Was lässt sich in einer Diskussion dem Kontrahenten entgegnen? Welche Positionen sind in einer Auseinandersetzung denkbar? Welche Spannbreite haben die Standpunkte? Bei der Beantwortung solcher Fragen hilft eine Suchmaschine, die gute Argumente finden will.
Linux-Magazin: Eine Argumente-Suchmaschine muss zunächst einmal die Frage beantworten, was als Argument gelten soll: Was verstehen Sie darunter?
Henning Wachsmuth: Ein Argument besteht aus einer Behauptung, dass etwas wahr oder befürwortenswert ist (Konklusion genannt), zusammen mit einer gegebenenfalls mehrteiligen Begründung (den Prämissen). Die Konklusion “Die EU muss Rettungsboote im Mittelmeer zulassen” ließe sich etwa mit der Prämisse “Nichts rechtfertigt es, das Leben unschuldiger Menschen zu gefährden” begründen. Im Alltag werden oft nicht alle Bestandteile eines Arguments genannt. Insbesondere ist die Konklusion häufig aus dem Kontext klar, weswegen Menschen umgangssprachlich nicht selten Argument vorbringen, wenn sie eigentlich die Prämissen meinen.
Linux-Magazin: Welchen Zielen folgen Sie mit der Suchmaschine?
Henning Wachsmuth: Zusammen mit Kollegen aus Weimar, Leipzig und Halle [1] forscht meine Arbeitsgruppe daran, wie Menschen argumentieren und wie Computer dies verstehen können (Abbildung 1). Unsere Suchmaschine Args.me [2] zeigt, wofür sich unsere Erkenntnisse nutzen lassen. Sie stellt Pro- und Kontra-Argumente zu kontroversen Themen einander gegenüber, um so Meinungsbildung zu unterstützen (Abbildung 2). Ich denke, dass die selbst bestimmte Meinungsbildung eines der großen Probleme unserer Zeit ist.
Abbildung 2: Den Wettbewerb um das beste Argument fechten Freunde und Kollegen täglich untereinander aus. Quelle: rawpixel, 123RF

Abbildung 1: Das Verstehen natürlicher Sprache ist noch eine hohe Hürde für Computer. Quelle: skdesign, 123RF
Vor allem in sozialen Medien bekommt man heutzutage häufig nur Informationen, die bereits auf die persönlichen Vorlieben zugeschnitten sind. Oft ist es schwer zu erkennen, was die ganze Wahrheit ist. Args.me soll es einfach machen, die verschiedenen Seiten eines Themas kennenzulernen, ohne den Menschen dabei eine Meinung aufzudrücken.
Linux-Magazin: An ein Argument kann man verschiedene Anforderungen stellen, zum Beispiel die, dass sich die Konklusion logisch folgerichtig aus den Prämissen ableiten lässt. Und weiter könnte man fordern, dass die Prämissen wahr sein sollen. Ist das überhaupt maschinell überprüfbar? Wie können Sie sicherstellen, dass eine gefundene Behauptung ein valides Argument ist?
Henning Wachsmuth: Natürlichsprachige Argumente sind tatsächlich selten wirklich logisch korrekt, und auch der Begriff der Wahrheit ist problematisch, denn Argumentation ist genau da wichtig, wo es nicht die eine Wahrheit gibt. Das oben genannte Beispiel veranschaulicht das. In der Wissenschaft fragen wir daher eher, ob die Prämissen akzeptierbar und ob sie relevant und hinreichend für die Konklusion sind.
Letztgenannte Eigenschaft etwa lässt sich zumindest für stilistisch eingeschränkte Domänen maschinell überprüfen. In einer 2017 veröffentlichten Studie mit studentischen Essays gelang das zum Beispiel in gut 83 Prozent der Fälle. Akzeptierbarkeit hingegen liegt zwangsläufig im Auge des Betrachters. Wir können dem Menschen daher nicht die Entscheidung abnehmen, was richtig ist. Das hängt in Teilen nicht zuletzt von der subjektiven Wahrnehmung der Welt ab.
Linux-Magazin: Bleiben wir beim Beispiel Seenotrettung: Darf man es tatsächlich dem subjektiven Belieben überlassen, ob einem Menschenleben ein hoher Wert zugemessen wird – oder ist das nicht das Fundament jeder humanistischen Ethik? Müssen wir nicht manche Argumente für unbezweifelbar halten?
Henning Wachsmuth: Beim Wert von Menschenleben sollte es keine Diskussion geben, da bin ich persönlich ganz Ihrer Meinung. Es mag prinzipiell sein, dass andere Ausnahmen sehen, etwa im Kriegsfall. Möglicherweise streitbarer ist beim gegebenen Beispiel aber, ob die Konklusion wirklich aus der Prämisse folgt, denn es ließen sich vielleicht noch alternative Lösungen zur Rettung der Flüchtlinge finden. Auch spielen weitere Aspekte eine Rolle. So könnte jemand argumentieren, dass das Wissen um Rettungsboote mehr Flüchtlinge zur Überfahrt motiviert und es so letztlich mehr Tote geben wird.
Teil der subjektiven Wahrnehmung ist auch eine persönliche Gewichtung und Einschätzung – für den einen Menschen ist dieser Aspekt relevanter, für den anderen jener. Selbst ein unbezweifelbares Argument wird nicht überzeugen, wenn man andere Aspekte als relevanter ansieht. Wir versuchen daher zu vereinfachen, sich der verschiedenen Aspekte zumindest bewusst zu werden.
Linux Magazin: Zu welchen Fragen lassen sich generell Argumente mit der Suchmaschine finden? Beim Probieren stößt man auf Behauptungen, zu denen Argumente ermittelt werden, während zu ähnlichen Thesen nichts auffindbar zu sein scheint.
Henning Wachsmuth: Hier ist zu unterscheiden, wohin es gehen soll und wie weit wir damit sind. Langfristig soll es möglich sein, Argumente zu potenziell beliebigen Anfragen zu finden, insbesondere auch zu tagesaktuellen Themen. Unsere Suchmaschine ist aber noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Im Moment kennt sie knapp 400000 englischsprachige Argumente von Diskussionsplattformen, auf denen Menschen miteinander debattieren oder gemeinsam die besten Argumente zu kontroversen Themen erarbeiten (zum Beispiel zu “Feminism” oder “Nuclear energy”).
Linux-Magazin: Wie versteht die Suchmaschine den Suchauftrag? Zu manchen Thesen erscheinen vollkommen abwegige Argumente. Zu “Nine-eleven was a fake” wird beispielsweise argumentiert, die DVD sei der Inbegriff der digitalen Qualität, wogegen Blu-Ray und HDTV das Bild verwaschen erscheinen ließen. Ein Zusammenhang ist nicht ersichtlich.
Henning Wachsmuth: In der Tat ist die Interpretation von Suchanfragen bislang noch sehr einfach gestrickt; wir erkennen mehr begrifflich passende Argumente, und auch das kann schiefgehen. Im Moment werden Sie die besten Ergebnisse mit einfachen thematischen Schlüsselwörtern erzielen.
Eine argumentative Anfrage mit Computern zu verstehen ist kein leichtes Problem, weil Sprache so vielfältig und mehrdeutig ist. Einer meiner Kollegen forscht genau daran, sodass Args.me in Zukunft hoffentlich besser darin wird. Beachten Sie aber, dass Technologie-Entwicklung nicht die Kernaufgabe einer Universität ist, sodass wir Args.me nur Schritt für Schritt verbessern können.
Linux-Magazin: Passen alle Argumente in ein Pro-und-Kontra-Raster? Schließlich könnten auch beide Positionen gleichzeitig wahr oder beide falsch sein, etwa bei unentscheidbaren Problemen. Häufig wird es auch auf ein “Ja, aber …” hinauslaufen, das ein teilweises Einverständnis mit partieller Ablehnung kombiniert. Wie hilft mir die Argumentesuche in diesen Fällen?
Henning Wachsmuth: Ich bin mir bewusst, dass das Pro-und-Kontra-Raster vereinfachend wirken kann, bin aber überzeugt, dass es richtig ist: Wann immer wir argumentieren, tun wir dies, um einen Standpunkt (Pro oder Kontra) zu vertreten oder zu widerlegen. Zwar wägen wir dabei oft beide Seiten ab und schränken ein. Jedes einzelne Argument hat aber immer nur einen Standpunkt – sonst hätte es keinen Zweck. Idealerweise sollte unsere Suchmaschine die einzelnen Argumente erkennen und zurückliefern. Das geschieht bislang aber nur in Teilen.
Linux-Magazin: Bei zwei sich widersprechenden Argumenten wird nicht selten eines der Argumente objektiv falsch sein. Zugespitzt könnte der Suchmaschinenbenutzer fragen, wie es moralisch zu rechtfertigen wäre, kommentarlos Desinformation zu verbreiten, die manche für wahr halten könnten?
Henning Wachsmuth: Das ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits stimme ich Ihnen zu: Falsche Informationen zu verbreiten ist gefährlich und sollte bestmöglich vermieden werden. Das kann in Teilen etwa durch eine angemessene Quellenauswahl geschehen. Andererseits wollen wir den Menschen Argumente unvoreingenommen zeigen, nicht für sie entscheiden, was richtig und was falsch ist. Helfen kann hier verwandte Forschung, die sich mit so genanntem Fact Checking beschäftigt, etwa durch Abgleich von Fakten mit bestehenden Wissensdatenbanken. Solche Verfahren könnten irgendwann auch in die Argumentesuche Einzug finden.
Linux-Magazin: Wer es probiert, der findet mit der Suchmaschine zum Beispiel Argumente zur These “Immigration is a huge problem”. Argumentiert wird ausschließlich aus Sicht des Einwanderungslands, hier sogar ausschließlich aus Sicht der USA. Mit der Kehrseite des Problems sind aber auch die Staaten konfrontiert, aus denen die Einwanderer auswandern: Ihnen fehlen die Fachkräfte, sie stehen vor sozialen und demografischen Schwierigkeiten. Muss diese Perspektive unter den Tisch fallen?
Henning Wachsmuth: Wir arbeiten aktuell daran, die Suchergebnisse besser zu explorieren. Das kann dadurch geschehen, dass ein erkannter Kontext als solcher benannt wird, oder dadurch, dass man leicht auf verwandte Argumente oder Zusatzinformationen zu einem Argument zugreifen kann. So ist geplant, dass wir bald mögliche Gegenargumente zu einem Argument aufzeigen.
Linux-Magazin: Erzieht die Vorgabe der Argumente nicht eher zur unkritischen Übernahme einer fremden Meinung als zum selbstständigen Denken?
Henning Wachsmuth: Nein, das sehe ich nicht so. Keine Frage: Je mehr Zeit man investiert, desto besser. Aber Zeit ist selten genug da. Daher muss es einfach sein, Pro- und Kontra Argumente zu verschiedenen Aspekten eines Themas zu finden, sonst findet man sie vielleicht nie. Das heißt ja nicht, dass es dabei bleiben muss – wer mehr zu einem Aspekt lernen will, sucht einfach weiter.
Linux-Magazin: Ihre Suchmaschine versteht nur Englisch — schränkt das ihren Einsatz nicht stark ein?
Henning Wachsmuth: Natürlich ist es wünschenswert, dass die Suchmaschine für alle Sprachen funktioniert. Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Eine klassische Suchmaschine kann prinzipiell beliebigsprachige Webseiten finden – indem ihr Inhalt einfach mit einer Suchanfrage abgeglichen wird. Args.me muss hingegen etwas verstehen – nämlich was ein Argument ist. Das erfordert unter Anderem sprachspezifisches Wissen. Wir haben mit Englisch angefangen, weil es die meist gesprochene Sprache ist und die Forschung zur Analyse englischer Sprache am weitesten ist.
Linux-Magazin: Mir scheint, die prägendsten Auseinandersetzungen der Gegenwart — nehmen wir das Migrationsproblem — werden gar nicht durch Argumente bestimmt, sondern durch mehr oder weniger diffuse Gefühle. Was helfen dabei Argumente, auf die dann doch keiner hört?
Henning Wachsmuth: Sie haben Recht: Es gibt Themen, bei denen sich viele Menschen kaum von ihrer vorgefertigten Meinung abbringen lassen werden. Dennoch können Argumente zumindest zu mehr Verständnis für die Gegenseite beitragen – auch das ist etwas wert. Vor allem zielen wir aber auf Menschen ab, die sich ihre Meinung noch bilden – irgendwann im Leben geschieht das bei jedem. In meinen Augen ist es erstrebenswert, wenn Menschen das möglichst unvoreingenommen tun können. Das soll Args.me erreichen.
Im Interview
Henning Wachsmuth studierte von 2003 bis 2009 Informatik und Medienwissenschaft an der Universität Paderborn. Bis 2015 promovierte er dort bei Prof. Dr. Gregor Engels am Software Quality Lab und arbeitete anschließend für drei Jahre als Postdoc in der Arbeitsgruppe Webis [1] bei Prof. Dr. Benno Stein an der Bauhaus-Universität Weimar. Im Jahr 2018 kehrte Herr Wachsmuth als Juniorprofessor zurück an die Universität Paderborn und leitet seitdem die Arbeitsgruppe Computational Social Science am Institut für Informatik.
Prof. Wachsmuth forscht und lehrt im Bereich der algorithmischen Analyse und Synthese natürlicher Sprache. Ziel seiner Arbeitsgruppe ist es, in Zeiten von Fake News und Alternative Facts eine selbst bestimmte Meinungsbildung der Gesellschaft technologisch zu unterstützen. Gemeinsam mit Webis untersucht er, wie Menschen argumentieren und wie sich ihre besten Argumente zu kontroversen Themen finden lassen. Unter seiner Leitung wurde die erste Argumente-Suchmaschine veröffentlicht [2]. Darüber hinaus erforscht Henning Wachsmuth soziologische Auswirkungen der Digitalisierung von Arbeitsleben und Gesellschaft durch maschinelle Lernverfahren.
Infos
- Webis: https://webis.de
- Argumente-Suchmaschine: https://www.args.me






