2018 fliegen bei Mozilla die Sektkorken gleich im Doppelpack: Nicht nur gab Browser-War-Verlierer Netscape vor 20 Jahren den Quellcode frei, der zur Firefox-Grundlage wurde. Vor 15 Jahren wurde zudem die Mozilla Foundation gegründet, die heute nicht nur Firefox finanziert. Ein Rückblick.
Es ist Ironie der IT-Geschichte, dass die Mozilla Foundation ihr 15-jähriges erfolgreiches Bestehen zu einem nicht geringen Teil ihren stärksten Konkurrenten verdankt: Google und Microsoft.
Aber von vorn. Mozillas Wurzeln reichen zurück zum Mosaic-Browser (Abbildung 1). Bob Metcalfe schrieb damals in Infoworld: “In der ersten Generation des Internets startete Tim Berners-Lee den Uniform Resource Locator (URL), das Hypertext Transfer Protocol (HTTP) und den HTML-Standard mit Prototypen aus Unix-basierten Servern und Browsern. Ein paar Leute stellten fest, dass das Web womöglich besser ist als Gopher. In der zweiten Generation des Internets entwickelten Marc Andreessen und Eric Bina NCSA Mosaic an der Universität von Illinois. Mehrere Millionen bemerkten plötzlich, dass das Web möglicherweise besser ist als Sex [1].”

Abbildung 1: Mehr als befriedigend: Dank Mosaic wurde das Netz laut Bob Metcalfe “besser als Sex”. © http://www.ncsa.illinois.edu/news/press
Mosaic dominierte die frühen 90er Jahre und brachte Millionen Nutzern das World Wide Web näher. Mosaic-Entwickler Andreessen blieb aber nicht an der Universität von Illinois, sondern gründete 1994 mit ehemaligen Mosaic-Kollegen die Mosaic Communications Corporation.
Namensprobleme ergaben sich nicht nur beim im Oktober 1994 veröffentlichten Mosaic Netscape Browser (der interessanterweise gar keinen Mosaic-Code enthielt), sondern auch mit dem Mosaic im Firmennamen. Diesen änderten Andreessen & Co. daher Ende 1994 in Netscape Communications Corporation, den Browser nannten sie kurz Netscape. Der interne Codename lautete allerdings Mozilla (für “Mosaic Killer”). Fun Fact: Das Mozilla-Logo in der Titelgrafik stammt vom Streetart-Künstler Shepard Fairey, der vor allem mit seinen “Obey”-T-Shirts weltweit bekannt wurde [2].
Der Mosaic-Killer
Zwar eroberte Netscape in kürzester Zeit den Browsermarkt, verlor aber seine Vormachtstellung zwischen 1998 und den frühen 2000er Jahren wieder an Microsoft und dessen Internet Explorer. Der Redmonder Konzern, der Mosaic als Basis für seinen Browser lizenzierte, jagte Netscape die Marktanteile auch aufgrund seiner Betriebssystem-Marktmacht wieder ab. Was dann passierte, zeigt eine Dokumentation namens Code Rush [3] recht schön, die 1998 und 1999 unter anderem in Netscapes Hauptquartier entstand. Sie begleitet die Firma von der Quellcode-Freigabe bis zur AOL-Übernahme.
Von Microsoft unter Druck gesetzt, kündigte Netscape vor 20 Jahren an (genauer am 23. Januar 1998), den Quellcode für den Netscape Communicator 4.0 unter einer Open-Source-Lizenz (der Netscape Public License) zu veröffentlichen und den Browser frei anzubieten. Dazu gründeten die Netscape-Macher genau einen Monat später die Mozilla Organization, um die Arbeiten an dem Browser zu koordinieren.
Anlaufstelle für die Entwickler wurde die Webseite Mozilla.org. Bereits kurze Zeit später, am 31. März 1998, entließen die Netscape-Entwickler den Quellcode in die Freiheit: Microsoft wurde so unfreiwillig zum Geburtshelfer eines künftigen Open-Source-Flaggschiffs. Bis das in See stach, dauerte es aber noch ein wenig.
Langer Marsch
Die Browser-Entwickler stellten schnell fest, dass der Quellcode des Netscape Navigator schwierig zu erweitern war. Sie entwickelten aus diesem Grund einen wesentlich modularer aufgebauten Next-Generation-Browser mit der neuen Gecko-Layout-Engine als Motor. Der eignete sich besser für verteilte Entwicklerteams, zudem ließ sich mit der XML-Userinterface-Sprache Xul ein plattformübergreifendes Interface bauen.
Es dauerte noch bis zum 5. Juni 2002, bis die stabile Version 1.0 des Mozilla-Browsers erschien. Da gehörte Netscape bereits seit vier Jahren zu AOL, das börsennotierte Unternehmen kaufte den Browserhersteller Ende 1998 für 4,2 Milliarden US-Dollar.
Die Ankündigung der Mozilla Suite 1.0 erklärte der staunenden Welt damals etwas heute Selbstverständliches: Open-Source-Entwicklung. Die Suite unterstützte offene Protokolle, integriert waren zudem ein E-Mail- und ein Chat-Client. Der Umfang der Software gefiel allerdings nicht allen Nutzern.
Fuchs aus der Asche
Nicht aus der Asche, sondern aus dem Mozilla-Projekt erhob sich noch im selben Jahre ein Stand-alone-Browser namens Phoenix (Abbildung 2), der später unter dem neuen Namen Firefox Bekanntheit erlangen sollte. In ihrer Ankündigung versprachen die Entwickler einen von Mozilla.org unterstützten schlanken, leichtgewichtigen Browser, der sich im Laufe der nächsten Zeit aber von seinen Mozilla-Wurzeln lösen werde. Die Mozilla Organization sah Potenzial im neuen Browser und beschloss Anfang April 2003 offiziell, ihren Fokus künftig auf Firefox und Thunderbird zu setzen.

Abbildung 2: Phoenix hieß der Vorläufer von Firefox. © http://www.andrewturnbull.net/mozilla/historyfx.html
Mozilla geht stiften
Zugleich standen auch der Mozilla Organization selbst, unter deren Dach sich die Browser-Suite-Entwicklung vollzog, Änderungen bevor. Weil sich AOL mehr und mehr aus dem Mozilla-Projekt zurückzog, gründete die Mozilla Organization am 15. Juli 2003 die gemeinnützige Mozilla Foundation, AOL schoss zwei Millionen US-Dollar Starthilfe dazu.
Unterm Dach der neuen Foundation erschien ein Jahr später, am 9. November 2004, die Version 1.0 von Firefox. Der erste Thunderbird landete etwa einen Monat später. Im August 2005 gründete Mozilla mit der Mozilla Corporation ein reguläres Unternehmen unter Aufsicht der Foundation. Das kümmert sich seitdem vor allem um die technischen Produkte von Mozilla – Browser und E-Mail-Client – und soll die Foundation beim Erreichen ihrer Ziele unterstützen.
Im Februar 2004 startete mit Mozilla Europe auch ein europäischer Ableger der Mozilla Foundation, der aber nur bis 2012 bestand. In diesem Jahr begann Mozilla damit, Büros in europäischen Städten zu gründen, in Paris, London und in Berlin.
An ihrem 15. Geburtstag steckt die Mozilla Foundation mitten in der Pubertät und muss sich zugleich in einer Umbruchsphase des Internets weltweit behaupten. Unter dem Stichwort “Internet Health” gibt die Foundation daher jährlich etwa 20 Millionen US-Dollar für Lobbyarbeit für ein offenes Internet aus [4].
Googles Millionen
Das Geld stammt vor allem von den vorkonfigurierten Suchmaschinen. Waren es 2006 noch 61,5 Millionen US-Dollar, nahm Mozilla 2010 bereits 123 Millionen US-Dollar ein. Ironischerweise spülte der große Konkurrent Google das meiste Geld in die Kassen, um weiter die Standardsuchmaschine bleiben zu dürfen. Laut Mozilla machte Googles Anteil an den Suchmaschinen-Einnahmen 2010 rund 86 Prozent aus. In den Folgejahren nahmen die Zahlungen noch zu: Von jährlich 300 Millionen US-Dollar zwischen 2011 und 2014 ist die Rede [5].
Diese Einnahmen steckt Mozilla seit 2015 nicht mehr nur in die Entwicklung, sondern auch in Initiativen, die das offene Internet fördern. Zu den unterstützten Themen gehören Privatsphäre, Security, Dezentralisierung, das Verbreiten digitaler Grundkenntnisse und Inklusion. Mozilla engagierte sich unter anderem gegen die Aufhebung der Netzneutralität in den USA und gegen die Einführung von Upload-Filtern in Europa. Ein jährlicher Internet Health Report berichtet zudem über Fortschritte und Rückschläge für das Internet weltweit.
Zurück in die Zukunft
Technisch fiel Mozilla in letzter Zeit wieder mehr mit innovativen Ideen auf: Nicht nur in den Bereichen VR und AR ist das Projekt aktiv. Mit Quantum führten die Entwickler kürzlich Änderungen ein, die Firefox wieder schneller und wettbewerbsfähiger machen. Jüngste Benchmarks (Abbildung 3) bescheinigen Firefox dank Webassembly deutliche Performancegewinne (unter Windows). Die Sprache hat ebenso wie Rust ihren Ursprung in Mozillas Ökosystem. Es scheint, als hätten die Mozilla-Entwickler noch einige Pläne in der Schublade.

Abbildung 3: Laut PSPDF-Kit-Benchmark macht Webassembly Firefox unter Windows schneller. © https://pspdfkit.com
Infos
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Bob Metcalfe, “Microsoft and Netscape open some new fronts in escalating Web Wars”: Infoworld 1995, Vol. 17, Issue 34
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Shepard Fairey: https://de.wikipedia.org/wiki/Shepard_Fairey
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Dokumentation “Code Rush”: https://www.youtube.com/watch?v=4Q7FTjhvZ7Y
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Mozillas neue Mission (Entwurf): https://drive.google.com/file/d/1Bl-h9d1IrhBXOskacm8eYkPteNMdxlN2/view
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Suchmaschinen-Einnahmen: http://allthingsd.com/20111222/google-will-pay-mozilla-almost-300m-per-year-in-search-deal-besting-microsoft-and-yahoo/





