Ende Juli erschien die neue Libre-Office-Version 5.4, die letzte Major-Release vor dem großen Sprung auf Version 6. Die Entwickler haben dem Büropaket etliche Neuerungen spendiert, darunter das Signieren von Writer-Dokumenten mit Open PGP.
Alle sechs Monate veröffentlicht The Document Foundation neue Libre-Office-Versionen [1]. Die Ausgaben im »fresh«-Zweig bieten teilweise experimentelle Features. Sie richten sich an Anwender, die Lust haben, brandneue Funktionen zu testen. Für alle, die Wert auf Zuverlässigkeit legen, gibt es die als stabiler bezeichneten »still«-Ausgaben [2].
Als letzte Version in der 5.x-Serie vor dem großen Versionssprung auf 6.0, der für Anfang 2018 geplant ist, erschien Ende Juli die neue »fresh«-Variante 5.4, die mit neuen Symbolleisten, verbesserten Paletten und Filtern sowie einer Open-PGP-Unterstützung zum Signieren von Writer-Dokumenten wirbt. Die Tester schauten sich das neue Libre Office 5.4.0.3 unter Debian 9.0 (Stretch, 64 Bit) an.
Das Erscheinungsbild der Officeprogramme haben die Entwickler weiter modernisiert. Vor allem die aufgeräumtere Standard-Farbpalette fällt sofort auf (Abbildung 1). Anstelle von bunt durcheinandergewürfelten Nuancen folgt die Palette nun dem RYB-Farbmodell (Red, Yello, Blue) und ist auf 120 Töne geschrumpft. Eine neue Palette für Diagrammfarben (noch nicht übersetzt und als »chart-palettes« verfügbar) ist ebenfalls dabei.
Positiv fällt die neue Symbolleiste für Formatvorlagen auf. Wer diese lieber am oberen Rand als in der rechten Seitenleiste sieht, blendet sie über »Ansicht | Symbolleisten | Formatierungen (Formatvorlagen)« ein.
Bereits seit dem Vorgänger 5.3 bietet die Officesuite ein so genanntes Symbolband an, eine etwas unglückliche Übersetzung des englischen Wortes Ribbon. Das Band fasst die Programmfunktionen in Gruppen und nicht länger in Menüs zusammen. Das Feature ist auch in Version 5.4 noch als experimentell gekennzeichnet; Anwender aktivieren es über »Extras | Optionen« und setzen im sich öffnenden Dialog unter »LibreOffice | Erweitert« ein Häkchen bei »Experimentelle Funktionen aktivieren (kann instabil sein)«.
Nach dem Neustart des Programms erreichen Benutzer den neuen Look über das Menü »Ansicht | Registerleiste Ansicht | Symbolband«. Über »Ansicht | Symbolband« entscheiden sie dann, ob die Menüs kontextabhängig, in Registern oder vollständig gruppiert erscheinen. Neu in Version 5.4 ist, dass die Symbolbänder nun auch Themes unterstützen. Als besonders stabil erwies sich das Feature im Test nicht, und beim Ändern der Ansicht stürzte Libre Office häufiger ab.
Tauschgeschäft
ODF- und OOXML-Dateien basieren auf XML. Mit Writer gespeicherte Dokumente in diesen beiden Formaten (ODT und DOCX) sind nun deutlich kleiner als die Dateien, die proprietäre Officesuiten für identische Dokumente erzeugen. Laut Aussagen der Entwickler [3] ist dies vor allem der Tatsache geschuldet, dass Libre Office keine redundanten XML-Tags in die Dateien schreibt. Durch die Code-Optimierung fallen Writer-Dokumente im Vergleich zu denen von MS Word um bis zu 90 Prozent schlanker aus.
Wie bei jeder neuen Ausgabe verbesserten die Programmierer den Austausch mit Fremdformaten. Libre Office 5.4 enthält eine bessere Unterstützung für EMF-Vektorgrafiken (Windows Enhanced Metafile), die Benutzer mit der Software Chemdraw erstellt haben. Den Import von PDF-Dateien überarbeiteten die Entwickler ebenfalls. Die Bürosuite setzt nun auf die Bibliothek »pdfium« zum Rendern von eingefügten Bildern. Neuigkeiten gibt’s ebenfalls beim PDF-Export: Writer und Impress übernehmen eingebettete Videos (Abbildung 2).

Abbildung 2: Neues beim PDF-Export: Die Textverarbeitung Writer und das Präsentationstool Impress exportieren auch eingebettete Videos.
Das interessanteste Feature der neuen Version ist nach Meinung der Tester, dass Linux-Anwender ihre Writer-Dokumente nun mit ihren Open-PGP-Schlüsseln signieren können, was die Authentizität der Dateien unabhängig vom Speicherort oder vom Übertragungsweg garantiert. Die Entwickler setzen dazu auf das Gnu-PG-API GPGME [4].
Um eine ODF-Datei zu signieren, rufen Benutzer »Datei | Digitale Signaturen« auf, klicken auf »Dokument signieren« und wählen im sich öffnenden Dialog den eigenen Open-PGP-Schlüssel aus; Writer verschickt den öffentlichen Schlüssel zusammen mit dem Dokument.
Kein Bluff
Erreicht ein auf diese Weise signiertes Dokument einen Empfänger, der Libre Office in einer älteren Version oder auf einem anderen Betriebssystem als Linux einsetzt, erscheint ein Dialogfenster mit dem Hinweis, dass die signierten Inhalte nicht mit der aktuellen Dokumentsignatur übereinstimmen. Nach einem Klick auf »OK« öffnet Writer die Datei klaglos – aber ohne Signatur.
Linuxer, die ebenfalls das neue Libre Office verwenden, sehen zwischen Symbolleisten und dem Dokument einen farbigen Balken sowie einen Hinweis, der Rückschlüsse auf die Signatur erlaubt. Wie bei X.509-Zertifikaten gibt es drei Möglichkeiten: Es ist gültig, ungültig oder nicht verifiziert – in diesem Fall heißt das, der Nutzer hat dem Schlüssel noch kein Vertrauen ausgesprochen.
Ein Klick auf »Signaturen anzeigen« öffnet ein Dialogfenster, das nicht nur die Signaturen einblendet (Abbildung 3), sondern auch den Zertifikat-Manager startet. Derzeit arbeitet Libre Office mit Kleopatra, KGPG und GPA zusammen. Die Kooperation mit dem Gnome-Schlüsselverwalter Seahorse funktionierte in Version 5.4.0 noch nicht; der Bug soll in 5.4.2 behoben sein. Alternativ nutzen Anwender »gpg« auf der Kommandozeile, um einem Schlüssel das Vertrauen auszusprechen.

Abbildung 3: Linux-Anwender können ihre Writer-Dokumente jetzt mit dem eigenen Open-PGP-Schlüssel signieren. Libre Office zeigt den Status in einem farbigen Balken an; der hellblaue Hintergrund im Bild weist auf eine gültige Signatur hin.
Auch sonst hat sich allerhand getan. Writer fügt jetzt benutzerdefinierte Wasserzeichen ein und erweitert die Kontextmenüs der rechten Maustaste um die Einträge »Bereich bearbeiten« respektive »Fuß-/Endnoten«, je nachdem, wo sich der Mauszeiger befindet. Calc spendierten die Entwickler ebenfalls erweiterte Dialoge und eine verbesserte Kommentarfunktion. Außerdem stellt die Tabellenkalkulation nun negative Jahreszahlen dar; die Vorgängerversion konnte zwar bisher damit rechnen, diese aber nicht anzeigen.
Impress kennt ein neues Tastaturkürzel zum schnellen Einfügen von Folien, Math erhält zusätzliche Befehle für das Kontextmenü, und in Basic verbesserten die Entwickler einige Funktionen; sie ordneten zudem die Menüstrukturen neu. Die Online-Ausgabe der Officesuite wartet auf mobilen Geräten nun mit einem responsiven Design auf. Außerdem enthält sie einen schreibgeschützten Modus für die Dokumente.
In den Startlöchern
Die neue Version zeigte sich weitgehend stabil. Abstürze erlebten die Tester lediglich nach dem Aktivieren der experimentellen Features mit dem Symbolband. Beim Wechseln zwischen den Ansichtsmodi verabschiedete sich Libre Office 5.4 reproduzierbar. Wer auf das Ribbon-Konzept verzichten kann, erhält eine starke Officesuite, deren neue Features und Funktionen überzeugen.
Vor allem das Teamwork mit Gnu PG ist gut gelungen. Für die kommende Version 6.0 arbeiten die Entwickler daran, weitere Plattformen zu integrieren, allen voran Windows. Darüber hinaus soll es möglich sein, Dokumente mit Gnu PG zu verschlüsseln.
Infos
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Libre Office: http://de.libreoffice.org
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Libre Office, »fresh« und »still«: http://www.libreoffice.org/download/release-notes
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Hintergründe zu den Dateigrößen: https://nextcloud.documentfoundation.org/s/5Oe8guDN0XSS7h8
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GPGME: https://wiki.gnupg.org/APIs






