Nicht jeder ist zum Freelancer geboren. Was für den einen der zuckersüße Ruf der Freiheit ist, kann für den anderen geradezu bedrohlich wirken: Die Möglichkeit, alles frei planen und entscheiden zu können, umfasst zugleich auch die Verpflichtung dazu.
Es ist wohl unabdingbar, dass der Freelancer für sein Thema brennt. Wer jedoch seine Berufung zum Beruf macht, muss zwar nie arbeiten gehen, wird aber stets und ständig arbeiten. Die Kunst der Work-Life-Balance ist für Freelancer noch wichtiger als für Angestellte: Das Kopfbüro des Freelancers kennt keine Ladenschlusszeiten.
In jungen Jahren stets auf Achse zu sein, ranzuklotzen, durchzuarbeiten – das geht und kann auch bereichernd, lehrreich und notwendig sein. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, und irgendwie ist es ja auch toll, herumzukommen, nachgefragt zu werden, auf Reisen zu gehen, überall Einblicke zu bekommen. Aber wenn der Akku leer und der Geist ausgebrannt ist, hat man die richtige Ausfahrt verpasst. Dieser Preis wäre zu hoch.
Faktor Zeit
Wer für seine Arbeit brennt, der schaut nicht auf die Uhr. Das geht in Ordnung, solange man die Kontrolle behält und es vom Herzen gern tut. Gerade junge Freelancer leisten oft mehr, als vertraglich vereinbart ist und am Ende auch bezahlt wird. Gegen Engagement und Einsatz ist nichts einzuwenden, solange es auf gegenseitiger Wertschätzung beruht und Spaß macht. Vorsicht mit dem gängigen Motto “20 Prozent mehr sind immer eingeplant”. Finanziell gilt das oft nicht, und wenn man am Ende unfreiwillig Zeit investieren muss, die als Einkommen in anderen Projekten fehlt, wird es schwierig (Abbildung 1).

Abbildung 1: Auch wenn man als Freelancer nicht immer auf die Uhr schaut, sollte man die Kontrolle über den Zeitaufwand behalten. Andernfalls droht Überlastung. Quelle: Elnur Amikishiyev, 123RF
Schlecht definierte Verträge, mangelnde Absprache über den Umfang der Leistung und eine fehlende Abgrenzung der Frage, was nicht mehr Bestandteil des Auftrags ist, können zur unangenehmen Zwickmühle werden. Neben einem guten, detaillierten Angebot sind solide, saubere, fehlerfreie und vor allem auch einbezogene allgemeine Geschäftsbedingungen unabdingbar. Bestimmungen zur Beweislastumkehr, zur Fälligkeit der Rechnungslegung sowie zum Haftungsausschluss bilden die Grundlage für eine entspannte Zusammenarbeit. AGBs kann der Laie nicht selbst schreiben: Gute Rechtsberatung im Vorfeld ist hier jeden Cent wert.
Doch manchmal liegt es auch am Freelancer selbst, wenn er aus der Arbeit nicht herauskommt und nicht fertig wird. Wer für sein Thema brennt, mutiert schnell zum Perfektionisten. Dabei verlässt man schnell den Pfad dessen, was der Kunde an Aufwand bezahlen kann – und vielleicht auch überhaupt wünscht. Manchmal ist schneller besser als perfekt, denn fertig wird der Perfektionist nie. In der Kunst, den eigenen Anspruch und die Realität unter einen Hut zu bekommen, ist schon so mancher Freelancer an sich selbst gescheitert.
Faktor Geld
Für einen Angestellten wirkt der vierstellige Tagessatz eines Freelancers unschlagbar hoch – klar, wenn man eine Netto-Lohnabrechung daneben legt. Wer auf eigene Rechnung arbeitet, muss jedoch in sämtlichen Stundensätzen nicht nur die Einkommensteuer und die üblichen Sozialabgaben einpreisen, sondern auch eigene Krankheits- und Urlaubszeit, Weiterbildung, Rechtsberatung, Zahlungsausfälle, (Haftpflicht-)Versicherungen und vieles andere mehr. Darunter fällt nicht zuletzt auch die eigene Altersvorsorge, mit der man bekanntermaßen nicht zu spät anfangen sollte. Auch die steigenden Beiträge einer private Krankenversicherung wollen berücksichtigt werden (Abbildung 2).

Abbildung 2: Der Selbstständige muss gewissenhaft kalkulieren, damit die Einnahmen auch alle nötigen Ausgaben decken. Quelle: pedrosek, 123RF
Rechnet man alle Abgaben zusammen, kommt man zu dem Schluss: Je nach Auslastung sind 70 Euro pro Stunde das absolute Minimum, um auf dem Markt als Selbstständiger zu arbeiten. Will man ehrlich zu sich selbst sein, für sich selbst gut vorsorgen, Zeit für Netzwerken, Akquise, Erholung und eigene Weiterbildung haben und arbeitet man in eher kürzer laufenden Projekten, fallen die Stundensätze zwangsläufig dreistellig aus. Spätestens, wenn beim ersten Zahlungsausfall der hinzugezogene Rechtsanwalt beim Handschlag bereits 250 Euro pro Stunde abrechnet, wird klar, dass sich viele Selbstständige unter Wert verkaufen.
Was als mittelmäßiger Stundensatz in jungen Jahren noch lukrativ erscheint und, wenn auch mit (zu) vielen Arbeitsstunden, für einen unkomplizierten Lebensstil ausreicht, trifft schnell auf die Realität, sobald Familie und Kinder ins Spiel kommen und sich die Prioritäten des Lebens ändern: normale Arbeitszeiten, weniger Reisen, rechtzeitig Abends zu Hause sein, mehr Sicherheit gegen finanzielle Ausfälle, und irgendwann auch einmal das notwendige Eigenkapital für die Aufnahme eines Hausbaukredits.
Doch Dienstleistungen haben ein grundsätzlich systemisches Problem: Sie skalieren nicht. Jede Stunde, die man abrechnet, muss man erst einmal leisten. Hinter jedem fakturierten Tag steht ein geleisteter Tag. Und Zeit gibt es im Monat nur in endlicher Menge – auch bei guten Stundensätzen.
Faktor Skalierbarkeit
Ein Freelancer verkauft vor allem sich selbst. Er ist seine Ressource, und zwar seine einzige und obendrein höchst unzuverlässige: Kleinere Krankheiten stellen an sich noch kein Problem dar; Ausfälle wie eine Sehnenscheidenentzündung oder ein Armbruch jedoch machen die Arbeit an der Tastatur schnell über Wochen unmöglich. Und auch Freelancer liebäugeln vielleicht mit einer längeren Eltern- oder Auszeit.
Steht der eigene Motor erst einmal still, ist sofort das komplette Einkommen weg, und die nächste Mietzahlung gerät zum Sorgenfall. Deshalb sollte sich jeder Freelancer beizeiten fragen: Könnte ich jederzeit krank werden und vier Monate in eine Reha gehen? Oder ganz aktuell: Was passiert, wenn eine Pandemie das öffentliche Leben wochenlang herunterfährt?
Zwar können IT-Administratoren vergleichsweise gut im Home Office weiterarbeiten, aber nur, wenn Auftraggeber nicht wegbrechen oder knapp bei Kasse sind. Drei bis vier Monate Liquidität müssen also auf der hohen Kante liegen – leichter gesagt als getan, gerade in der Anfangsphase. Das erfordert auch die Disziplin, “nutzlos herumliegendes” Geld nicht auszugeben. Dabei darf man nie vergessen: Brechen Kunden weg, gibt es Arbeitslosengeld nur noch vom eigenen Konto.
Faktor Sicherheit
Gut stellt sich auf, wer es schafft, zweigleisig zu fahren: Ein kleines Software-Projekt, das Lizenzgebühren abwirft und vielleicht auch skalieren kann. Ein Hosting-Geschäft, das auch dann weiterläuft, wenn mal vier Wochen kaum dran gearbeitet wird. Ein Wartungsvertrag für Notfälle, der für den Kunden vorhanden sein muss, aber wenig abgefordert wird. Man darf sich nicht verzetteln und alles gleichzeitig machen wollen. Aber es ist wie in einem guten Aktiendepot: Erst die richtige Mischung gibt Sicherheit, zwei Säulen sollten es schon sein.
Faktor Kunden
Es klingt absurd, aber gerade ein guter und großer Kunde kann gefährlich sein. Wer fast sein ganzes Geschäft nur mit zwei oder drei Auftraggebern abwickelt, sitzt auf einer potenziellen Zeitbombe – egal, wie verlockend diese Projekte sind. Und erpressbar macht man sich auch, wie der Autor schon erleben musste. Was passiert, wenn mit so einem Großkunden auch 70 Prozent des Umsatzes wegfallen? Genügt das Ersparte, um andere Kundenkontakte neu aufzubauen und neue Projekte anzustoßen? Wohl dem, der in solch einer Situation andere langjährige vertrauensvolle Beziehungen aktivieren und deren Potenzial ausbauen kann.
Faktor Vertrauen
Ein wichtiger Grund, weshalb Unternehmen sich entscheiden, mit Freelancern zusammenarbeiten, ist Vertrauen. Hinter jedem Freelancer steht ein Mensch, und dieser Mensch steht für etwas.
Nicht jedes Unternehmen kann mit Freelancern umgehen: Manche sind zu groß, zu prozessorientiert aufgestellt, zu sehr in eigenen Strukturen und Vorschriften gefangen, als dass sie unkompliziert mit einzelnen Freelancern zusammenarbeiten könnten. Aber wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Und wo Vertrauen vorherrscht, findet sich immer eine Möglichkeit, um ein gemeinsames Projekt anzustoßen, zur Not auch ungeachtet blockierender Prozesse. Große Namen mögen verlockend klingen, doch der solide Mittelstand erweist sich oft als sehr guter und vor allem spannender Auftraggeber.
Jeder Auftraggeber hegt das Interesse, dass das Projekt funktioniert und irgendwann reibungslos läuft. Doch manche Firmenkulturen sind derart verschroben, dass es am Ende weniger darauf ankommt, ob das Projekt tatsächlich erfolgreich war: Es zählt vielmehr, dass sich der Auftraggeber in seinem Unternehmen nichts vorwerfen lassen muss. Dabei gilt der alte Grundsatz: Noch niemand wurde dafür gefeuert, IBM oder Microsoft gekauft zu haben, selbst wenn es nicht funktioniert. Insofern gehen IT-Leiter, die mit Freelancern und Open-Source-Firmen zusammenarbeiten, ein gewisses innenpolitisches Risiko ein. Geht das Projekt schief, ist das Fingerpointing da.
Gegenseitiges Vertrauen wirkt besonders in solchen Fällen als Klebstoff einer jeden Beziehung. Dabei kommt es auf eine jederzeit ehrliche Kommunikation an. Dass es in IT-Projekten immer einmal haken kann und Unwägbarkeiten auftauchen, weiß jeder. Entscheidend ist, dass alle konstruktiv und zielführend damit umgehend, statt Dinge zu verschleiern und taktische Spielchen zu treiben.
Am Ende entscheiden darum neben dem Fachwissen maßgeblich Vertrauen und Integrität eines Freelancers darüber, ob er den entscheidenden Anruf bekommt oder nicht. Das wiederum bedeutet: Jederzeit ehrlich kommunizieren, Zusagen einhalten, keine Show vorspielen. Man sollte durchaus ganz man selbst sein, quasi die eigene Marke. Gerade das ist aber auch die eigene Stärke gegenüber den Mitbewerbern, den großen IT-Dienstleistern.
Dazu gehört auch, offen und ehrlich zu kommunizieren, wenn man sich ein Projekt zwar zutraut, aber sich selbst erst in die Materie einarbeiten muss. “Ich kenne Software XY gut – zwar nicht perfekt, aber ich kriege das hin, und ich habe das Netzwerk dazu.” Ein solcher entwaffnend offener Satz stärkt das Vertrauen in die Zusammenarbeit und kann gerade trotz der ehrlichen Ansage zum Auftrag führen. Allerdings muss man dann auch liefern.
Wer Projekte annimmt, die ihn überfordern, erweist sich einen Bärendienst und verbrennt seinen Ruf. Stress, Angst, ein schlechtes Gewissen, unruhige Nächte, Abgabetermine als Bedrohung – ein solches Projekt macht keinen Spaß, zerrt an den Nerven und macht krank. Kurzum: So etwas ist ein echtes No-go. Aber hat man ein Projekt übernommen, trägt man die Verantwortung dafür und muss sich durchbeißen, auch wenn es schwer wird. Versprochen ist versprochen.
Nein sagen
Eine der wichtigsten Kompetenzen eines Freelancers ist es, selbstbewusst Nein sagen zu können: Nein zu schlechten Themen, die Kraft kosten, statt welche zu bringen; Nein zu schlechter Bezahlung, Nein zu geringschätzigen Auftraggebern, vor denen man vielleicht noch auf der Hut sein muss. Und Nein auch zu einem lukrativen Auftrag, der jedoch die Grenzen der persönlichen, zeitlichen oder fachlichen Fähigkeiten überschreitet – egal, wie viel Geld im Raum steht.
Umgekehrt lautet also der wichtigste Rat für Freelancer: Wenn du es Dir leisten kannst, arbeite nur für die Kunden und Projekte, von denen du überzeugt bist. Respekt, Wertschätzung und Dankbarkeit sind die Grundlagen eines erfüllenden Projekts. Welche Projekte und Kunden möchte ich als Freelancer haben? Für wen gebe ich das Wichtigste, das ich im Leben habe – meine Zeit?
Manchmal passen Dinge im Laufe der Zeit nicht mehr zusammen. Man muss lernen, auch zu unliebsamen Kunden Nein zu sagen, selbst wenn man sie schon lange hat. Viele können das nicht und belasten sich (und den Kunden) mit unglücklichen, nervtötenden und vor allem für alle Beteiligten schlecht laufenden Projekten. Davon hat niemand etwas.
Gratulation an alle Freelancer, die irgendwann einmal den schweren, in aller Regel aber sehr lehrreichen Schritt gehen und sich von Bestandsprojekten trennen, ihr (Arbeits-)Leben gleichsam entrümpeln. Sie können sich gestärkt, mit klarem Kopf und vor allem weniger Ballast auf jene Projekte konzentrieren, bei denen man zur richtigen Zeit am richtigen Platz ist. Aber auch diesen Schnitt muss man sich leisten können, keine Frage.
Umgekehrt kann man auch nur offen für Neues sein, wenn der Kopf und der Kalender frei sind. Wer plötzlich mit Klarheit und Feuer in seine anderen Projekte zurückkehrt, der merkt schnell, wie diese urplötzlich besser funktionieren und den zwischenzeitlichen Verlust zum absoluten Gewinn machen. Am Ende ärgert man sich, den Schritt nicht schon viel früher gemacht zu haben.
Netzwerken
IT ist komplex; keiner kann alles. Und wie heißt es so schön: Man braucht nicht alles zu wissen, sondern nur, wo man nachschlagen muss – oder noch besser: wen man anrufen kann. Die IT-Community funktioniert gerade im Open-Source-Umfeld in weiten Teilen wie eine große Familie, die zusammenhält. Am Ende kennt fast jeder jeden, und fast jeder kann den anderen einfach einmal anrufen und um Rat fragen. Diese Familie adoptiert auch Einsteiger durchaus gern (Abbildung 3).

Abbildung 3: Ein starkes persönliches Netzwerk ist für den Freelancer eine unabdingbare Hilfe in vielen Situationen. Quelle: alphaspirit, 123RF
Wer die Mitspieler auf dem Markt lieber als Partner wahrnimmt statt als Konkurrenz, der steht auf der Sonnenseite des Lebens. Die meisten Freelancer lockt der Reiz der Aufgabe, die Knobelei an der Lösung, die Freude, wenn etwas Raffiniertes endlich läuft – und viele helfen gern und schon aus eigenem Spaß heraus bereitwillig anderen mit Know-how, kritischer Reflexion oder handfester Erfahrung.
Die Kaffeemaschine eines Gemeinschafts- oder Coworking-Büros, wie es sie mittlerweile in vielen Städten gibt, kann eine hervorragende Brutzelle für neue Projekte abgeben. Und wenn jeder jedem hilft, man sich flexibel für größere Projekte zusammentun kann und es zu vielen Themen jemandem gibt, der sich schon einmal damit beschäftigt hat, bieten sie auch hervorragende Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten. Manch einer ist zwar gern sein eigener Herr, arbeitet aber auch trotzdem lieber gemeinschaftlich unter Menschen statt im stillen Kämmerlein.
Das eigene Netzwerk ist für Freelancer also unabdingbar. Wer als unkooperativer oder sogar egoistischer Einzelkämpfer agiert, kommt auf Dauer nicht weit, fachlich wie kommerziell. Wer nicht nur auf den eigenen Vorteil setzt, sondern lieber Kooperationen spinnt, die allen guttun, wer Partnerschaften und Freundschaften pflegt, sich auf Konferenzen, Linux-Tagen und anderen Veranstaltungen engagiert einbringt, der wird immer eine große Familie als stützendes Rückgrat haben.
Wichtig: Geld ist dabei zunächst sekundär. Darum sollte man lieber einen fachlich überfordernden Auftrag ehrlich (provisionsfrei) weitervermitteln, als ihn einfach nur abzulehnen. Auch der Auftraggeber merkt so schnell, dass er zu jedem Thema anrufen kann und dann zwar manchmal keine direkte Lösung bekommt, aber doch stets zumindest die Telefonnummer eines guten Kontakts aus der Szene. Dann ruft er beim nächsten Problem auch wieder an. Im Umkehrschluss gilt: Wenn der Freelancer einmal zusagt, kann sich der Kunde auch absolut darauf verlassen, dass es passt.
Fazit
Hat man erst einmal sein Spezialgebiet gefunden, kann man mit Sicherheit und Erfahrung im Thema glänzen, bewegt man sich auf allseits sicherem Terrain, und findet man Menschen, mit denen man über alle Hierarchien zusammenarbeiten kann – dann ist der Job des Freelancers erfüllend, wertschätzend, selbstverwirklichend und sinngebend. Jeder neue Telefonanruf wird zum tollen Gespräch, (fast) jeder Arbeitstag bereichert das Leben. Aus Kunden werden Partner, aus Partnern Freunde. Mit so manchem Auftraggeber verbindet mich heute eine langjährige Freundschaft, denn ein nächtliches Krisenmanagement im brisanten Totalausfall schweißt über Jahre hinweg zusammen. (jcb)





