In Brüssel ging am Sonntag Abend die Fosdem 2019, Europas größtes Linux- und Open-Source-Community-Event, zu Ende.
Tausende Nutzer und Unterstützer freier Software stapften trotz Schneematsch auf das Universitätsgelände, um den auf rund 60 Tracks verteilten mehr als 700 Vorträgen zu lauschen. Einer der Schwerpunkte der Fosdem in diesem Jahr: Dezentralisierung.

Auch Deb Nicholson widmete sich der Dezentralisierung. Ihr Vortrag setzte sich mit den ethischen Fragen der Blockchain auseinander.
Gründe gibt es dafür gleich mehrere. Während Entwicklerkonferenzen der großen IT-Anbieter die Cloud feiern, wünscht sich zumindest ein Teil der Open-Source-Community privat die Hoheit über die eigenen Daten zurück. Spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden gilt Dezentralisierung zudem als probates Mittel gegen eine zunehmende Überwachung durch Unternehmen oder Geheimdienste. Aber auch die regelmäßigen Sicherheitslecks bei den Unternehmen stärken das Vertrauen in die Clouddienste nicht gerade.
Dezentral zentral
Ironischerweise scheinen selbst Ministerien dezentrale Lösungen zu schätzen, wie einer der Vorträge von Matthew Hodgson gleich zu Beginn deutlich machte. Er berichtete davon, dass das Matrix-Projekt in den französischen Ministerien mehr als 30 Matrix-Instanzen installiert hat. Die Software verbindet verschiedene Instant-Messenger-Netzwerke, die für sich als Silos agieren, zu einem großen Kommunikationsstrauß, den eine grafische Oberfläche bündelt.

Janson blieb auch in diesem Jahr der zentrale Hörsaal der Fosdem.
Alte Bekannte im Bereich der Dezentralisierung und Anonymisierung kommen aus dem Tor-Projekt. Roger Dingledine berichtete von den neuen Entwicklungen in der Zensurindustrie und mit welchen Mitteln das Projekt sich dagegen wehren möchte. So gibt es nun eine erste Version 1.0 des Tor-Browsers für Android. So genannte Snowflake-Proxies lassen sich von Anwendern nur für eine kurze Zeit aufsetzen, laufen im Browser und sorgen dafür, dass die Zensoren eine schwere Zeit dabei haben, diese Proxies aufzuspüren.
Facebook ist das größte Darknet
Systemkritiker aufzufinden, scheint in Ländern wie Iran ohnehin nicht ganz einfach. Denn dank einer umfassenden Internetzensur nutzen auch ganz normale Iraner in großer Zahl Tor, um Katzenbilder abzuschauen, oder das zu tun, was Menschen laut Dingledine üblicherweise so auf Facebook machen.
Apropos Facebook: Das Social Network sei ohnehin zugleich das größte Darknet, erklärte Dingledine. Denn gerade in Ländern mit Internetzensur nutzen Millionen Menschen im wesentlichen Facebook über Tor. Anstatt also auf den Darknet-Märkten Waffen und Drogen einzulaufen, schauen sich diese User lieber Katzenbilder an.
Community-Event
Dass sich Jahr für Jahr tausende Menschen trotz Kälte und Dreckswetter zur Fosdem versammeln, spricht jedenfalls dafür, dass die Veranstaltung eine Nische füllt. Nicht nur die schiere Anzahl der dort gebotenen Vorträge lockt die Leute nach Brüssel. Die Fosdem ist international, aber zugleich noch eine Community-Veranstaltung. Der Eintritt ist kostenlos, es gibt keine Badges und hinter der Mehrheit der Vorträge stecken keine Unternehmensinteressen. Das hat auch Nachteile: Einige der kleineren Säle waren regelmäßig nach kurzer Zeit voll. Zum Glück funktionierten die Livestreams gut.
Zudem fielen auch die Grenzen zur Arbeitswelt gelegentlich fließend aus. Natürlich gab es auch Vorträge aus dem Cloud-Computing-Umfeld und hielten Entwickler von Microsoft, Facebook oder Google Vorträge, konkret über Dotnet, Open-Source-Firmware und Quantencomputing. Es ist also ein wenig ein Drahtseilakt, aber bislang ist ja immer alles gut gegangen.






