschlag zu überleben. Das stimmt zwar nicht ganz, denn die Nuklearkriegsresilienz war nicht das erste Designziel des vom US-Militär entwickelten Internet-Vorläufers Arpanet, doch den genialen Trick, der das möglich machen sollte, gab es wirklich: die dezentrale Arbeitsweise. Es gab keine anfällige Leitstelle, die alle Nachrichten verteilt hätte, keinen vulnerablen Mittelpunkt, durch den alle Verbindungen gelaufen wären. Stattdessen konnte jeder der Netzknoten ausfallen; die paketierten Informationen suchten sich dann einfach automatisch einen neuen Weg zum Ziel.
Über einen Atomkrieg braucht man heute gar nicht erst nachzudenken: Momentan überlebt das Internet nicht einmal einen Konfigurationsfehler. Der sechsstündige Facebook-Blackout Anfang Oktober – der größte Ausfall, den die Webüberwacher von Downdetector bislang verzeichnet haben – hat das zuletzt wieder drastisch vor Augen geführt. Milliarden Nutzer von Facebook, Whatsapp und Instagramm konnten die Dienste infolge falscher Einstellungen nicht mehr erreichen. Wie kann das sein? Ganz einfach: Der Arpanet-Trick ist in Vergessenheit geraten.
Die enorme Konzentration entscheidender Dienste in wenigen Händen begünstigt inzwischen großflächige Ausfälle. Im Ergebnis entstehen Single Points of Failure, die im Schadensfall Abermillionen Nutzer betreffen. Bei der Namensauflösung etwa haperte es in der Vergangenheit schon mehrfach, nicht nur bei Facebook. So zum Beispiel schon 2016, bei einer DDoS-Attacke auf den DNS-Provider Dyn oder im Juli dieses Jahres nach einem DNS-Bug beim Content Delivery Network Akamai. In beiden Fällen verabschiedeten sich reihenweise prominente Webseiten für Stunden aus dem Netz. Gleichzeitig ist das Domain Name System nicht nur eine Fehlerquelle, sondern auch ein Indikator der Konzentration: Forscher des Internet-Spezialisten RIPE Labs untersuchten unlängst die DNS-Abfragen in zwei Top-Level-Länderdomänen (Niederlande und Neuseeland) und von einem der 13 Root-Server des DNS. Das Ergebnis: Nur fünf Cloud-Provider – Google, Amazon, Microsoft, Facebook und Cloudflare – waren für mehr als ein Drittel des gesamten Traffics verantwortlich. Nicht zufällig gehören die Genannten zu genau den Monopolisten, die von Netzwerk- und Skaleneffekten profitieren und so alleine die personellen und finanziellen Ressourcen erwerben konnten, mit denen sie heute das Internet dominieren.
Das DNS bietet überdies ein gutes Beispiel dafür, wie sich die Katze in den Schwanz beißt, wenn gut gemeinte technische Initiativen problematische Folgen haben. Eine Möglichkeit, das DNS sicherer zu machen, ist DNS-over-HTTPS (DoH). Weil aber große Browser-Anbieter wie Mozilla oder Google ihre DoH-Implementierungen vorkonfiguriert mit der Software ausliefern, sammelt sich ein Großteil des DoH-Traffics just auf den in den Browser-Einstellungen eingetragenen DNS-Resolvern, und die Konzentration nimmt ein weiteres Mal zu.
Die Diskussion um eine Regulierung der Internet-Giganten dreht sich oft um deren Macht, kleinere Konkurrenten notfalls aus dem Weg zu kaufen, politischen Einfluss zu gewinnen und die öffentliche Meinung zu dirigieren. Jetzt aber zeigt sich: Auch auf der rein technischen Ebene ist die übermäßige Konzentration Gift für das Internet. Das Wohl und Wehe des gesamten Netzes liegt in den Händen von immer weniger Anbietern. Dadurch droht die Widerstandsfähigkeit verlorenzugehen, die dem jungen Internet dank seiner dezentralen Architektur in die Wiege gelegt wurde.
Zum Schluss noch ein paar Worte in eigener Sache: Als Print-Produkt sind wir zwar nicht direkt von der Chipkrise betroffen, doch auch so ein simpler Rohstoff wie Papier wird mittlerweile zur teuren Mangelware. Gestiegene Frachtkosten und Energiepreise treiben zudem die Produktionskosten in die Höhe. Das macht eine Preisanpassung unumgänglich. Eine Linux-Magazin-Ausgabe kostet darum ab sofort 8,50 Euro beziehungsweise in der DELUG-Version 10,50 Euro. Analog erfolgt eine Anpassung der Abo-Preise, allerdings erst ab dem 18. Dezember 2021. Bis kurz vor Weihnachten lässt sich also ein Abonnement noch zum alten Preis abschließen.
Jens-Christoph Brendel
Stellv. Chefredakteur







