In Sachen Zukunftsdeutung versagt die Wissenschaft bislang großflächig. Das will das Horoskop zum Jubiläum zumindest für einige bekannte Open-Source-Köpfe kompensieren. Um in deren Karten zu blicken, hat das Linux-Magazin eine Hellseherin aufgesucht. Hier die überraschenden Erkenntnisse.
In den vergangenen 25 Jahren wollten die Ideen mancher Linux-Promis und -Projekte nicht richtig zünden. Warum braucht das GNU-Projekt einen eigenen Kernel? Was will Linus Torvalds bei Transmeta? Und was sucht Ubuntu auf dem Smartphone? Da wäre es für die Zukunft doch praktisch, wenn die Promis schon jetzt wüssten, was später auf sie zukommt. Zumindest für einige Linux-Promis bietet das Linux-Magazin diesen Vorschau-Service wegen seines Jubiläums großzügig an.
[img]Sie denken zuletzt häufiger über ihr Lebenswerk nach und spüren eine gewisse Leere? Keine Sorge: Das ist nach einem weltweiten Eroberungsfeldzug völlig normal. Überraschend taucht Anfang der 2020er ein alter Freund und Spezialist für Microkernel vor Ihrer Tür auf, um Sie zu trösten. Seien Sie auf der Hut: Der nette Rentner versucht womöglich, Sie vom rechten Pfad abzubringen. Halten Sie einfach für den Notfall die Nummer von Jim Zemlin parat. [img]Patrick, Sie müssen jetzt stark sein: Slackware feiert kein Comeback. Nicht 2025, nicht 2030. Tut uns leid, aber wir erfinden die Zukunft nicht. Die Gründe dafür verschweigt die Glaskugel allerdings. Vielleicht hilft ein Blick auf die aktuelle Slackwareversion 14.2 von 2016? Hmm, solider Linux-Kernel 4.4, Tar-Archive als Paketformat, KDE 4.14 als Desktop und ein 90er-Jahre-Look. Nein, tut uns leid, wir wissen auch nicht, wo das Problem liegt. [img]Richard, bleiben Sie bei Ihren Leisten! Der für 2027 geplante Trip in die Serengeti, um das Weißbartgnu zu retten, mag dem GNU-Projekt kurzfristig neue Aufmerksamkeit verschaffen. Dennoch würden wir nach Rücksprache mit unserer Hellseherin eher abraten. Die Savanne ist größer, als Sie glauben, und ihre Ablehnung von Mobiltelefonen erweist sich in diesem Fall als Bumerang. Nebenbei: Ihr Engagement für historische Sneaker (ab 2023) wird niemals so populär wie Ihre Arbeit für GNU. Und nein, wir wissen auch nicht, wann GNU Hurd 1.0 erscheint. [img]Als Red Hats Erfolgs-CEO sollten Sie die Zukunft eventuell ruhiger angehen. Wenn Sie 2023 überraschend IBM kaufen, sehen viele Beobachter die Ironie, einige gar eine “künstlerische Meditation über den Spätkapitalismus”. Ihre Übernahme von Google kostet Sie aber Sympathien am Markt. Jeff Bezos sendet Ihnen eine Mail mit einem Fragezeichen, Sundar Pichai droht Ihnen auf Twitter Prügel an – Sie lehnen ab. Spätestens mit der Microsoft-Übernahme 2028 schießen Sie sich selbst in den Fuß: Nicht nur suchen viele Red-Hat-Entwickler das Weite. Satya Nadella ignoriert auch seine Kündigung und zieht ungefragt in Ihr Nachbarbüro ein. Mitsamt Yogamatte. [img]Ubuntu 2020 an die Börse zu bringen, das war ein genialer Schachzug, Chapeau! Was Sie nicht wissen: 2024 kommen nur noch wenige PCs und Laptops zum Einsatz, Smartphones und Tablets dominieren. Und Clouds macht ab 2025 eh nur noch AWS. Zum Glück ziehen Sie während der Aktionärsversammlung ein Ass aus dem Ärmel: Ein Ubuntu, das auf sämtlichen Geräten läuft, vom Smartphone übers Tablet bis hin zum PC, mit einem einheitlichen Desktop. Im Handumdrehen gewinnen Sie die Aktionäre zurück. [img]Glückwunsch, Ihr Projekt feiert große Erfolge: 2026 wird das supersichere Betriebssystem Qubes OS auf allen Behördenrechnern der USA Vorschrift. Damit zieht die US-Regierung Konsequenzen aus der “Großen Virulenz” von 2025 und befeuert zudem ein erstes Leuchtturmprojekt für den neuen Linux-Microkernel. Kleiner Wermutstropfen: Beim Ausrollen des Systems stellen die IT-Entscheider fest, dass die Hardware-Anforderung von 8 Terabyte Arbeitsspeicher doch kein Druckfehler war. [img]Wenn Sie im August 2030 Perl 5.72 herausbringen, wundern Sie sich über die zaghaften Reaktionen. Eher zufällig finden Sie heraus, dass schon seit sieben Jahren nur noch fünf Projekte weltweit Perl 5 verwenden – und keines Perl 6. Als sich dann auch noch die vermeintlichen Mitentwickler als KI-gestützt entpuppen, haben Sie die Schnauze gestrichen voll. Frustriert ziehen Sie sich daraufhin einige Wochen in ein Wüsten-Retreat zurück und tauchen mit Plänen für Perl 5.73 wieder auf. [img]Container: Kennt man einen, kennt man alle. Aber Sie, Mr. Hykes, sind ein schlauer Fuchs. Weil es 2025 für Docker nicht mehr so gut laufen wird (Sie wissen schon, wegen dieser Security-Geschichte), zaubern Sie blitzschnell einen Plan B hervor: Micro-Container. Mit ihnen flicken Sie einfach die riesigen Sicherheitslücken in den Containern. Geniales Konzept, Aktionäre und Fachpresse beißen an. Zumindest bis 2029. Da machen Ihnen die Sicherheitslücken in den Micro-Containern zu schaffen. Dank Ihrer nächsten Idee zum Glück nicht lange: Super-Micro-Patches für Micro-Container. Genial. [img]”Frag nicht, was Firefox für Dich tun kann, frag, was Du für Firefox tun kannst” lautet Ihr angriffslustiges Motto ab 2024. Sie reagieren damit auf Kritiker, die monieren, dass der Browser dank Antitracking-Einstellungen kaum noch Webseiten anzeigt. In einem vielbeachteten Blogpost rufen Sie dazu auf, HTML 3.2 zu forken und mit dem Internet noch mal ganz von vorn anzufangen, und zwar “ohne Videos und den ganzen Quatsch”. Das bringt viel Applaus, reduziert aber die Zahl der Firefox-Nutzer um 25 Prozent. [img]Sie sind nicht nur Mitgründer der Open Source Initiative (OSI), sondern auch bekennender Libertarier. Ihren Blog nennen Sie “Sex, Software, Politics and Firearms”, alles zukunftsfähige Themen, bleiben Sie dabei! Aber Vorsicht: Wenn Sie künftig weiter das staatlich finanzierte Medicaid-Programm nutzen, sollten Sie weniger darüber bloggen. Andernfalls verunsichern Sie Ihre libertären Supporter und Sie brauchen die Kohle! Ach so: Und Hände weg von den 3-D-Waffen! Diese Baupläne sind zwar Open Source, aber nicht so sicher, wie Sie annehmen. [img]Ihre Entscheidung von 2026, künftig in einem Waldgebiet von Montana Pilze zu züchten, überrascht viele in der Kernel-Community, stößt aber auch auf Verständnis. Klar, der stressige Job als Maintainer der Langzeit-Kernel und Staging-Treiber. Dann aber sämtliche Staging-Treiber in den stabilen Kernel zu mergen, darüber sollten Sie echt noch mal nachdenken. Die Community erscheint mit Fackeln und Mistgabeln vor Ihrer Tür, Linus erfindet neue Formen von Beschimpfungen, um den eigenen Filter zu überlisten.
















