Ein Vierteljahrhundert ist es her, dass Ian Murdock das Debian-Projekt gründete. Die Community-Distribution ist aber nicht nur eine der ältesten, sondern auch eine der fortpflanzungsfreudigsten. Das Linux-Magazin gratuliert zum 25. Geburtstag und stellt eine Reihe von Debian-Abkömmlingen vor.
Die Zeitachse der Linux-Distributionen [1] zeigt, wie viele Kinder Debian hervorgebracht hat. Die stabile Codebasis und vor allem die freie Lizenz machen es anderen leicht, ein eigenes Linux-System auf dieser Grundlage zu entwickeln. Berühmte Nachfahren wie Ubuntu, Knoppix und Linux Mint haben inzwischen eigene Abkömmlinge, sodass sich der Stammbaum weiter verzweigt.
Unter diesen Ablegern befinden sich auch Spezialdistributionen, zum Beispiel für den Einsatz als Schulserver, für die Audio- und Videoproduktion oder für Einplatinenrechner (siehe Kasten “Debian für kleine Kisten”). Andere Forks entstanden, weil Entwickler das neue Init-System Systemd ablehnen. Außer Devuan [2], das im Juni dieses Jahres die aktuelle Version 2.0.0 veröffentlichte, gibt es weitere Debian-Derivate, die immer noch Sys-V-Init nutzen. Das von der Free Software Foundation initiierte Projekt Gnewsense legt darüber hinaus Wert auf ein System, das ohne proprietäre und unfreie Software auskommt.
Debian für kleine Kisten
Raspbian, Cubian, Bananian oder Diet Pi – auch für die beliebten Einplatinen-Rechner gibt es Debian-Derivate in ganz unterschiedlichen Ausführungen. Das kürzlich aktualisierte Raspbian wirbt mit einem Einrichtungsassistenten und einem App-Store, was vor allem Einsteiger ins Boot holen soll.
Bastler finden im Debian-Wiki [3] Hinweise, wie sie das Original auf die kleinen Rechner bringen. Dem Kapitel “Debian On” widmen sich zahlreiche Wiki-Pages, und im Abschnitt “Single Board Computers (SBCs)” sind mehr oder weniger ausführliche Installationsberichte verlinkt.
Tabelle 1 und Tabelle 2 listen Unterschiede zwischen wichtigen getesteten Distributionen auf.
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Anti X |
AV Linux |
Clonezilla Live |
Debian Edu/Skolelinux |
Deepin |
Devuan |
Elive |
Gnewsense |
Gparted Live |
Grml |
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|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
Website |
|||||||||||
|
Version |
17.1 |
2018.6.25 |
2.5.5-38 |
9 |
15.6 |
2.0.0 |
2.9.97 |
4.0 |
0.31.0-1 |
2017.05 |
|
|
Debian-Zweig |
Stable |
Stable |
Testing/Unstable |
Stable |
Unstable |
Stable |
Wheezy (7.11!) |
Stable |
Testing/Unstable |
Stable |
|
|
Release-Datum |
18.03.2018 |
25.06.2018 |
30.03.2018 |
18.06.2017 |
14.06.2018 |
08.06.2018 |
27.06.2018 |
06.05.2016 |
20.03.2018 |
31.05.2017 |
|
|
Release-Modell |
fixed/semi-rolling |
fixed |
fixed |
fixed |
rolling |
fixed |
fixed |
fixed |
fixed |
fixed |
|
|
Architekturen |
i386, x86_64 |
i386, x86_64 |
i686, x86_64 |
i386, x86_64 |
x86_64 |
armhf, i386, x86_64 |
i486 |
i386, x86_64, mips |
i686, x86_64 |
i686, x86_64 |
|
|
Init-System |
Sys-V-Init |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Sys-V-Init |
Sys-V-Init |
Sys-V-Init |
Systemd |
Systemd |
|
|
Standarddesktop |
Rox/Ice WM |
Xfce |
textbasiert |
KDE Plasma |
Deepin DE |
Xfce |
Enlightenment |
Gnome |
Fluxbox |
Fluxbox |
|
|
Mehrsprachig |
ja |
(ja) |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
nein |
|
Iserv |
Kali Linux |
Kanotix |
Knoppix |
Makulu Linux Shift |
MX Linux |
Parrot Security OS |
Siduction |
Steam OS |
Tails |
Univention Corporate Server |
||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
Website |
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|
Version |
3 |
2018.2 |
nightly |
8.2 |
14 |
17.1 |
4.1 |
18.3.0 |
2.148 |
3.8 |
4.3 v4 |
|
|
Debian-Zweig |
Stable |
Testing |
Stable |
Stable/Testing/Unstable |
Stable |
Stable |
Testing |
Unstable |
Oldstable |
Stable |
Stable |
|
|
Release-Datum |
18.04.2018 |
30.04.2018 |
09.07.2018 |
15.05.2018 |
07.02.2018 |
13.03.2018 |
06.06.2018 |
13.05.2018 |
23.01.2018 |
26.06.2018 |
04.07.2018 |
|
|
Release-Modell |
fixed |
rolling |
fixed |
fixed |
fixed |
fixed |
fixed |
rolling |
fixed |
fixed |
fixed |
|
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Architekturen |
i386, x86_64 |
armel, armhf, i386, x86_64 |
i686, x86_64 |
i486 |
x86_64 |
i386, x86_64 |
armhf, i386, x86_64 |
x86_64 |
x86_64 |
x86_64 |
x86_64 |
|
|
Init-System |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Sys-V-Init |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
Systemd |
|
|
Standarddesktop |
textbasiert |
Gnome |
KDE/LXDE |
LXDE |
Cinnamon |
Xfce |
Mate |
Cinnamon, Gnome, KDE, LXDE, LXQT, Mate, Xfce, Fluxbox, kein X |
Gnome |
Gnome |
KDE Plasma |
|
|
Mehrsprachig |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
ja |
Auf der Schulbank
Freie Software auf dem Desktop und auf dem Server, nicht nur zu Hause, sondern auch in der Schule – das schreiben sich diverse Projekte auf die Fahnen. Hier geht es aber nicht nur um Lernsoftware, sondern vor allem um maßgeschneiderte Systeme, die Schulträger, Schulleiter, Lehrer, Schüler und Eltern gleichermaßen ansprechen wollen.
Debian Edu/Skolelinux
Hier kommt eine gebrauchsfertige, kostenfreie Umgebung für ein ganzes Schulnetzwerk. Das Skolelinux-Projekt wurde 2001 in Norwegen gegründet, und fast zeitgleich begann Raphaël Hertzog in Frankreich mit der Arbeit an Debian Edu. Zwei Jahre später taten sich die Entwickler zusammen, und so heißt das Projekt nun Debian Edu und die Distribution Skolelinux.
Sie basiert auf Debian Stable; im Netz stehen DVD- und CD-Images bereit. Empfehlenswert ist das deutschsprachige Handbuch [4], das auf fast 90 Seiten die Installation des Schulservers, der Arbeitsplatzrechner und anderer Profile erklärt, die Anwender im Installer auswählen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Skolelinux läuft auf Einzelplatzrechnern genauso wie in einem größeren Rechnerverbund. Im Installer entscheiden sich Benutzer für ein Profil.
Nachdem Admins den Skolelinux-Hauptserver (»tjener«) eingerichtet haben, installieren sie die Skolelinux-Clients. Es ist möglich, Clients mit anderen Betriebssystemen anzubinden. Skolelinux kann sich um die zentrale Verwaltung von Benutzernamen und Passwörtern kümmern, um gemeinsame und private Dateien, um Drucker und andere Hardware. Darüber hinaus legen die Entwickler Proxy- und Filtersoftware bei, die jugendgefährdende Seiten blockt.
Iserv
Auf Debian Stable basiert auch der kostenpflichtige Schulserver Iserv von der Braunschweiger Firma Iserv GmbH. Iserv ermöglicht den Aufbau eines Schulnetzwerks inklusive Web-, Mail- und Dateiserver, Forum, Domain Controller und HTTP-Proxy. Mit dabei ist ebenfalls das Webportal Idesk, das es erlaubt, den Server aus dem lokalen und optional aus dem Internet zu nutzen und zu administrieren. Laut Website des Unternehmens setzen über 1750 Schulen in Deutschland auf den Iserv-Portalserver, darunter Grundschulen, Gymnasien, berufsbildende Schulen und Internate.
Iserv lässt sich mit Modulen erweitern. Sie stellen zusätzliche Funktionen bereit, beispielsweise Backup und Restore, das Einbinden von Etherpad Lite, die Verwaltung der Schulbibliothek über eine Weboberfläche sowie automatisiertes Verteilen und Installieren von Software auf Windows- und Linux-Rechner.
Auf der Firmenwebsite finden Anwender nicht nur gut geschriebene Anleitungen und Hilfestellungen, sondern auch die aktuellen Preise für Iserv-Komplettpakete, die reine Installation, Schulungen und mehr enthalten.
UCS@school
Als ein “für den Bildungsbereich optimiertes Identitäts- und Berechtigungs-Management” bewirbt die Univention GmbH ihr Produkt UCS@school. Neben grundsätzlichen Diensten wie Netzwerkkonfiguration, Authentifizierung, Drucken und Datei-Ablage liefert die Bremer Softwareschmiede E-Learning- und Filesharing-Lösungen aus. Das System richtet sich an Schulträger und Bundesländer, die nach einer flächendeckenden Open-Source-Lösung suchen.
UCS@school enthält Tools zum computergestützten Unterrichten und zum Steuern der PCs. Das umfasst auch Funktionen zum Sperren von Rechnern oder zum Verteilen von Lern- und Arbeitsmaterialien. Das Bremer Schul-Linux bindet auch externe Dienste wie etwa Webweaver und Edyou an und erlaubt deren zentrale Verwaltung über UCS@school. Insgesamt stehen im App Center über 80 Dienste bereit, die Anwender integrieren können. Ein Blick ins Handbuch für Administratoren [5] erläutert den Aufbau und die Inbetriebnahme.
UCS@school basiert auf der Enterprise-Linux-Distribution Univention Corporate Server. Voraussetzung für den Einsatz der Distribution ist eine gültige UCS-Subskription. Neben einer kostenfreien Core Edition hat der Hersteller drei weitere Bezahlvarianten im Angebot, deren Preise auf der Website aufgelistet sind.
Spielerisch
Der Pinguin fühlt sich auch im Gaming-Bereich wohl. Wer nicht zu Anwendungen wie Cross Over, Wine oder seinem grafischen Aufsatz Play On Linux greifen möchte, zockt vielleicht eines der nativen Linux-Spiele. Ob Action, Adventure, Arcade oder Jump and Run – die Auswahl an nativen Linux-Spielen ist groß. Websites wie Games 4 Linux [6] oder die Linux Game Database [7] bieten eine gute Übersicht.
Alternativ gibt es mit Steam von der Valve Corporation [8] eine kommerzielle Vertriebsplattform für den Linux-Desktop. Der Steam-Client läuft als eigenständiges Programm unter aktuellen Distributionen und ermöglicht den Erwerb und die Installation vieler auf Steam angebotener Spiele. Der Hersteller geht noch einen Schritt weiter und hat seine eigene Linux-Distribution im Angebot, die im Wesentlichen den Steam-Client und Spiele, im Hintergrund aber einen vollständigen Gnome-Desktop ausführt.
Steam OS
Das Spielestudio Valve Corporation entwickelt und vertreibt eine eigene Linux-Distribution: Steam OS basiert auf Debian und läuft nicht nur auf den so genannten Steam Machines (Spielekonsolen), sondern auch auf handelsüblichen PCs – entsprechende Hardware vorausgesetzt. Steam OS benötigt einen 64-Bit-Prozessor, 4 GByte oder mehr RAM, 200 GByte oder mehr Plattenplatz sowie eine aktuelle Grafikkarte von Nvidia, AMD oder Intel. Der Rechner muss UEFI unterstützen; Secure Boot deaktivieren Anwender vor der Installation.
Steam-OS-Images gibt es auf der Hersteller-Website. Benutzer kopieren es auf einen mit FAT 32 formatierten USB-Stick und booten den Rechner neu. Anschließend entscheiden sie sich zwischen »Automated« und »Expert Install« – Letzteres ruft den Debian-Installer im neuen Gewand auf den Plan. Nach dem Einrichten der Sprache, des Tastaturlayouts und einer manuellen Partitionierung spielt dieser das Grundsystem (Abbildung 2) und den Bootloader ein.

Abbildung 2: Alter Bekannter: Wer sich für die Variante »Expert Install« von Steam OS entscheidet, findet sich im grafischen Debian-Installer wieder.
Direkt nach der Installation spielt Steam OS selbstständig Aktualisierungen ein – eine gute Idee, schließlich bootet das auf Debian Jessie basierte System einen Kernel aus dem Jahre 2016. Nach dem Update und einem weiteren Neustart ist das System einsatzbereit und startet den Steam Client im Vollbildmodus. Nach dem Anmelden haben Anwender wie gewohnt Zugriff auf den Shop und ihre eigene Bibliothek.
Brandaktuell
Während viele Debian-Derivate auf den Stable- oder Testing-Zweig als Unterbau setzen, gibt es auch ein paar Vertreter, die lieber die neuesten Programmversionen ausliefern. Sie setzen auf die Pakete aus dem Unstable-Branch.
Anwender müssen aber nicht befürchten, ein instabiles oder fehleranfälliges System zu erhalten – auch diese Debian-Abkömmlinge laufen ohne nennenswerte Probleme. Anwender halten ihr System mit täglichen, wöchentlichen oder monatlichen Updates aktuell; die beiden nächsten Kandidaten sind Rolling-Release-Varianten und liefern kontinuierlich Aktualisierungen aus.
Deepin
Einer der Vertreter, der auf Debian Unstable basiert, ist Deepin (ehemals Linux Deepin). Die meistgenutzte chinesische Linux-Distribution setzte ursprünglich auf Gnome, liefert aber bereits seit 2013 ihren eigenen Desktop aus. Das Deepin Desktop Environment nutzte zunächst Webkit und HTML 5, portierte die Oberfläche im Jahr 2015 aber auf Qt 5.
Die Distribution enthält zahlreiche selbst entwickelte Programme, darunter den Deepin App Store als grafische Schnittstelle zu APT, Deepin Movie als Videoplayer (setzt auf Ffmpeg), den Bootmanager Deepin Boot Maker, das Deepin Terminal und mehr.
Der Spotify-Client für Linux ist ebenfalls vorinstalliert (Abbildung 3) und nutzt dazu ein eigenes Repository unterhalb von »/etc/apt/sources.list.d«. Den dazu passenden Gnu-PG-Schlüssel müssen Anwender allerdings selbst nachrüsten. Etwas unsauber ist auch der angebotene Sprachenmix: Bei Redaktionsschluss gab es das ISO-Image der neuen Version 15.6 nur dann, wenn man die Website auf englische Sprache umschaltete. Wer die deutsche Übersetzung anschaut, erhält keinen Downloadlink. Hand anlegen müssen Benutzer auch nach der Installation und die Tastaturbelegung in den Systemeinstellungen anpassen.

Abbildung 3: Ein ganz eigener Desktop, zahlreiche selbst geschriebene Programme und ein vorinstallierter Spotify-Client: So will Deepin bei Einsteigern punkten.
Siduction
Auch diese Distribution nutzt Debian Unstable als Unterbau. Der Name Siduction setzt sich zusammen aus Sid und Seduction; das System ist ein Fork von Aptosid, dessen letzte Version aus dem Mai 2013 stammt.
Die Entwickler liefern das System mit mehreren Desktopumgebungen aus, Benutzer entscheiden sich vor dem Download des ISO-Image für eine Oberfläche. Neben Siduction-Ausgaben mit Gnome, KDE & Co. gibt es auch eine Variante namens »Xorg« (X-Server und Fluxbox als Windowmanager) und »noX«, die ganz ohne grafisches System kommt.
Als einer der wenigen Ableger setzt Siduction nicht auf den bewährten Debian-Installer, sondern verwendet eine modifizierte Version des Installer-Frameworks Calamares [9]. Alternativ kann die Distribution als Live-System laufen.
Positiv hervorzuheben ist auch das gute Handbuch [10], das nicht nur Informationen zum Live-Betrieb, sondern auch zu den Installations-Optionen, zur Aktualisierung und zur Systemadministration enthält.
Live is live!
Live-Systeme starten direkt von CD/DVD oder USB-Stick und tasten die Festplatte nicht an. Sie eignen sich daher prima zum Ausprobieren einer Linux-Variante. Außerdem sind sie zuverlässige Helfer beim Reparieren und Retten von Daten. Klaus Knopper gilt als der Erfinder der Linux-Live-CD, sein Knoppix liegt inzwischen in Version 8.2 auf den Servern. Die Ausgabe 8.3 hat er im Auftrag des Linux-Magazins für die Cebit-Ausgabe zusammengestellt [11]. Wie gewohnt bietet Knoppix einen Mix aus Debian Stable, Testing und Unstable und erhöht damit die Chancen, auch brandneue Hardware automatisch zu erkennen.
Ein Blick in die Linux-Zeitachse [1] zeigt, dass Knoppix zahlreiche andere Entwicklungen inspiriert hat, darunter auch Kanotix, das seit 2010 allerdings auf Debian Live [12] basiert, einer eigenen Live-Ausgabe der Community-Distribution. Von Kanotix gibt es zwei Varianten, eine mit KDE und eine mit LXDE. Während das System zunächst Debian Unstable als Codebasis nutzte, verwendet Kanotix seit 2007 den Stable-Zweig. Wer die Distribution installieren will, erhält Unterstützung vom grafischen Acritox Installer, einem Qt-4-Frontend, um Debian-basierte Live-Systeme auf die Festplatte zu bringen.
Darüber hinaus gibt es etliche Live-Systeme, die auf eine Zielgruppe zugeschnitten sind. Sie sprechen besondere Hardware an oder versammeln Spezialprogramme für bestimmte Aufgaben.
Anti X
Anti X richtet sich vor allem an Besitzer älterer Rechner. Die Distribution kommt schnell und leichtgewichtig daher, verzichtet auf Systemd und große Desktopumgebungen wie Gnome, KDE & Co., hier zeichnet der schlanke Rox/Ice WM die Oberfläche.
Die Entwickler empfehlen 192 MByte RAM, 256 MByte sind besser. Wer Anti X installieren möchte, sollte 3,8 GByte für die Variante »full« einplanen, 2,6 GByte langen für »base«, 1 GByte für »core« und 0,7 GByte für »net«. Die beiden letzten begnügen sich laut Entwicklern mit 128 MByte RAM (plus Swap).
Nach dem Booten entscheiden sich Benutzer für eine Sprache und stellen die Zeitzone ein. Anschließend arbeiten sie unter der Kennung »demo« (Passwort: »demo«) und erlangen über »sudo« Rootrechte. Wer den Installer aus dem Live-Betrieb heraus startet, wählt aus, ob er Pakete aus Stable, Testing oder Unstable bevorzugt (Abbildung 4). »minstall« erwartet danach Angaben zur Sprache und Tastatur, zur Zeitzone und zum Rechnernamen. Das Programm setzt auf Gparted zum Aufteilen der Platte.

Abbildung 4: Anti X setzt zwar auf Debian Stable, erlaubt aber bei der Installation die Auswahl anderer Paketquellen. Beim Partitionieren greift das System optional auf Gparted zurück.
AV Linux
Der nächste Kandidat ist als Workstation für Audio- und Video-Produktionen konzipiert und mit reichlich Spezialsoftware ausgestattet. AV Linux läuft in der Voreinstellung live von DVD oder USB. Anwender melden sich mit dem Login-Namen »isotester« und dem Passwort »avl64« an; das Rootpasswort ist »avl64admin«.
Danach startet der Xfce-Desktop. Als Soundserver stehen Jack und Pulseaudio bereit, und im Anwendungsmenü tummeln sich etliche Applikationen für die Produktion multimedialer Inhalte (Abbildung 5), etwa die Audio-Workstations Ardour und Mixbus, der Plugin-Host Carla sowie die Videoschnitt-Programme Kdenlive und Cinelerra. Nicht nur Neulingen empfiehlt sich ein Blick ins sehr ausführliche Handbuch [13].

Abbildung 5: Ein multimedialer Tausendsassa: AV Linux versammelt im Startmenü diverse Programme für Musiker und Filmemacher.
Wer AV Linux auf dem Rechner installieren möchte, entscheidet sich dafür bereits im Bootmenü. Der Eintrag »Boot system installer« ruft das Programm Systemback auf den Plan – eigentlich als Backuptool mit integriertem Installer konzipiert.
Es ist daher nicht möglich, während der Installation die Spracheinstellungen anzupassen. Systemback kümmert sich lediglich um das Partitionieren, kopiert dann das Live-ISO-Image und spielt schließlich Grub ein. Wer die Sprache an sein eigenes Land anpassen möchte, ruft nach der Installation den »AV Linux Assistant« auf oder setzt die entsprechenden »dpkg-reconfigure«-Befehle ab.
Clonezilla Live
Backups und Restores per Tastendruck – das verspricht Clonezilla und bootet dazu entweder von CD oder USB-Medium. Die Live-Distribution basiert auf Testing und Unstable und stammt aus der Feder des taiwanischen National Center for High Performance Computing.
Nach dem Start wählen Anwender im Bootmenü den gewünschten Eintrag aus (Abbildung 6). Nachdem sie eine Sprache und das passende Tastaturlayout ausgesucht haben, entscheiden sie zunächst zwischen Backup und Restore. Clonezilla ermittelt Festplatten und deren Partitionen automatisch und bietet an, die Daten lokal auf internen oder externen Festplatten sowie per NFS, SSH oder Samba übers Netzwerk zu sichern.

Abbildung 6: Clonezilla klont ganze Rechnersysteme. Die Software erzeugt Images von Festplatten oder von einzelnen Partitionen.
Benutzer wählen zwischen einem Anfänger- und dem Expertenmodus aus. Letzterer erlaubt es auch, Images auf entfernten Systemen wiederherzustellen. In diesem Modus ist es zudem möglich, externe Skripte einzubinden, die vor oder nach der Installation laufen sollen.
Im Hintergrund arbeiten zuverlässige Werkzeuge wie etwa »ntfsclone«, »drbl-winroll«, Partclone, Partimage und »dd«. Clonezilla unterstützt zahlreiche Dateisysteme und kann Abbilder auf Wunsch komprimieren und in mehrere Dateien aufteilen.
Gparted Live
Dieses kleine Live-System hilft beim Überprüfen und Partitionieren von Festplatten und setzt dazu auf den Gnome Partition Editor. Der unterstützt nicht nur zahlreiche Dateisysteme, sondern außerdem unterschiedliche Typen von Partitionstabellen, darunter MSDOS, MAC und GPT, die auf neuen Rechnern den MBR ablösen. Gparted Live basiert auf Debian Live und mischt Pakete aus Testing und Unstable. Gparted selbst nutzt die Applikationen Parted, Fdisk, NTFS-3G sowie Partimage.
Nach dem Booten stellen Nutzer die benötigte Tastatur und Sprache ein. Auf dem Hintergrund der Fluxbox-Oberfläche finden sie Symbole für diverse Programmstarter, darunter Gparted selbst, einen Browser und ein Terminal. Über weitere Icons konfigurieren sie die Netzwerkverbindung und die Bildschirmauflösung oder erzeugen Screenshots (Abbildung 7). Der Name des Standardaccounts ist »user«, das zugehörige Passwort lautet »live«. Über »sudo« gibt’s Administratorrechte.

Abbildung 7: Gparted Live legt auf dem Hintergrund des Fluxbox-Schreibtischs wichtige Programmstarter ab.
Grml
Als Analyse- oder Rettungssystem hat Grml schon so manchem Admin gute Dienste geleistet. Das ursprünglich auf Knoppix basierende Live-System verwendet inzwischen Debian Stable als Basis. Alternativ stehen auf der Projektseite Daily Snapshots zur Verfügung, die auf Testing und Unstable setzen. Bis heute kommt Grml in Varianten für 32- oder 64-Bit-Systeme, auch das Kombi-Image für beide Architekturen passt noch auf eine CD. Das Live-System startet alternativ über einen Terminalserver via PXE aus dem Netzwerk und von USB- oder Firewire-Medien.
Nach dem Booten wählen Benutzer das Tastaturlayout aus und entscheiden, ob sie die grafische Oberfläche (und damit Fluxbox als Windowmanager) starten oder das System mit dem Werkzeug »grml-debootstrap« auf der Festplatte installieren. »grml2usb« bringt die Distribution auf ein USB-Medium.
Während die Oberfläche eher spartanisch daherkommt, gibt es nichts zu meckern in puncto Ausstattung. Systemadministratoren finden alle wichtigen Werkzeuge, und bei Bedarf wird aus einem laufenden Grml-System ein komplettes FAI-Setup (Fully Automatic Installation). Wer mit der Standardshell ZSH nicht zurechtkommt, findet in Bash, KSH und Dash Alternativen. Ein Blick ins Grml-Wiki [14] ist empfehlenswert.
Aber sicher!
Wer nach einer Distribution sucht, die umfassende Sicherheitstests einzelner Rechner oder gleich ganzer Netzwerke durchführt, wird ebenfalls bei den Debian-Ablegern fündig. Praktischerweise enthalten die nächsten Kandidaten auch Tools, die verdächtige Vorfälle erfassen, analysieren und auswerten können. Neben Programmen für Penetrationstests und digitale Forensik legen die Live-Distributionen auch Werkzeuge zum Anonymisieren von Verbindungsdaten bei.
Kali Linux
Das auf Debian Testing aufsetzende Live-System kann von CD/DVD, USB oder via PXE booten und enthält allerhand Nützliches und Praktisches, um das eigene System auf Schwachstellen zu untersuchen. Der Backtrack-Nachfolger lässt sich optional auch auf dem Rechner installieren. Anwender finden auf der Projektseite Images mit verschiedenen Desktops, darunter Gnome, E17, LXDE, Xfce, Mate und KDE. Wer die Programmübersicht öffnet, sieht zahlreiche Tools, die Sicherheitslücken und Konfigurationsfehler aufdecken (Abbildung 8). Auch Anwendungen wie John the Ripper, Aircrack, Kismet, Wireshark und Nmap sind dabei.

Abbildung 8: Kali Linux enthält eine bunte Sammlung von Programmen, die Sicherheitslücken und Konfigurationsfehler aufdecken, aber auch Passwörter knacken oder drahtlose Netzwerke ausspionieren können.
Parrot Security OS
Auch dieses Live-System richtet sich an Admins, die in den Bereichen Penetrationstests und digitale Forensik unterwegs sind. Parrot Security OS setzt weitere Schwerpunkte auf Kryptografie, Privatsphäre und Programmierung.
Im Bootloader wählen Anwender zwischen dem Live-Betrieb und der Installation; alternativ stehen die Varianten »Live with persistence« und »Live with Encrypted persistence« zur Verfügung. Wer sich für die Installation auf der Festplatte entscheidet, findet den bekannten Debian-Installer in der grafischen und in der textbasierten Ausführung.
In der Voreinstellung startet Parrot Security OS den Mate-Desktop. Im Startmenü wenden sich Anwender dem Menü »Parrot« zu, das in etlichen Untermenüs Programme aus den Bereichen »Informationsbeschaffung«, »Schwachstellenanalyse«, »Exploitation-Tools« und mehr versammelt (Abbildung 9).

Abbildung 9: Das »Parrot«-Menü und seine Untermenüs bieten Zugriff auf etliche Programme aus den Bereichen Penetrationstests, digitale Forensik, Sniffing und Spoofing. Kryptografie-Werkzeuge und Anonymisierungstools haben ihre eigenen Menüs.
Das Menü »Anon Surf« enthält Anwendungen, die anonymen Internetzugriff ermöglichen. Parrot Security OS setzt dazu wenig überraschen auf das bewährte Tor-Netzwerk. Im Parrot-Wiki [15] finden Benutzer weitere Hilfestellungen.
Tails
“Privacy for anyone anywhere” hat sich das Tails-Projekt auf die Fahnen geschrieben. The Amnesic Incognito Live System, so der volle Name, ist eine auf Debian Stable basierende Live-Distribution, die von DVD und USB-Stick startet und vor allem die Privatsphäre und Anonymität der Nutzer schützen möchte.
Tails leitet dazu den gesamten Netzwerkverkehr durch das Tor-Netzwerk und hinterlässt auch auf dem Rechner selbst keine Spuren (sofern der Anwender sich nicht anders entscheidet): Tails nutzt keinen Auslagerungsspeicher – auch dann nicht, wenn er zur Verfügung steht. Das System löscht zudem den Arbeitsspeicher (RAM) automatisch, wenn Benutzer den Computer herunterfahren.
Auch die Macher von Tails setzen auf das Anonymisierungsnetzwerk Tor. Entsprechend haben sie nicht nur den Webbrowser und den Instant-Messaging-Client Pidgin, sondern auch andere Programme so konfiguriert, dass sie sich über Tor mit dem Internet verbinden. Versucht eine Anwendung, eine direkte Verbindung aufzubauen, blockiert Tails diese zur Sicherheit automatisch (Abbildung 10). Kryptografische Werkzeuge wie Luks und Gnu-PG kümmern sich um die Verschlüsselung der Daten.
Die Entwickler haben zudem die Browser-Erweiterungen HTTPS Everywhere, No Script, Ublock Origin und Torbutton sowie das OTR-Protokoll für Pidgin eingerichtet. Onion Share und Nautilus Wipe sind ebenfalls vorhanden.
Nicht weit vom Stamm
Jahrelang entwickelt, ausgiebig getestet und daher sehr stabil und zuverlässig, das galt schon immer für Debian. Die Community-Distribution belegt stets einen der vorderen Plätze in der Distrowatch-Rangliste der beliebtesten Linux-Systeme. Wer das Original mag und nach einer Ausgabe mit Spezialsoftware für bestimmte Zwecke sucht, pickt sich aus den vielen Derivaten etwas heraus.
Ob es um das Einrichten einer ganzen Serverlandschaft für Bildungseinrichtungen, multimediale Aufgaben, das Reparieren vorhandener Betriebssysteme oder digitale Forensik geht – Debian-Abkömmlinge gibt es für viele Zielgruppen, Anwendungsfälle oder Hardwareplattformen. Herzlichen Glückwunsch an die Debian-Familie!
Infos
-
Überblick über die Linux-Entwicklung: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1b/Linux_Distribution_Timeline.svg
-
Antony Stone und Heike Jurzik, “Debian ohne Systemd”: Linux-Magazin 08/17, S. 52
-
Debian auf unterschiedlicher Hardware und Plattformen: https://wiki.debian.org/InstallingDebianOn
-
Skolelinux-Handbuch: https://jenkins.debian.net/userContent/debian-edu-doc/debian-edu-doc-de/debian-edu-stretch-manual.pdf
-
UCS@school-Handbuch für Adminstratoren: http://docs.software-univention.de/ucsschool-handbuch.html
-
Games 4 Linux: https://games4linux.de
-
Linux Game Database: https://lgdb.org
-
Valve Corporation: https://www.valvesoftware.com/de
-
Calamares: https://calamares.io/about
-
Siduction-Handbuch: https://manual.siduction.org/welcome
-
Klaus Knopper, “Exklusiv auf der Delug-DVD: Knoppix 8.3 Linux-Magazin Edition”: Linux-Magazin 07/18, S. 36
-
Debian Live: https://www.debian.org/CD/live
-
AV-Linux-Handbuch (PDF): http://bandshed.net/pdf/AVL2018UserManual.pdf
-
Grml-Wiki: http://wiki.grml.org/doku.php
-
Parrot-Wiki: https://docs.parrotsec.org/doku.php






