Aus Linux-Magazin 05/2021

Aus Schaden wird man klug: Warum Datensicherungen nicht altmodisch sind

Das vielzitierte Murphy’s Law setzt sich im realen Leben durch: Das Schlimmste, was passieren kann, passiert. Wer auch scheinbar kleinen Risiken vorbeugt, ist dann auf der sicheren Seite.

Was tut man, wenn man eine lästige Routinearbeit loswerden kann, die zudem auch noch Geld kostet? Man lässt sie bleiben. Beispielsweise braucht man sich ja nicht um ein Backup zu kümmern, wenn man alle Daten in der Cloud hat. Dort werden sie doch auf mehrfach redundanten Medien gespeichert, und nichts kann passieren. Wer es dennoch mit einem Backup auf die Spitze treiben will, der überlässt auch das dem Cloud-Anbieter, natürlich gegen Aufpreis. Es muss ja aber nicht die teuerste Variante sein, bei der die Sicherungsdaten an einem anderen Ort lagern. Alle, die sich da noch selbst mit Backup-Software, Aufbewahrungsfristen und Bändern herumärgern, sind eben in den Neunzigern stehengeblieben: Mit heutiger Technik braucht man das alles nicht.

Viele, die so dachten, haben das jüngst bitter bereut. Am 10. März brannte in Port-aux-Pétroles bei Straßburg ein fünf Etagen hohes Rechenzentrum des französischen Cloud-Anbieters OVH, des europäischen Marktführers unter den Hostern, komplett aus. Ein zweites wurde zur Hälfte Raub der Flammen. Mehr als 10 000 Server wurden zerstört, mehr als 16 000 Kunden geschädigt. Alle vier Rechenzentren des Standorts gingen vom Netz, und in der Folge fielen 3,6 Millionen Websites zumindest zeitweilig aus. Einige der betroffenen Unternehmen aller Größenordnungen erlitten einen Totalverlust ihrer Daten.

In Mitleidenschaft gezogen wurden auch staatliche Institutionen wie das britische Kfz-Zulassungsregister und die französische Webseite Data.gouv.fr, die unter anderem Informationen zur Covid-19-Pandemie bereithielt. Die Webseiten von Banken, Großkanzleien, aber auch des großen Spieleanbieters Facepunch waren unerreichbar. Die Online-Auftritte vieler Städte, Kommunen und kultureller Einrichtungen wie des Centre Pompidou wurden ein Raub der Flammen. Selbst hierzulande konnte so gut wie jeder betroffen sein. So tangierte der Brand etwa die Apps der Kollegen von Computerwoche und Tecchannel. Auch das beliebte Online-Kochbuch Cookmate, in dem nicht zuletzt Tausende deutsche Köche jahrelang ihre Rezepte gesammelt hatten, verlor seine Server.

Wie immer bei Katastrophen summierten sich auch hier die ungünstigen Umstände: In den Böden des total zerstörten Rechenzentrums soll viel Holz verbaut gewesen sein. Eine Gaslöschanlage, die das Feuer hätte ersticken können, gab es nicht, und offenbar war das Gebäude auch nicht wirkungsvoll in einzelne Brandabschnitte unterteilt. Backups wurden, soweit es sie gab, mindestens zum Teil in angrenzenden Räumen verwahrt und gingen damit ebenfalls verloren. Auch eine Woche nach dem Unglück waren zahlreiche Dienste und Server noch immer nicht wieder online. Inwiefern OVH gegen gesetzliche Vorgaben verstoßen hat, untersuchen derzeit die Behörden. Die Brandursache steht noch nicht fest; möglicherweise war der Auslöser eine gerade gewartete USV. Dass technisch mehr Sicherheit möglich gewesen wäre, steht außer Frage.

Um noch einmal auf Cookmate (früher My CookBook) zurückzukommen: Drei Tage nach dem Brand ließ dessen Betreiber wissen, OVH habe zwar ein aktuelles Backup, könne aber nicht sagen, ob es sich wiederherstellen lasse. Er wolle es nun selbst mit einer – allerdings zwei Wochen alten – Sicherung versuchen. Das funktionierte. Wäre es jedoch nicht geglückt, hätte man sich auf das Kleingedruckte berufen. Darin steht, dass sich Cookmate zwar nach Kräften um einen durchgehenden Betrieb bemüht, den Dienst aber temporär oder dauerhaft ohne Vorankündigung oder Angabe von Gründen unterbrechen kann und für die Folgen nicht haftet.

Sollte es dem ein oder anderen Koch jetzt mulmig werden: Man kann bei Cookmate Rezepte nicht nur importieren, sondern sie ebenso wieder exportieren, auch wenn die Site die Funktion etwas versteckt. Wer sich also über die Jahre eine größere Rezeptsammlung angelegt hat, der sitzt nun zumindest nicht in der Falle und kann auch selbst für eine Datensicherung sorgen. Was sicher keine schlechte Idee ist, trotz aller Heilsversprechen der Cloud.

Jens-Christoph Brendel

Stellv. Chefredakteur

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