Ende 2001 wollte fast niemand mehr in die defizitäre Suse AG investieren. Für Rafael Laguna, der damals für einen Wagniskapitalgeber arbeitete, überwogen dagegen die Chancen der Linux-Firma. Nach dem Einstieg von Novell verließ er Suse und startete mit Groupware eine eigene Linux-Karriere.
Im Jahr 1995 hatte ich mein Software-Unternehmen Micado an die kalifornische Firma PMSC verkauft und wurde Teil eines börsennotierten amerikanischen Großkonzerns. Nach fünf Jahren dort – mit viel “Schnipp und Schnapp” – fand ich, es sei Zeit für Neues.
Glück und Zufall führten mich zum neu gegründeten Münchner Wagniskapitalgeber Ad Astra, den die Hypovereinsbank im Juli 2000 zusammen mit 100 Millionen Euro auflegte, um in vielversprechende Internet- und Software-Unternehmen zu investieren. Allerdings gerieten die Finanzmärkte exakt zu jener Zeit in Panik. Nach einer grandiosen Kursrally platzte die Blase, und spätestens mit 9/11 stürzten die Kurse der Technologiefirmen ins Bodenlose (Abbildung 1). Eigentlich eine gute Zeit, um zu investieren, doch besaß kaum jemand die Nerven dafür.
In der aufgeheizten Situation im Herbst 2001 kamen wir in Kontakt mit der Nürnberger Suse Linux AG. Rasch war klar, dass die Firma viel zu schnell gewachsen war und jeden Monat weit mehr für Personal und Büros auf der ganzen Welt ausgab, als sie einnahm. Die Suse-Gründer hatten in den letzten Jahren begonnen neue Märkte zu besetzen, bevor Konkurrent Red Hat dort auftaucht.
Die Suse-Führung hatte darauf vertraut, jederzeit das Geld von neuen Venture-Capital-Gebern zu bekommen, das gerade nötig war. Diese Hoffnung war im Internethype der späten 90er Jahre durchaus berechtigt, denn bis zum Sommer 2000 überhäuften Venture-Capital-Geber selbst das verwegenste Internet- und E-Commerce-Startup mit Geld.
Finanzspritze für eine Perle
Bei Ad Astra waren wir uns sehr schnell einig, dass Suse eine echte Perle war: Das Unternehmen hatte ein praxiserprobtes Produkt, Hunderttausende loyaler Privatanwender und war dabei, mit dem Suse Linux Enterprise Server in den Unternehmen Fuß zu fassen.
Suse hatte in unseren Augen das Potenzial, nach der SAP und der Software AG das dritte erfolgreiche Software-Unternehmen “Made in Germany” zu werden. Also investierte Ad Astra ab 2002 gemeinsam mit zwei anderen Kapitalgebern einen hohen zweistelligen Millionen-Betrag, um das Unternehmen vor der Insolvenz zu retten und dessen Geschäft auf solide Beine zu stellen.
Zusammen mit der ersten von Ad Astra mitgetragenen Finanzspritze kam ich im Frühjahr 2002 selbst zu Suse und übernahm als Interimsmanager die Verantwortung für Marketing und Produktmanagement. Neben dem Aufbau der Technologie-Partnerschaften – unter anderem mit IBM, Intel und Fujitsu – samt Produktzertifizierung half ich dabei, das Produktangebot einerseits zu bereinigen und anderseits auszubauen. Ich war überzeugt, dass Suse mit Software-Appliances weitere Unternehmenskunden gewinnen könnte.
Der Idee folgend kombinierten wir Suse Linux Enterprise mit einer E-Mail- und Groupware-Middleware samt Web-UI und nannten es Suse Linux Openexchange Server. Die Groupware hatte eine Firma aus Olpe namens Netline entwickelt. Unser Plan ging auf: Die Microsoft-Exchange-Alternative verkaufte sich übers Partnernetzwerk von Suse hervorragend.
Novell entert das Steuer
Anfang 2003 hatte das Suse-Schiff den größten Sturm überstanden. Die Schadensanalyse zeigte jedoch: Nach der Halbierung des Teams mit Fokussierung auf die Kernkompetenzen Entwicklung und Support fehlte jetzt vor allem international ein funktionierender Vertriebskanal. Und eine Steigerung des Umsatzes war dringend notwendig, da das Unternehmen nach wie vor defizitär war.
Daher entschied sich das Suse-Management dafür, nach einem Partner Ausschau zu halten, der diese Lücke schließen könnte. Schon nach wenigen Gesprächen zeigten sich mehrere Unternehmen aus den USA sehr an einer Zusammenarbeit interessiert. Daraus entwickelte sich eine Art Bieterwettstreit.
Letztlich erhielt Novell den Zuschlag, und im November 2003 unterzeichnete Novell-CEO Jack Messman den Kaufvertrag für die Suse Linux AG. Das war der erste erfolgreiche und 210 Millionen Dollar schwere Technologie-Deal nach der Dotcom-Blase. Durch Suse gewann Messman eine Perspektive für seine Kunden, die bislang mit dem technisch veralteten Netware arbeiteten (Abbildung 2).
Mit dem Suse Linux Openexchange Server legte er sich zudem eine (zweite) Groupware ins Portfolio. Bald jedoch musste ich erkennen, dass das eingesessene Novell-Team Groupwise favorisierte und nicht daran dachte, Suse Linux Openexchange aktiv zu verkaufen. Und da Novell-CEO Messman dies intern nicht verhindern wollte oder konnte, war abzusehen, dass mit dem Openexchange Server früher oder später Schluss sein würde.
Die Flucht nach vorn
Mit der Übernahme durch Novell endete mein Mandat bei Suse. Ich musste von außen mit ansehen, wie Novell seine Chancen im Groupware-Markt verschlief! Deshalb gründeten Frank Hoberg und Martin Kauss, Gründer und Geschäftsführer der Netline GmbH, und ich 2005 die Open-Xchange (erst Inc., dann AG). Nach seinem Abgang bei Novell Mitte 2005 kam als Investor Richard Seibt dazu, der ab 2003 Suse-CEO, dann Novell-EMEA-Chef war und heute Aufsichtsratsvorsitzender der Open-Xchange AG ist.
Zunächst führten wir das Geschäft mit den Unternehmenskunden fort und boten Open-Xchange Server 5 neben Suse Linux bald auch für Red Hat und Debian an. Anfang 2006 erhielten wir eine Art Anschubfinanzierung in Form eines Auftrags von 1&1 Internet aus Karlsruhe – wir sollten unserer Produkt zur E-Mail- und Collaboration-Lösung für die Hostingkunden weiterentwickeln. Heute nutzen mehr als 220 Millionen Kunden bei mehr als 100 Hostern und TK-Anbietern Open-Xchange, meist unter anderen Labels wie 1&1 Mail, Strato Mail Business, Comcast Xfinity oder Mailbox.org.
Neben einigen “Susejanern” stieß 2012 ein guter Teil des Core-Teams der Open-Office-Entwicklung aus Hamburg zu uns, der inzwischen die Office-Suite in unseren Webdesktop integriert hat. 2015 kamen Dovecot und Power DNS zur Open-Xchange-Familie, die heute rund 250 Mitarbeiter groß ist und profitabel.
Kommen, bleiben, gehen
Was hat mich meine Zeit gemeinsam mit Suse gelehrt? Erstens: Auch wenn sich alle Türen verschließen und es scheinbar nicht weitergeht – wer für eine Idee brennt und fähige Leute an seiner Seite weiß, sollte durchhalten und neue Wege gehen. Zweitens: Mit Open Source die Welt zu verbessern und zugleich Geld verdienen, das kann klappen.








