Facebook dient längst nicht mehr nur dem Austausch alltäglicher Banalitäten vom Urlaubsgruß bis zum Katzenvideo. Politische Akteure, namentlich aus dem rechten Lager, scheinen sich der sozialen Plattform zu bemächtigen. Was macht das mit unserer Demokratie? Fragt die Forschung.
Linux-Magazin: Sie haben in einer Studie untersucht, inwieweit soziale Medien zur Manipulation im Wahlkampf eingesetzt wurden. Wo ziehen Sie die Grenze zwischen dem legitimen Gebrauch solcher Medien und gefährlicher Manipulation?
Simon Hegelich: Social Media im Wahlkampf ist eigentlich ein einziger ethischer Graubereich. Zum Beispiel wird im aktuellen Facebook-Skandal kritisiert, eine Firma (Cambridge Analytica) hätte sich Zugang zu den Daten von Facebook-Freunden von Nutzern ihrer App verschafft. Das Gleiche hat Obama mit seiner Kampagne auch getan, und er wurde sehr dafür gefeiert. Umso wichtiger sind ethische Grundfragen wie zum Beispiel Transparenz. Sage ich offen, was ich warum mache, oder versuche ich, etwas zu verschleiern?
Linux-Magazin: Das würde heißen: Alles, was gegenüber Betroffenen offen kommuniziert wird, ist allein dadurch schon legitim?
Simon Hegelich: Nein, eher umgekehrt: Wenn ich etwas verheimliche, dann ist da auf jeden Fall was faul! Aber es ist häufig schwierig zu unterscheiden, ob es um Werbung oder Manipulation geht. Da fehlen häufig auch noch die Erfahrungswerte. Denn auch manche Dinge, die offline völlig legitim sind, können online ja problematisch sein – oder eben auch nicht.
Linux-Magazin: Inwieweit ist eine Beeinflussung der öffentlichen Meinung durch Facebook oder Twitter überhaupt vorstellbar? Können soziale Netze nur eine vorgefasste Meinung verstärken, können sie nur Wähler mobilisieren, die sich ohnehin entschieden haben – oder können sie Einzelne auch zum Gegenteil dessen bekehren, was sie vorher dachten?
Simon Hegelich: Alle Studien zeigen bislang, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Einzelne ihre Meinung radikal ändern, nur weil sie etwas im Internet gelesen haben. Die Effekte sind wohl eher so, dass jemand in seiner bestehenden Meinung noch verstärkt wird. Das kann aber durchaus weitreichende Folgen haben und zur Polarisierung der Gesellschaft führen. Außerdem ist es offenbar möglich, Leute zur Wahl zu motivieren oder sie gegebenenfalls genauso auch zu demobilisieren.
Linux-Magazin: Spielt es eine Rolle, dass politische Botschaften auf Facebook in einem privaten Kontext erscheinen, in einem vertraut und harmlos wirkenden Umfeld?
Simon Hegelich: Facebook ist eine Plattform für die private Kommunikation und dafür funktioniert sie auch sehr gut. Ich halte es für sehr bedenklich, dass diese Plattform jetzt für politische Diskurse verwendet wird. In einer politischen Auseinandersetzung gelten andere Regeln: Emotionen und private Meinungen sollten weniger wichtig sein. Argumentationen dürfen auch mal etwas komplexer ausfallen. All das passt nicht gut zu Facebook und dem dahinterliegenden Geschäftsmodell.
Linux-Magazin: Wir leben in einer Übergangszeit, in der ältere Menschen in sozialen Netzen wohl weniger aktiv sind, weil sie damit nicht aufgewachsen sind. Wer sich nicht um Facebook kümmert, kann von ihm auch nicht manipuliert werden. Welchen Einfluss auf die Meinungsbildung hat es, dass soziale Medien vermutlich besonders in bestimmten Altersgruppen wirken?
Simon Hegelich: Der Reuters-News-Report sagt, dass 2016 bereits über 50 Prozent der 18- bis 24-Jährigen sich über soziale Medien politisch informiert haben. Generell sind es die Jüngeren, aber auch die Durchdringung der älteren Kohorten nimmt rasant zu. Treibende Kraft ist zunächst die Verbreitung der Smartphones.
Linux-Magazin: Warum sind politisch rechte Gruppierungen in den sozialen Netzen besonders aktiv und erfolgreich? Sind Linke dümmer oder altmodischer?
Simon Hegelich: Besonders in Deutschland ist es so, dass die “Neue Rechte” sich nicht von den klassischen Medien vertreten fühlt und daher Social Media bewusst als alternativen Nachrichtenkanal nutzt. Ein Teil des Erfolgs liegt aber auch daran, dass rechte Gruppen gezielt Strategien anwenden, die für eine massenhafte Verbreitung sorgen und ethisch häufig fragwürdig sind. Gerade bei Facebook lässt sich zeigen, dass Rechte systematisch Beiträge teilen, um die Reichweite zu erhöhen, auch wenn es sich dabei nachgewiesenermaßen um Falschmeldungen handelt. Auch viele Troll-Strategien, wo Nutzer gezielt angegriffen werden, wären aus einer linken Perspektive sicherlich nicht so leicht zu begründen.
Linux-Magazin: Im Unterschied zu klassischen Medien können soziale Medien ihre Botschaften personalisieren. Das ist aber nur möglich, weil Anwender bereitwillig Informationen über sich preisgeben — aus Gleichgültigkeit, aus Unachtsamkeit, aus Bequemlichkeit, aus Eitelkeit. Lauter Einstellungen, die sich kaum verbieten und nur schwer abgewöhnen lassen. Hoffen Sie darauf, dass mündigere Nutzer einmal achtsamer mit ihren Daten umgehen? Oder muss der Staat sie vor den Folgen dessen schützen, was sie sich selbst einbrocken?
Simon Hegelich: Ich glaube, der Datenschutz, wie er normalerweise verstanden wird, ist tot. Wir wollen Services benutzen, die nur deshalb so gut funktionieren, weil wir unsere Daten preisgeben. Darüber ist es heute möglich, schon mit wenigen Datenpunkten recht gute Einschätzungen über einen Nutzer zu treffen, einfach dadurch, dass er mit anderen verglichen wird, über die man noch mehr weiß. Ich wüsste nicht, wie man heute die Daten der Nutzer noch effektiv schützen könnte. Die Aufgabe besteht darin, ihren schädlichen Gebrauch zu verhindern.
Linux-Magazin: Daten, die nicht in fremde Hände gelangen, können nicht missbraucht werden. Ist ein Regulieren der Verwendung nicht lediglich ein Kurieren der Symptome, deren Wurzel die Sammlung der Daten in den Händen von Monopolen ist?
Simon Hegelich: Ja, das ist im Prinzip richtig. Privatheit in dem Sinne, dass unsere Daten nicht in fremde Hände gelangen, wird es aber nie wieder geben. Anstatt einen Abwehrkampf zu führen, der keinen Erfolg haben wird, sollte man daher eher versuchen, diese neue Öffentlichkeit zu gestalten. Und ich denke nicht, dass das zum Schaden der Nutzer sein muss.
Linux-Magazin: Ist es überhaupt möglich, Unternehmen wie Facebook zu regulieren, wenn gleichzeitig das Geschäftsmodell “Daten gegen Dienstleistung” aufrechterhalten wird?
Simon Hegelich: Selbstverständlich lässt sich Facebook regulieren. Die wichtige Frage ist allerdings, wie die Regulierung aussehen soll. Ich bin sehr skeptisch, ob man Facebook zum Beispiel als Medienunternehmen behandeln soll. Statt dessen fände ich es wesentlich sinnvoller, zwischen Urheberschaft und Verbreitung von Nachrichten genauer zu differenzieren. Dann müsste Facebook nicht gezwungen werden, so viele Nachrichten aus dem Netz zu nehmen, aber sie müssten sich sehr gut überlegen, ob sie zur massenhaften Verbreitung aktiv beitragen wollen. Nach dem Motto: Jeder hat das Recht, zu schreiben was er will (und dann auch dafür zu haften!), aber niemand hat einen Anspruch darauf, dass Facebook jeden Unsinn massenhaft verteilt.
Linux-Magazin: Haben Sie herausgefunden, ob die Algorithmen, mit denen Facebook Nachrichten für seine User auswählt, kleine, aktivistische Gruppen bevorzugen? Wie müssten sie gestaltet sein, um zu verhindern, dass wenige einen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung haben?
Simon Hegelich: Facebook arbeitet hauptsächlich mit einer Klasse von Algorithmen, die als Deep Learning bezeichnet wird, also künstliche neuronale Netzwerke. Standardmäßig werden Daten für diese Algorithmen normalisiert, und das führt häufig genau dazu, dass die wenigen hyperaktiven Nutzer ein unverhältnismäßig starkes Gewicht bekommen. Im politischen Kontext halte ich das schon für gefährlich. Mathematisch würde man dieses Problem zum Beispiel durch eine Rangskalierung in den Griff bekommen können. Das Problem bei Deep Learning ist nur, dass bislang niemand genau sagen kann, wie sich Veränderungen dieser Art dann auf das System insgesamt auswirken.
Linux-Magazin: Die Nichtnachvollziehbarkeit von Entscheidungen der KI ist ein allgemein stark diskutiertes Problem. Stellt sich da nicht die Frage, ob man es überhaupt zulassen darf, dass Systeme einen sehr großen Einfluss auf die öffentliche Meinung ausüben, von denen man noch nicht einmal genau sagen kann, wie sich ihr Verhalten im Detail erklärt?
Simon Hegelich: Man muss da differenzieren: Einerseits kann einiges für die Nachvollziehbarkeit von Algorithmen getan werden. Die mathematischen Modelle sind nicht so kompliziert, dass man nicht auch als einfacher Nutzer einiges verstehen könnte, wenn es denn transparent gemacht würde. Gleichzeitig ist aber die Stärke insbesondere von Deep Learning, dass damit so komplexe Funktionen berechnet werden können, die das menschliche Abstraktionsniveau übersteigen. Wenn wir diesen technischen Fortschritt wollen, dann müssen wir uns dieser Hyperkomplexität auch stellen. Das eigentliche soziale Experiment ist ja auch nicht der Algorithmus, sondern die gesellschaftliche Anwendung. Wie bei jeder Technik sollten wir uns fragen, wer denn eigentlich über sie verfügt und für welche Interessen sie eingesetzt wird.
Simon Hegelich: Da gehen die Meinungen auseinander. Ich selber habe nicht wirklich dazu geforscht. Mein Eindruck ist aber, dass die These, Anonymität führe zu mehr Aggression, nicht stimmt: Die übelsten Kommentare sind häufig mit Klarnamen versehen.
Professor Simon Hegelich
Der Politikwissenschaftler Hegelich (*1976) verbindet in seiner Forschung Politikwissenschaft und Computerwissenschaft zu Political Data Science. Dabei geht es sowohl um Themen der Digitalisierung, deren politische Relevanz untersucht wird, als auch um klassische politikwissenschaftliche Fragen, die er mit Methoden wie maschinellem Lernen, Data Mining, Computer Vision oder Simulationen bearbeitet.
Hegelich hat an der Universität Münster Politikwissenschaft studiert und dort seine Promotion und Habilitation abgeschlossen. Von 2011 bis 2016 leitete er das interdisziplinäre Forschungskolleg Fokos der Uni Siegen. Seit 2016 ist Simon Hegelich Professor für Political Data Science an der Hochschule für Politik an der TU München.







