Am 11. September 2001 konnte die damalige Suse-Belegschaft ihre Aufmerksamkeit nicht ausschließlich nach New York richten. Denn auch in Nürnberg nahm der Tag einen schicksalhaften Verlauf, wie hier einer berichtet, der dabei gewesen ist.
Mit steigendem Lebensalter schiebt man manche Episode ins falsche Jahr – vielleicht ein Schutz des Gehirns vor Überanstrengung. Was aber jeder noch genau weiß, ist, wo er oder sie an Tagen war, an denen historische Zäsuren stattfanden – als John F. Kennedy ermordet wurde, als die Bombe in Hiroschima fiel, Neil Armstrong den Mond betrat oder die Berliner Mauer sich öffnete.
Das jüngste Ereignis dieses Kalibers war für mich der 11. September 2001 mit seinen ikonografischen Fernsehbildern und der allgemeinen Fassungslosigkeit. Zu jener Zeit war ich Angestellter bei Suse in Nürnberg und im Großen und Ganzen recht zufrieden mit meiner Situation. Während die zwei Flugzeuge in die Türme des World Trade Center in New York rasten, waren meine Kollegen und ich auf einer Mitarbeiterversammlung – und auch die sollte in unserem Leben einen gravierenden Wendepunkt bringen.
Die Vorgeschichte
Suse Linux verkaufte sich ab 1994 prächtig. Bis zu hunderttausend Pakete lieferten wir erst zwei-, später dreimal pro Jahr an unsere technikaffinen Privatkunden aus (Abbildung 1). Mit den Jahren etablierte sich Linux zudem als Server-Betriebssystem in Unternehmen. Darin lag eine neue Chance: Mittelständische und große Firmen, so die Überlegung unserer Gründer, würden nach Linux-Experten suchen, die ihre unternehmenskritischen Linux-Systeme konfigurieren und supporten.

Abbildung 1: Ab Ende Januar 2001 gab es die erste Suse-Box zu kaufen, in der statt Disketten DVDs steckten.
Für ein solches Servicegeschäft brauchte Suse Büros, Hardware, Mitarbeiter, Training und viel Zeit. Für die mittlerweile gegründete Suse Linux AG war es jedoch leicht, über Kapitalerhöhungen das alles zu finanzieren. Um den deutschen Linux-Erfolg im Ausland zu wiederholen, gründete Suse zudem Filialen in vielen Ländern – in den USA, England, Italien, der Tschechischen Republik und Südkorea etwa. Schließlich galt es, neue Märkte mit Suse Linux zu besiedeln, bevor dies der Rivale Red Hat tun würde.
Auf diese Weise wuchs die Zahl der Angestellten von etwa 30 Anfang 1998 auf mehr als 600 Mitte des Jahres 2001. Dass die Vorfinanzierung des Geschäftsauf- und -ausbaus ein Leben auf Pump war, war allen Beteiligten bewusst und auch “kein Problem”. Denn der reich sprudelnde Fluss aus Venture Capital drängte sich in jede Senke, die nach vielversprechender Anlage aussah.
Wagnis ohne Kapital
Im März 2000 aber platzte die Dot.com-Blase, die Börsenkurse knickten scharf ab und die Wagniskapitalgeber stoppten ihre Investitionen jäh. Auch für die Suse Linux AG versiegte der Strom an frischem Geld, und mit einer Unterdeckung von bis zu zwei Millionen Euro pro Monat (!) steuerte die Gesellschaft mit hohem Tempo auf die Insolvenz zu.
Nach meiner Ansicht bleibt es das Verdienst der Führung um Suse-Mitgründer Roland Dyroff, in dieser prekären Situation 15 Millionen Euro vom Münchner Wagniskapitalgeber E-Millennium und anderen für eine erneute Kapitalerhöhung einzusammeln und so das Überleben der Firma zu sichern. Wenig überraschend forderten die Geldgeber im Gegenzug für ihre Unterschrift jedoch, defizitäre Unternehmensteile alsbald zu schließen, um den laufenden Fehlbetrag zu reduzieren.
Nine Eleven
Was die Suse-Chefs und die neuen Anteilseigner verabredet hatten, bekamen meine rund 200 Kolleginnen und Kollegen und ich am Nachmittag des 11. September im vierten Stock des Suse-Hauptsitzes in der Nürnberger Deutschherrnstraße berichtet. Als nach Präsentation der Einnahmen und Ausgaben zwei Unternehmensberater das Wort ergriffen, die “Einsparpotenziale ermitteln” und “Prozesse optimieren” sollten und wollten, war jedem im Raum klar, dass wir in der damals noch jungen Suse-Geschichte an einem harten Wendepunkt standen. Und während bruchstückhaft Meldungen zu den Flugzeugen in den USA im Saal die Runde machten, brach die Erkenntnis durch, dass das Unternehmen Suse zwar gerettet sei, zahlreiche Mitarbeiter in den kommenden Tagen aber ihre Kündigung überreicht bekämen.
Kurz darauf schlossen die Büros für Professional Services unter anderem in München, Stuttgart, Frankfurt und St. Augustin bei Bonn, die Zahl der Mitarbeiter im Ausland schrumpfte teils dramatisch, manche Dependance verschwand ganz. Zum Jahresende 2001 zählte Suse noch etwa 380 Köpfe. Nach dieser Radikalkur war der “fränkische Patient” zwar noch nicht genesen, durfte aber die Intensivstation auf wackligen Beinen verlassen.
Nach der Versammlung gegen 18 Uhr holte mich meine Frau ab. Bis in die Nacht saßen wir vor dem Fernseher, gebannt von den Bildern und unsicher, wie die USA wohl reagieren. Bekanntlich ging das Leben für uns alle weiter – und trotzdem: Meine Welt hat dieser Tag verändert.






