Aus Linux-Magazin 02/2008

50 Jahre Lisp

Abbildung 1: Lisp-Anhänger widmen der Sprache ihrer Wahl liebevoll gestaltete Maskottchen. (Bild: © Conrad Barski, lisperati.com)

Informationstechnologie und Programmierung haben bereits ihre eigene Historie. Die Geschichtsschreibung kennt die Neuentdeckung und Wiederbelebung des Alten: Wird das derzeit vorherrschende Motiv Web 2.0 bald von einer altsprachlichen Renaissance abgelöst?

Inhalt

110 | Gesichtserkennung

Techniken der Gesichtserkennung, geeignete SDKs und ein
Programmbeispiel.

114 | Rubyrails mit Java

Dank JRuby kommen nun auch Ruby-on-Rails-Anwendungen in den Genuss
einiger Vorteile der Java-Plattform.

118 | Perl-Snapshot

Mit ein paar Perl-Modulen erzeugt Michael Schilli eine dynamische
Anzeige des Netzwerkstatus.

Die Welt des Programmierens kennt wie jede Branche wechselnde Trends. Was vor Jahren erst Java war, wurde neben Mono dann bald Ruby – vor allem in der Verbindung mit dem Framework Rails: vielversprechende Technologie der jeweils neuesten Prägung. Vor Kurzem hat die Firma Oracle einen neuen Spross dieser Ahnenfolge zu Enterprise-Ehren kommen lassen. Oracle Mix, die Community-Website des Datenbank-Konzerns, ist die bisher größte Anwendung, die auf JRuby, einen in Java implementierten Ruby-Interpreter baut. Ramon Wartalas Artikel in diesem Linux-Magazin stellt JRuby on Rails vor.

Trendsetter und Traditionalisten

Andere, eher betagte Sprachen haben unbeeindruckt von aktuellen Trends weiterhin ihre angestammten Einsatzgebiete und treuen Anhänger: Der Linux-Kernel ist nach wie vor größtenteils in C geschrieben, Michael Schilli programmiert unbeirrt in Perl und gewinnt der Sprache seiner Wahl auch in dieser Ausgabe wieder neue Seiten ab.

Ja, es soll sogar ein Häuflein von Computerbenutzern geben, die einem regelrechten Fossil unter den Programmiersprachen anhängen: Vor 50 Jahren machte sich John McCarthy, damals Assistenz-Professor am MIT, mit seinen Kollegen an die Umsetzung der Sprache Lisp, deren theoretische Grundlage er zuvor gelegt hatte [1].

Die nach Fortran zweitälteste Programmiersprache gilt vielen immer noch als zeitlos modern, denn sie führte Konzepte ein, von denen die Softwarebranche noch immer zehrt: Garbage-Collection, Rekursion und die Behandlung von Funktionen als Datentyp. Lisp-Jünger wie der Unternehmer Paul Graham betrachten gar neue Programmiersprachen, die diese Merkmale aufweisen, als (unvollkommene) Dialekte von Lisp.

    Abbildung 1: Lisp-Anhänger widmen der Sprache ihrer Wahl liebevoll gestaltete Maskottchen.    (Bild: © Conrad Barski, lisperati.com)

Abbildung 1: Lisp-Anhänger widmen der Sprache ihrer Wahl liebevoll gestaltete Maskottchen. (Bild: © Conrad Barski, lisperati.com)

Liebe zur Sprache

Eine weltfremde Clique, die der Erfindung eines mittlerweile emeritierten bärtigen MIT-Professors mit Brille anhängt? Im Mainstream des IT-Geschäfts ist Lisp jedenfalls nicht sichtbar, auch wenn Graham das enorme Potenzial der Sprache für flinke Startups beteuert. Lisp scheint eher in Newsgroups wie [comp.lang.lisp] zu florieren und hübsche Blüten wie das ungewöhnliche Webframework Uncommon Web [2] zu treiben.

Doch ausgerechnet eines der derzeit gefeierten JRuby-Wunderkinder, der 25-jährige Entwickler Ola Bini, der bei Oracles Mix-Applikation mit angepackt hat, schickt sich an, Lisp beherzt in die Gegenwart zu katapultieren. In seinem Blog [3] bekennt er: Ruby, mit dem er seinen Lebensunterhalt verdient, habe er “echt gern”, Lisp aber sei “die Liebe seines Lebens”. So denkt er im Web öffentlich darüber nach, wie er den heiligen Gral der Lisp-Jünger in die Ruby-Welt bringen kann: das Makro – ein Stück Programm, das Programme schreibt. Er reflektiert darüber, wie das zu schaffen ist, ob er lieber Ruby in Common Lisp implementiert oder genau andersrum.

Auf Googles Entwickler-Website hat er nun das Projekt Rubiq eröffnet, eine “Lisp-Schicht auf Ruby, die unter JRuby läuft” [4]. Andere haben so ein Gebilde auch schon “Risp” genannt. Ja, sogar der Ruby-Erfinder Yukihiro “Matz” Matsumoto soll seine Schöpfung anfangs als “Matzlisp” bezeichnet haben. Steht nun eine Lisp-Renaissance vor der Tür? Nicht unbedingt, wahrscheinlich ist es nur die nächste Mode, die da klopft.

Infos

[1] Lisp-Geschichte: [http://www-formal.stanford.edu/jmc/history/lisp/lisp.html]

[2] Uncommon Web: [http://common-lisp.net/project/ucw/]

[3] Ola Binis Blog: [http://ola-bini.blogspot.com]

[4] Rubiq: [http://code.google.com/p/rubiq/]

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