Das Leben in der Selbstständigkeit unterscheidet sich grundlegend von jenem als Angestellter. Von der einen in die andere Welt zu wechseln, stellt eine Herausforderung dar. Ein erfahrener Freelancer gibt Tipps für den Einstieg.
Wer als Angestellter die Entscheidung trifft, künftig als Selbstständiger zu arbeiten, dessen Alltag, Bewusstsein und Gewohnheiten ändern sich. Es gilt, das Erzielen eines regelmäßigen Einkommens in die eigene Hand zu nehmen. Man hat dabei alle Freiheiten, trifft selbst alle Entscheidungen, übernimmt aber auch die Verantwortung für deren Folgen und muss mit den Konsequenzen leben.
Selbstständigkeit heißt im Alltag, eine Fähigkeit oder ein bestimmtes Wissen anzubieten und zu verkaufen. Ein Konditor spezialisiert sich auf Backwaren, der Admin oder Programmierer hält stattdessen etwa die Freie-Software-Fahne hoch. Mit der Zeit lernt er, Risiken einzuschätzen, zu akzeptieren oder zu umgehen sowie komplexe, durchaus auch konfliktbehaftete Situationen zu meistern.
Generalist oder Spezialist
Ein Kunde sieht im Freelancer zu allererst den Problemlöser, den er ruft und bezahlt, damit der einen nachteiligen Umstand beseitigt. Gleichzeitig fungiert der Selbstständige als Ratgeber – insbesondere, wenn der Kunde mit dessen Art und Weise der Problemlösung sowie dem Ergebnis zufrieden ist. Diese Doppelrolle gehört zur Selbstständigkeit.
Von Vorteil ist ein breites Basiswissen. Das öffnet dem Troubleshooter die Tür und ermöglicht ihm, sich auf eine gemeinsame Ebene mit dem Kunden zu begeben und eine gemeinsame Sprache zu finden. Er versteht das Anliegen des Kunden; der versteht den Lösungsvorschlag und kann einschätzen, ob er den Freelancer mit der Umsetzung beauftragt. Genauso wichtig für den Selbstständigen ist aber auch sein Spezialbereich. Damit grenzt er sich von seinen Mitbewerbern auf dem Markt beziehungsweise von Kollegen deutlich ab. Bei mir ist es die Kombination aus Debian GNU/Linux, Python, Textsatz und technischer Dokumentation.
Über die letzten 15 Jahre habe ich etliche Handreichungen, Dissertationen und Bücher korrekturgelesen oder gesetzt sowie Software und Vorgänge dokumentiert. Daneben veröffentlichte ich Zeitschriften- und Blog-Artikel zu technischen Themen rund um freie Software und Software-Entwicklung in Deutsch und Englisch. Als meine wichtigsten Arbeitsmittel betrachte ich den richtigen Texteditor, LaTeX und XeLaTeX, Postscript und PDF, Markdown, Asciidoc und Asciidoctor. Hinzu kommen die damit zusammenhängenden Technologien und Arbeitsabläufe: Versionskontrolle mit Git, Shell-Skripting, XSLT, Farbprofile und Wahrnehmung von Text, Seitengestaltung sowie das Erstellen, Bearbeiten und Umwandeln von Bilddaten.
Wer sich für die Selbstständigkeit entscheidet, sollte für sich vorab zwei Dinge klären. Erstens: Welches Themenfeld soll meine Nische sein, mein Aushängeschild, anhand dessen mich andere einordnen und weiterempfehlen? Zweitens: Was will ich nicht tun? Bei mir gehört dazu beispielsweise alles, was mit Netzwerken oder der Windows-Welt zu tun hat. Diese zwei Punkte helfen in mehrfacher Hinsicht beim Fokussieren und bei der Auswahl der richtigen Aufträge. Weil man so Aufgaben bearbeitet, die einem auch Spaß machen, hat man Freude an der Selbstständigkeit.
Aufträge einsammeln
Wie kommen Kunden und Auftragnehmer zusammen? Sie müssen voneinander wissen oder sich begegnen, etwa im Rahmen einer Veranstaltung. Der Kunde möchte sich davon überzeugen können, dass der Freelancer sein Handwerk versteht, bevor er ihn beauftragt. Dafür könnte der beispielsweise einen Vortrag auf einer Konferenz halten. So lernt der potenzielle Klient ihn kennen und bekommt einen ersten Eindruck. Dasselbe leistet übrigens auch der vorliegende Artikel.
Ohne Netzwerken geht nichts. Still im eigenen Kämmerchen sitzen grenzt die eigene Sichtbarkeit erheblich ein. Ideal zum Netzwerken eignen sich fachbezogene Veranstaltungen, beispielsweise Linux-Events, aber auch branchenübergreifende Zusammenkünfte, etwa im Rahmen der Industrie- und Handelskammern (IHK). Mit der Zeit kennt man sich untereinander, und neben dem Fachsimpeln kommen Anfragen zur projektbezogenen Unterstützung – die Basis für alles Weitere.
Zum Netzwerken gehört auch der passende Arbeitsort. Rückblickend [1] hat sich bei mir das Anmieten eines Büros oder Schreibtischs in einem Coworking-Space [2] oder einer Bürogemeinschaft bewährt (Abbildung 1). Ob man sich da wohlfühlt, muss jeder selbst ausprobieren. Auf jeden Fall ist man dort nicht allein und kann sich mit Gleichgesinnten austauschen. Gleichzeitig steht dort oft eine bessere Infrastruktur parat, was die Arbeit erleichtert. Ein dedizierter Arbeitsplatz macht es zudem einfacher, Arbeit und Freizeit zu trennen: Die Arbeit folgt einem nicht nach Hause, und man kann abschalten.

Abbildung 1: Coworking-Spaces am Arbeitsort des Autors in Genf.
Auch Werbeanzeigen können den Namen des Freelancers streuen, erfordern aber ein entsprechendes Budget, das es im Preis für die Leistungen zu berücksichtigen gilt. Ob sich dieser Kanal rechnet, weiß man erst nach einiger Zeit. Je nach Zielgruppe funktionieren vielleicht Werbegeschenke besser, die der Kunde in seinem Blickfeld hat, beispielsweise Bleistifte oder ein Notizblock.
Von der Anfrage zum Preis
Jede Leistung hat ihren Preis, der sich üblicherweise nach dem Aufwand berechnet. Üblich sind projektbezogene Preise oder das Abrechnen nach Tages- oder Stundensätzen. Letztere hängen von der konkreten Aufgabe ab sowie von der Region, in der der Auftrag umzusetzen ist. War noch vor einigen Jahren ein Stundensatz von 60 Euro üblich, liegt der Preis heute bei etwa 80 bis 100 Euro pro Stunde. Selbst ein Satz von 150 Euro pro Stunde ist nichts Ungewöhnliches mehr – zum Vergleich: Rechtsanwälte kosten durchaus 180 Euro pro Stunde und mehr.
Es fällt den Kunden nicht immer leicht, den genannten, branchenüblichen Preis zu akzeptieren. Es erfordert zum Teil sehr viel Spezialwissen und Erfahrung, die Aufgaben in angemessener Zeit vollständig zu bewältigen. Ist das Wissen nur zum Teil vorhanden, hat es sich in der Praxis bewährt, auf eine Kombination aus geringerem Stundensatz und größerem Zeitbudget auszuweichen.
Rat einholen
Es klappt nicht immer alles, und gelegentlich braucht auch der Freelancer Rat und Hilfe. Als erste Anlaufstelle dienen in der Regel die Lieblingssuchmaschine oder Foren wie Stack Abuse. Dem Linuxer stehen noch weitere Ebenen offen: Lokale Linux-User-Groups [3] oder ein Hackerspace [6] entpuppen sich immer wieder als verlässliche Anlaufpunkte für das fehlende Know-how. Ebenso ist der Coworking-Space von Nutzen, in dem vielleicht auch Veranstaltungen stattfinden, die den entsprechenden Rat oder Anstoß liefern.
Und nun?
Zur Selbstständigkeit gehören Kreativität, stetige Neugierde, Aufgeschlossenheit, Entdeckerfreude und vor allem der Wille, eigene Ideen und Konzepte zu entwickeln, zu ihnen zu stehen und sie auch umzusetzen. Es hilft dabei sehr, die eigenen Fähigkeiten, Stärken und Schwächen zu kennen und zu wissen, welche Zusatzqualifikationen man extern einkaufen muss.
Ratsam ist, sich seinen Wissensdurst zu erhalten und seinen Horizont stetig zu erweitern. Dazu gehört auch eine entsprechende Zertifizierung [5], etwa über das Linux Professional Institute [6]. Das Wichtigste: Der Selbstständige muss mit Freude bei der Sache sein und darf seinen neuen beruflichen Alltag nicht als Last empfinden. Diese Einstellung lässt ihn auch eventuelle Tiefs überstehen. (jcb/jlu)
Der Autor
Frank Hofmann arbeitet von Berlin, Genf und Kapstadt aus als Entwickler, Trainer und Autor. Er ist zudem Koautor des Debian-Paketmanagement-Buchs (http://www.dpmb.org).
Infos
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Geeks on Tour: Frank Hofmann, Mandy Neumeyer, “Office im Rucksack”, LU 05/2017, S. 16, https://www.linux-community.de/38125
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Coworking Switzerland: https://coworking.ch/
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Communities in Berlin-Brandenburg: Frank Hofmann, “Communities verbinden”, LU 12/2010, S. 24, https://www.linux-community.de/22258
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Hackerspaces: https://hackerspaces.org/
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Zertifizierung (Teil 1): Dieter Thalmayr, Frank Hofmann, “Kein Jodeldiplom”, LU 08/2017, S. 16, https://www.linux-community.de/39318
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Zertifizierung (Teil 2): Dieter Thalmayr, Frank Hofmann, “Mit Brief und Siegel”, LU 09/2017, S. 10, https://www.linux-community.de/39425





