Schwäbisch Hall setzt Open Source seit Langem erfolgreich in der Stadtverwaltung ein und gilt deshalb als mögliche Blaupause für viele andere Kommunen. Die Verantwortlichen würden das gern durch einen Erfahrungsaustausch unterstützen.
Schwäbisch Hall liegt im Nordosten Baden-Württembergs etwa 60 Kilometer nordöstlich der Landeshauptstadt Stuttgart. Die Große Kreisstadt hat knapp 41 000 Einwohner und ist für ihren langen und kontinuierlichen Open-Source-Einsatz in der Stadtverwaltung bekannt [1]. Was sich hier bewährt, könnte für viele Kommunen als Vorbild dienen und würde von den Verantwortlichen sehr gern auch geteilt. Wir haben darüber mit Mathias Waack gesprochen, dem Leiter des Fachbereichs Organisation und IT bei der Stadt Schwäbisch Hall.
Linux-Magazin: Münchens Stadtverwaltung hatte sich einst öffentlich zu Linux bekannt, ist später spektakulär wieder davon abgerückt und strebt jüngst wieder einen verstärkten Open-Source-Einsatz an. Im Unterschied zu solch einem Schlingerkurs scheinen Sie in Schwäbisch Hall sicher Kurs zu halten und beim Linux-Einsatz bleiben zu wollen, oder?
Mathias Waack: Wie Niels Bohr einmal gesagt hat: Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen. Letztlich hat die Verwaltung ihre Aufgaben zu erfüllen. Solange das mit Linux klappt, ist es mein Wunsch, dass wir in Schwäbisch Hall bei Linux bleiben.
Linux-Magazin: Das klingt fast ein wenig defensiv. Sicher sollte Linux kein Selbstzweck sein, aber würden Sie die Unabhängigkeit von einem Monopolisten nicht als Wert gelten lassen, für den es sich aktiv zu engagieren lohnt?
Mathias Waack: Für mich persönlich würde ich das sofort bejahen. Und sobald das Bundesland Baden-Württemberg den Verwaltungen im Land diesen Wert als Ziel vorgibt, werden wir unsere Bemühungen in dieser Hinsicht noch intensivieren. In dieser Konstellation hätten wir dann automatisch einen erheblichen Vorsprung.
Linux-Magazin: War die Münchner Rolle rückwärts eigentlich eine Belastung für Sie? Haben Sie vielleicht eine der in München entwickelten Lösungen nachgenutzt?
Mathias Waack: Meines Wissens gab es wenig bis keine Berührungspunkte zwischen München und Schwäbisch Hall; von daher hatte die Entwicklung in München für uns auch keine Auswirkungen. Generell vermisse ich den Austausch mit Kollegen und Kolleginnen aus anderen Kommunalverwaltungen erheblich. Man liest ja immer wieder vom kurzen Aufflackern der Open-Source-Leuchtfeuer, jüngst in Mecklenburg-Vorpommern oder Dortmund [2]. Da sollte man doch denken, die Leute dort müssten ein gesteigertes Interesse an unseren Erfahrungen haben. Leider ist dem nicht so. Wir in Schwäbisch Hall würden uns über einen Erfahrungsaustausch freuen.
Linux-Magazin: Dass es an Austausch fehlt, ist in der Tat schade. Zudem hatte München ja bis zu einem bestimmten Grad Ressourcen für Softwareentwicklung und führte auch Open-Source-Projekte zu Ende, wie etwa das Briefkopf- und Formularsysten Wollmux für LibreOffice. Wäre das nicht nachnutzbar gewesen?
Mathias Waack: Das und noch einige andere Projekte haben wir im Blick. Da ich erst seit einigen Monaten in der Stadtverwaltung arbeite, wird es sicher noch einige Zeit brauchen, alle Ideen umzusetzen.
Linux-Magazin: München wollte eine eigene Linux-Distribution entwickeln, Sie hatten es zur selben Zeit mit Suse Linux versucht. Sind sie dabei geblieben und nach wie vor zufrieden, oder sähen Sie Vorteile in einer speziellen Distribution für Kommunalverwaltungen?
Mathias Waack: Wir verwenden inzwischen Ubuntu. Generell lässt sich in der IT ja der Trend zur Unabhängigkeit vom OS beobachten. Bei der Entscheidung spielen Fragen nach dem Know-how in der IT sowie der Wartbarkeit und Administrierbarkeit die entscheidende Rolle. Die Vorteile einer speziellen Distribution für die Verwaltung sehe ich da nicht. Die Lösung sollte eher die typischen Unterschiede zwischen Privatanwendern und großen Organisationen adressieren. Bevor man da versucht, das Rad neu zu erfinden, sollte man prüfen, wie andere diese Herausforderungen angegangen sind. Die Kooperation von Univention und Dataport zum Beispiel gefällt mir vom Ansatz her sehr gut.
Linux-Magazin: Nun arbeitet ja kein Beamter nur mit dem Betriebssystem, sondern er benutzt eine sogenannte Fachanwendung, die die Arbeitsabläufe in seiner Behörde unterstützt. Laufen alle Ihre Fachanwendungen unter Linux, und wie viele mussten dafür neu entwickelt werden? Wie hoch ist nach Ihrer Erfahrung die Bereitschaft der Anbieter solcher Fachanwendungen, sich auf Linux einzustellen?
Mathias Waack: Es gibt praktisch keine Fachanwendungen für Linux, und wir entwickeln auch so gut wie keine Software – dafür fehlen uns einfach die Ressourcen. Zugute kommt uns der Trend zur Web-App, denn es spielt kaum eine Rolle, auf welchem OS der Browser läuft. Den Rest muss man via Virtualisierung oder Terminalserver lösen. Bisher habe ich noch keinen Anbieter von Fachanwendungen kennengelernt, der Linux zu Kenntnis genommen hätte.
Linux-Magazin: Höre ich da heraus, dass selbst eine Stadt wie Schwäbisch Hall als Kunde nicht genug Gewicht hat, um die Anbieter auf neue Gleise zu locken? Hielten Sie es für hilfreich, wenn sich Kommunen, die eine wie auch immer geartete Open-Source-Strategie verfolgen, zusammenschließen würden, um an Durchsetzungskraft zu gewinnen?
Mathias Waack: Es gibt in Deutschland fast 11 000 Gemeinden, da hat eine einzelne nicht unbedingt viel Gewicht. Tatsächlich denke ich, dass ein Zusammenschluss der Sache gut tun würde. Anderseits habe ich auch ein gewisses Verständnis für die Anbieter: Schreibt jemand ein Windows-Programm, hat er auf einen Schlag mehr als eine Milliarde potenzieller Anwender, und mit etwas Glück läuft die Software zehn Jahre und länger unverändert. Für Linux braucht es mindestens zwei Versionen (DEB und RPM, vielleicht noch Snap, Flatpak und so weiter), die es halbjährlich zu aktualisieren gilt – ein Vielfaches an Aufwand, um eine sehr kleine Anwenderschaft zu erreichen. Daher war Linux für kommerzielle Anbieter nur selten interessant, und für Desktop-Applikationen wird sich das in absehbarer Zeit auch nicht ändern.
Linux-Magazin: Einer der Mega-Trends in der heutigen IT ist Containerisierung. Der Anwender kommt dabei mit keinem Betriebssystem mehr in direkten Kontakt. Sehen Sie Container oder auch die Cloud auch für Ihre Anwendungen als kurz- oder mittelfristige Alternative?
Mathias Waack: Auf jeden Fall. Wir nutzen zahlreiche Cloud-Anwendungen. Das Land Baden-Württemberg unterstützt diesen Trend durch das kommunale Rechenzentrum Komm.ONE, über das sich zahlreiche Fachanwendungen beziehen lassen [3].
Linux-Magazin: Im Zusammenhang mit dem gescheiterten LiMux-Projekt in München wurde von Gegnern des Projekts behauptet, die Umstellung der Verwaltung auf Linux sei zu Lasten der städtischen Angestellten gegangen, die vermehrt mit Softwareproblemen konfrontiert gewesen seien. Was sagen denn die Bediensteten von Schwäbisch Hall zum freien Betriebssystem?
Mathias Waack: Wie überall sind die Meinungen auch bei uns sehr gemischt. Es gibt Anwender, die sich gut auf Linux einstellen können; andere empfinden alles, was kein Windows ist, als Zumutung. Genauso gibt es Bereiche, die gut laufen, andere haben noch mit Herausforderungen zu kämpfen, etwa bei Spezialhardware, für die es keine Linux-Treiber gibt. Zwischen diesen Extremen gibt es dann unendlich viele Grauschattierungen. Letztlich hängt meiner Erfahrung nach die Zufriedenheit der Anwender nur zu einem sehr geringen Anteil von der eingesetzten Hard- und Software ab, sondern im Wesentlichen – wenn nicht sogar komplett – von der Qualität des Service der IT-Abteilung.
Linux-Magazin: Die Befürworter einer Microsoft-Lösung führen auch oft an, die eingesparten Lizenzkosten würden durch die Kosten für Mitarbeiterschulung und Support wieder aufgefressen. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?
Mathias Waack: Die Rechnung ist tatsächlich nicht so einfach, wie man auf den ersten Blick meinen könnte. Meiner Erfahrung nach fehlen darin auch wesentliche Positionen. Neben Lizenzkosten hat man in der Microsoft-Welt trotz Einschränkungen bei der Sicherheit immer auch erhöhte Kosten eben dafür. Dagegen kämpft die Linux-Welt neben den Mehrkosten für Schulung und Support vor allem mit Einbußen bei Produktivität und Effizienz. Hinzu kommt immer das jeweilige Know-how in der IT. Da muss man im konkreten Fall prüfen, welche Prioritäten man setzt und welche Risiken man eingehen will.
Linux-Magazin: Könnten Sie das bitte noch etwas erläutern? Ich sehe als Außenstehender keine gravierenden Unterschiede bei Standardsoftware wie einer Bürosuite zwischen Microsoft und freien Produkten. Haben Word und Excel ihren Konkurrenten Writer und Calc von LibreOffice tatsächlich funktional so viel voraus?
Mathias Waack: Über die funktionalen Vor- und Nachteile kann man trefflich diskutieren; in der täglichen Arbeit hat MS-Office LibreOffice einiges voraus. Da kommen verschiedene Faktoren zusammen: Vor allem die Integration der Programme ist innerhalb der Office-Suite von Microsoft wirklich gut und unter Windows generell besser als auf dem Linux-Desktop. Dazu kommen die vielen kleinen, ärgerlichen Fehler in den Importfiltern. Wir bekommen einfach nach wie vor viele Dokumente aus der Microsoft-Welt. Die lassen sich zwar fast alle in LibreOffice importieren, aber im professionellen Umfeld können selbst kleine Formatierungsfehler viel manuelle Nacharbeit nach sich ziehen.
Als dritte Schwierigkeit kommt dann noch der Datenaustausch innerhalb von LibreOffice dazu. Immer wieder erleben wir, dass LibreOffice hinreichend komplexe Dokumente auf einem anderen Arbeitsplatz schlicht anders formatiert. Das macht die Zusammenarbeit an Dokumenten aufwendig. Und nicht zuletzt gehen viele Softwareprodukte einfach von einem vorhandenen MS-Office aus. In Summe liegt die Produktivität mit LibreOffice immer noch deutlich unter der mit MS-Office. Auf der Gegenseite stehen freilich die Makroviren, die die Rechnung zugunsten von LibreOffice verschieben.
Linux-Magazin: Als großes Problem beim Einsatz von Linux gelten inkompatible Dateiformate, umso mehr als andere Behörden oder Partner in der Wirtschaft ja nach wie vor mit Microsoft arbeiten. Stellt das bei Ihnen ein Problem dar und falls ja, wie lösen Sie es?
Mathias Waack: Ja, das ist immer eine Herausforderung. Trotz vieler standardisierter Austauschformate kann selbst in einer reinen Windows-Welt eine falsche Excel-Version schon einmal ein Spreadsheet komplett zerschießen. Unglücklicherweise gibt es hier keine Universallösung, man muss sich jeden Fall einzeln ansehen.
Linux-Magazin: Schwäbisch Hall hat vor Kurzem einen neuen IT-Leiter für die Stadtverwaltung gesucht. Erschwert die Linux-Ausrichtung eigentlich die Personalsuche? Oder rennen Ihnen Open-Source-begeisterte IT-ler die Türen ein?
Mathias Waack: Wir hatten eine gute Auswahl, wurden aber nicht gerade überrannt. Das überrascht aber auch nicht wirklich: Wer sich privat gern mit Linux beschäftigt, eignet sich nicht automatisch auch als IT-Leiter einer doch recht großen Organisation. Manchmal wundert mich da die Selbstwahrnehmung der Linux-Community: Abseits der Rechenzentren lebt Linux nach wie vor unterhalb der Wahrnehmungsschwelle.
Laut höre ich die Rufe nach Veränderung, aber nur sehr leise die Frage nach den Gründen, warum Open Source nicht verstärkt zum Einsatz kommt. Wer nur auf das Marketing von Microsoft verweist, macht es sich da deutlich zu einfach. Oft würde ich mir mehr selbstkritische Reflexion wünschen.
Momentan habe ich den Eindruck, dass sich Deutschland in Sachen Open Source bei Behörden vom Rest der Welt abhängen lässt: Die Verwaltungen diverser asiatischer Staaten arbeiten sehr energisch an ihrer Unabhängigkeit von US-Konzernen, und auch einige unserer europäischen Nachbarn erarbeiten sich da gerade einen ordentlichen Vorsprung. Das Gute daran: Es handelt sich ja um Open Source – da können wir uns bestimmt einiges abschauen.
Linux-Magazin: Haben Sie vielen Dank für die interessanten Einblicke, Herr Waack! (jlu)
Unser Gesprächspartner
Mathias Waack kam zu Beginn seines Studiums Anfang der 90er-Jahre zu Linux. Nach dem Studium arbeitete er eine Weile als Entwickler, wechselte dann ins Management und übernahm verschiedene Leitungsfunktionen in der Wirtschaft. Seit einigen Monaten ist er Leiter des neu geschaffenen Fachbereichs Organisation und IT bei der Stadt Schwäbisch Hall.
Linux und Open Source blieb er privat die ganze Zeit treu. Beruflich verfolgt er eher den pragmatischen Ansatz, die Lösung zu wählen, die am ehesten passt. Die Kommandozeile findet Mathias Waack nach wie vor am besten, wenn er auch (nach eigener Aussage vermutlich altersbedingt) zunehmend bequem wird und seine Container doch lieber per Portainer verwaltet und die Heizung durch einen Klick in OpenHAB aufdreht. Wenn er heute selbst programmiert, bevorzugt er Python, früher eher C++. Für das Handy schreibt er in Kotlin, für den einzig wahren Editor hält er Vi(m).
Infos
- Schwäbisch Hall: https://de.wikipedia.org/wiki/Schw%C3%A4bisch_Hall
- FOSS in Dortmund: Tim Schürmann, “Startschuss”, LM 08/2021, S. 22, https://www.lm-online.de/46402
- Komm.ONE: https://www.komm.one







