Aus Linux-Magazin 09/2005

Notensatz unter Linux - eine Übersicht

Noten schreiben ist eine aufwändige Kunst, Computerhilfe also jederzeit willkommen. Auch unter Linux ist dafür spezielle Software verfügbar, die ansehnliche Resultate produziert. Dieser Beitrag vergleicht die populärsten Satzprogramme.

»r8 g\’ g g | es2fermata«. So klopft das Schicksal an die Pforte: »r8 f f f | d2 ~| dfermata«. Jedenfalls würde Lilypond [1] das berühmte Motiv [2] aus Beethovens Fünfter, der Schicksalssinfonie, so umschreiben, in einen Ascii-Slang für musizierende Rechenknechte.

Computer können nicht Noten lesen, also muss man ihnen die Flötentöne anders beibringen. Wo es um die Steuerung von computerisierten Tonerzeugern geht, hat sich dafür Midi etabliert [3]. Das ist jedoch als Binärformat von Hand kaum editierbar und daher dort ungeeignet, wo Menschen Musik maschinenlesbar niederschreiben wollen. Notensatzprogramme bieten einen Ausweg: Zwar importieren sie in der Regel auch Midi-Dateien, die man mit einem Instrument einspielen kann. Daneben verfügen sie aber entweder über grafische Editoren oder lesen spezielle Eingabefiles, die die gewünschte Partitur beschreiben.

Besonders die textbasierte Fraktion ist unter Linux mit leistungsfähigen Maschinensetzern am Start. Wer bei ihnen die letzten Hits der Garagenband, die Partitur für den Kirchenchor oder das Liederbuch fürs Lagerfeuer in Auftrag geben möchte, muss jedoch mit einer gewissen Einarbeitungsphase rechnen.

Abbildung 1a: Hier hat der menschliche Setzer die Bindebögen spiegelbildlich angeordnet, damit sie sich nicht überschneiden. Die Hälse der Noten für die linke Hand zeigen bevorzugt nach unten.

Abbildung 1a: Hier hat der menschliche Setzer die Bindebögen spiegelbildlich angeordnet, damit sie sich nicht überschneiden. Die Hälse der Noten für die linke Hand zeigen bevorzugt nach unten.

Abbildung 1b: Die zwei Takte aus einem Ragtime während der Eingabe in Noteedit: Die Darstellung der einzelnen Stimmen ist etwas unübersichtlich.

Abbildung 1b: Die zwei Takte aus einem Ragtime während der Eingabe in Noteedit: Die Darstellung der einzelnen Stimmen ist etwas unübersichtlich.

Abbildung 1c: Dieselben Takte, jetzt gerendert mit Abcm2ps. Das Ergebnis sieht manierlich aus, kleines Defizit im Vergleich zum Handsatz aus der Vor-Computer-Ära: Bindebögen überscheiden sich.

Abbildung 1c: Dieselben Takte, jetzt gerendert mit Abcm2ps. Das Ergebnis sieht manierlich aus, kleines Defizit im Vergleich zum Handsatz aus der Vor-Computer-Ära: Bindebögen überscheiden sich.

Sprachprobleme

Die Schriftsprache der Musik ist nun mal ziemlich komplex, was zwangsläufig zu einer größeren Menge an Schlüsselwörtern und Syntaxelementen für den Ascii-Tonsatz führt. Außerdem gibt es zwar Regeln für das Partiturlayout, aber auch ebenso viele Ausnahmen. Ein gutes Satzprogramm muss es dem Anwender daher erlauben, an einer Stelle Fähnchen zu setzen, wo es sonst automatisch Balken verwendet, oder dort die Notenhälse entgegengesetzt auszurichten. Solche Justagemöglichkeiten vergrößern den Sprachumfang ebenfalls merklich.

Musiker hierzulande kämpfen noch mit einer kleinen Zusatzschwierigkeit: Die Dokumentation der Programme ist fast durchweg englisch – und wie sagt man da gleich noch mal zum Auflösungszeichen? Das Linux-Magazin hilft mit einem kleinen Glossar (siehe Tabelle 1).

Das Grundprinzip der Tonsatzsprachen ist immer dasselbe: Die Noten werden beim Namen genannt, Apostrophe, Kommas oder ähnliche Zeichen markieren die gewünschte Oktave. Ziffern drücken die Dauer aus. Man muss sie aber nicht ständig notieren, weil sonst entweder ein Defaultwert gilt oder der Wert der vorangegangenen Note übernommen wird. Klammern zeigen Akkorde an, verschiedene Stimmen schreibt man in der Regel nacheinander auf und gruppiert sie bei Bedarf mit Hilfe besonderer Anweisungen. Was darüber hinausgeht, ist stark sprachabhängig.

Mup

Mup (Music Publisher) von Arkkra Enterprises [4] behauptet sich als Shareware für etwa 30 Dollar seit mehr als zehn Jahren neben der ansonsten freien Konkurrenz. Bei der Eingabe verlässt es sich ausschließlich auf seine eigene Beschreibungssprache, bei der Ausgabe produziert es Postscript-Dateien oder Midi-Files. Bis zu 40 Notensysteme pro Partitur und maximal 70 gleichzeitig erklingende Stimmen sollten für die meisten Einsatzfälle reichen.

Das Satzergebnis ist sehr ansehnlich, die Eingabesyntax mächtig, aber noch gut verständlich. Kleine Wermutstropfen sind vielleicht die mangelnde Unterstützung für ein neutrales Austauschformat wie Music XML [14] und das Fehlen eines grafischen Frontends.

ABC Plus

ABC [5], das etwa zeitgleich mit Mup Anfang der 90er Jahre entstand, verdankt seine große Fangemeinde sicherlich der besonders schnell erlernbaren Eingabesprache. Allerdings deckt sie nicht alle Features ab, die etwa Mup oder Lilypond für sich verbuchen können. Das ursprüngliche Format konnte außerdem nur eine Stimme pro Notensystem darstellen, was polyphone Musik ausschloss.

Das erweiterte Format ABC Plus [6] hebt diese Beschränkung auf. Nun kann ABC auch jede Art mehrstimmige Instrumentalmusik setzen. Allerdings ist hin und wieder ein wenig Überlegung nötig, um die Musik so auf verschiedene Stimmen zu verteilen, dass sich das gewünschte Notenbild ergibt. Der Renderer hat selbstverständlich keine Vorstellung von musikalischen Zusammenhängen und kann unter gleichwertigen Darstellungsmöglichkeiten nur anhand von Regeln wählen, die aber nicht in jedem Fall zum optimalen Ergebnis führen.

ABC hat sich besonders in der Folkmusik-Szene als Quasi-Standard etabliert. Es kursieren zahlreiche Tunes in diesem Format im Internet und es gibt Konverter für die proprietären Formate kommerzieller Musiksoftware (zum Beispiel Band in a Box) nach ABC.

Abbildung 2: Einfache Lieder - auch mit synchronisiertem Text, Akkordbezeichnungen und Griffdiagrammen für die Gitarre - erledigen die meisten Kandidaten mit links.

Abbildung 2: Einfache Lieder – auch mit synchronisiertem Text, Akkordbezeichnungen und Griffdiagrammen für die Gitarre – erledigen die meisten Kandidaten mit links.

Abbildung 3: Selbst vielstimmige Partituren mit verschieden gruppierten Notensystemen - hier ein Ausschnitt aus Bachs Reformationskantate Nr. 80 "Ein feste Burg", gesetzt mit Abcm2ps - sind kein großes Problem.

Abbildung 3: Selbst vielstimmige Partituren mit verschieden gruppierten Notensystemen – hier ein Ausschnitt aus Bachs Reformationskantate Nr. 80 “Ein feste Burg”, gesetzt mit Abcm2ps – sind kein großes Problem.

Tabelle 1:
Musiker-Englisch

 

Deutsch

Englisch

1-Linien-System

rhythmic staff

Akzent, Betonungszeichen

accent

Artikulationszeichen

expressive marks

Auflösungszeichen

natural sign

Auftakt

pickup measure, upbeat

Automatische Verbalkung

automatic beaming

Bass-Schlüssel

bass clef

Fermate

fermata

Fingersatz

fingering (instructions)

Noten-Hälse/-Fähnchen/-Balken

stems/flags/beams

Haltebogen

tie

Liedtexte

lyrics

Nicht notierte Pausen

skips

Noten

notes

Notenschlüssel

clef

Notensystem

staff (pl. staves)

Partitur

score

Pedal-Zeichen

piano pedal marks

Phrasierungsbogen

slur

Schlagzeug-Schlüssel

drum clef

Tabulatur

tablature

Takt

measure, bar

Taktart

time signature

Taktwiederholungen (Faulenzer)

measure repeats

Tonart/Vorzeichnung

key (signature)

Tremolos

tremolo repeats

Triller

trill (mordent, prall …)

Triolen

triplets

Endungen

alternative endings (volta)

Verzierungen

ornaments

Violinschlüssel

treble clef

Vorschlag

grace note

Vorzeichen

accidental

Wiederholungen

repeats

Lilypond

Lilypond ist sicherlich das Format mit den meisten Gestaltungsmöglichkeiten, der größten Flexibilität und längsten Featureliste, aber auch mit der komplexesten Eingabesprache. Ursprünglich als eine Art Präprozessor für das Satzsystem Tex entwickelt – in dessen Umfeld übrigens weitere Programme für das Musiksetzen entstanden, etwa Musix-Tex [16] -, kann es heute direkt Postscript- oder PDF-Dateien erzeugen.

Verschiedene mehr oder weniger ausgefallene Möglichkeiten, beispielsweise die Generalbassnotation für Barockmusik, sind nur bei Lilypond zu finden. Auch für Lilypond-Dateien existieren Internetarchive, zum Beispiel das Mutopia-Projekt [15]. Für Lilypond gibt es mit Denemo [9] eine Art Wysiwyg-Editor. Außerdem produziert auch Noteedit auf Wunsch Lilypond-Files.

Noteedit

Eine Sonderstellung nimmt das Qt-Programm Noteedit [8] ein: Es versteht sich als grafisches Frontend für seine textbasierten Kollegen und erzeugt nach Noteneingabe mit der Maus Dateien für die Weiterverarbeitung mit ABC oder Lilypond beziehungsweise zur Speicherung in Music XML oder den Tex-Formaten Musix-Tex und PMX.

Noteedit erleichtert dem Gelegenheitsbenutzer die Noteneingabe signifikant, auch wenn es nicht alle Möglichkeiten der Zielsprachen abdeckt. Zudem sieht mehrstimmige Musik im Editor gelegentlich etwas wirr aus, das gerenderte Endergebnis lässt aber nichts zu wünschen übrig (siehe Abbildungen 1a bis 1c). Noteedit bietet durch die Integration der Sequenzer-Engine TSE3 außerdem eine Möglichkeit zum Kontrollhören, was oft Fehler offenbart, die man vielleicht überlesen hätte.

Rosegarden und KGuitar

Rosegarden [10] bietet einen vollständig grafischen Editor, der allerdings im Leistungsvermögen nicht mit den eben besprochenen Setzern mithalten kann. Beispielsweise kann er in einem Notensystem zwar Intervalle und Akkorde, aber keine rhythmisch unabhängigen Stimmen darstellen. Das Programm mit dem schönsten Splashscreen versteht sich auch ausdrücklich nicht als Satzsystem, sondern als Sequenzer, der mit dem Editor lediglich eine zusätzliche Präsentations- und Eingabemöglichkeit bietet. Ebenfalls noch kein vollständiges Satzsystem ist der Editor eines weiteren Sequenzers: Musescore [11], die Ergänzung zum virtuellen Studio Muse [12], offenbarte im Test Fontprobleme.

Schließlich verdient noch KGuitar [13] eine Erwähnung als Spezialsoftware für Gitarristen, die Partituren mit Noten und Tabulaturdarstellung ermöglicht, eine umfangreiche Bibliothek an Akkorddiagrammen zur Verfügung stellt und allerhand weitere instrumentenspezifische Extras in petto hat.

Fazit

An die Highend-Notationssoftware anderer Plattformen (etwa Finale oder Sibelius), die grafisch bedienbar sind, hunderte Symbole kennen und bei denen der Anwender jedes Satzdetail editieren kann, reicht zurzeit keine Linux-Software ganz heran. Trotzdem erzielen die Linux-Satzsysteme achtbare und für viele Zwecke vollkommen ausreichende Ergebnisse. Dabei liegen die Versionen mit Eingabesprache im Leistungsumfang nah beieinander. Die Unterschiede betreffen seltenere Features.

Wer sich aber etwa mit alter Musik beschäftigt, für den wird den Ausschlag geben, dass er nur in Lilypond Unterstützung für die Mensuralnotation findet. Einen weiteren Pluspunkt sammelt die Software, wenn ähnlich wie beim Formelsatz direkt Takte in Text einzubetten sind. Das kommt etwa in musikwissenschaftlicher Literatur oder in Lehrbüchern vor. Lilypond bietet sicherlich auch die meisten Optionen für das Feintuning, allerdings um den Preis der komplexesten Eingabesprache.

Auch Mup ist ein sehr mächtiges Programm, das mit überschaubarem Aufwand zu vozeigbaren Ergebnissen führt. Mit Blick auf die Bedienbarkeit behauptet dagegen ABC den Spitzenplatz. Ihm steht wie Lilypond der grafische Editor Noteedit zur Seite, der Anfängern die Arbeit erleichtert. Die grafischen Editoren unter Linux bleiben hinter ihren textbasierten Kollegen zurück.

Tabelle 1:
Featurevergleich


Infos

[1] Lilypond: [http://www.lilypond.org]

[2] Schicksalsmotiv zum Anhören: [http://www.aeiou.at/bt5101.htm]

[3] Midi-Grundlagen: [http://music.northwestern.edu/links/projects/midi/expmidiindex.html]

[4] Mup: [http://www.arkkra.com]

[5] ABC: [http://abc.sourceforge.net]

[6] ABC Plus: [http://abcplus.sourceforge.net]

[7] Skink – ein ABC-Editor: [http://celticmusic.ca/skink.html]

[8] Noteedit: [http://developer.berlios.de/projects/noteedit]

[9] Denemo: [http://denemo.sourceforge.net]

[10] Rosegarden: [http://www.rosegardenmusic.com]

[11] Musescore, Notensatz zu Muse: [http://mscore.sourceforge.net]

[12] Muse: [http://muse.serverkommune.de]

[13] KGuitar – Notensatz für Gitarristen: [http://kguitar.sourceforge.net]

[14] Music XML: [http://www.musicxml.org]

[15] Mutopia-Projekt: [http://www.mutopiaproject.org]

[16] Musix-Tex: [http://icking-music-archive.org/software/indexmt6.html]

[17] M. Breitenbach, “Notensatz mit Musix-Tex”: Linux-Magazin 06/1996: [https://www.linux-magazin.de/Artikel/ausgabe/1996/06/MusiXTeX/MusiXTeX.html]

[18] Christoph Dalitz, “Blues in B-Dur, Notensatzprogramme für Linux”: Linux-Magazin 07/1999: [https://www.linux-magazin.de/Artikel/ausgabe/1999/07/Notensatz/notensatz.html]

LINUX-MAGAZIN KAUFEN
EINZELNE AUSGABE Print-Ausgaben Digitale Ausgaben
ABONNEMENTS Print-Abos Digitales Abo
TABLET & SMARTPHONE APPS Readly Logo
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:
0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben