Aus Linux-Magazin 01/2006

Die monatliche GNU-Kolumne

Die Kolumne berichtet aus der Perspektive von GNU-Projekt und FSF über Projekte und aktuelle Geschehnisse im Umfeld freier Software. Diese Ausgabe widmet sich vollständig den betriebswirtschaftlichen Fragen freier Software und beleuchtet die Debatte von zwei Seiten.

Abbildung 1: Mit Gnucash steht Anwendern ein Finanzprogramm zur Verfügung, das über eine aktive Community und viele Ressourcen im Web verfügt.

Abbildung 1: Mit Gnucash steht Anwendern ein Finanzprogramm zur Verfügung, das über eine aktive Community und viele Ressourcen im Web verfügt.

Die Brave GNU World hat sich schon immer auch als Forum für Programmautoren und interessierte Leser verstanden. Daher freue ich mich über jeden Beitrag, der neue Impulse liefert. So beispielsweise eine Mail von Pascal Maillard, der sich Gedanken über freie Finanzsoftware gemacht hat.

Finanzen und Steuern

Ausgangspunkt seiner Mail war ein Praktikum, das er bei einem Hersteller von Finanz- und Steuersoftware für mittelständische Unternehmen absolvierte. Die Firma vertreibt ein vollständig auf Microsoft ausgerichtetes Portfolio von Eigenentwicklungen. Diese Produkte stellen die Abnehmer anscheinend sowohl in Bezug auf Preis wie auch Leistungsumfang zufrieden. Pascals erste Frage zielt daher in eine bekannte Richtung: Die Kunden dieses Unternehmens – im Wesentlichen Kleinunternehmer und Privatleute – erwerben ein Nutzungsrecht mit Support. Brauchen sie wirklich eine freie Variante der Anwendung? Bedeutet die Möglichkeit des Weiterentwickelns tatsächlich so viel für sie oder erscheint in diesem Fall die Freiheit des Programms nicht als unwesentlich?

Daran knüpft eine weitere Frage an: Hätte ein externer Entwickler ein Interesse daran, dieses Projekt weiterzuentwickeln? In seiner Mail verneint Pascal vor allem die letzte Frage. Der mangelnde Sexappeal der Finanzsoftware und die einfache Möglichkeit, Erweiterungen für proprietäre Software über Addons zu realisieren, stünden dem im Wege. Da die Anforderungen der Software zudem eher Stabilität und Korrektheit seien und viele Kunden alte Computer einsetzten, erwartet er auch keine wesentliche Verbesserungen der Codequalität durch die Arbeit Dritter. Die Freigabe biete daher seiner Ansicht nach Kunden und Allgemeinheit nur geringen Nutzen.

Aussagen über die Attraktivität bestimmter Programme sind jedoch immer mit Vorsicht zu genießen. Freie Finanzverwaltungssoftware existiert mittlerweile in vielen Varianten – von Gnucash [1] (Abbildung 1) bis hin zu SQL Ledger [2] Beide Projekte erfreuen sich eindeutig guter Gesundheit und einer aktiven Entwicklergemeinde rund um den Globus.

Psychosozialer Schaden

Pascals dritte Frage bezieht sich auf den möglichen Schaden für die Gesellschaft durch proprietäre Software. Diese spielt auf die Argumentation von Richard M. Stallman an, der schon häufiger von einem psychosozialen Schaden in Bezug auf die unfreie Software gesprochen hat. Schaden entsteht, weil diese Programme die Nächstenliebe per Lizenz verbieten. So darf ein Anwender beispielsweise wichtige Verbesserungen nicht einfach weiterreichen.

Das Verbot zur Nächtenliebe hält Pascal zwar für abstrakt, erkennt das Problem aber generell an. In seinem speziellen Beispiel hätten die Anwender jedoch ohnehin Support bezahlt und lediglich ein Interesse an einer lauffähigen Software. Zudem sei der Preis dieser Programme extrem fair. Daher zieht er den Schluss, dass der Nutzen freier Software nicht so groß sei wie beispielsweise im Falle des GNU-Projekts. Ihm stehe vielmehr ein erheblicher Nachteil entgegen.

Fragen und Anregungen

Für Ideen, Anregungen und Kommentare zur Brave GNU World steht die Adresse [column@brave-gnu-world.org]zur Verfügung. Die Homepage des GNU-Projekts findet sich unter [http://www.gnu.org]. Georgs Kolumne “Brave GNU World” steht online unter [http://brave-gnu-world.org] und die Initiative “We run GNU” betreibt eine Webseite unter: [http://www.gnu.org/brave-gnu-world/rungnu/rungnu.de.html]

Geschäftsmodelle

Behielte die Firma nämlich nach der Freigabe ihrer Produkte ihr jetziges Geschäftsmodell bei, sieht Pascal die Einnahmen deutlich sinken. Kunden, die Software legal kopieren dürfen, kaufen diese selten weiter beim Hersteller. Auf der anderen Seite ließe sich einwenden, dass auch die eventuell heute kursierende Zahl an illegalen Kopien einer Anwendung die Einnahmen reduziert. Wie viele der regulären Kunden dazu übergehen, die Software von einem anderen Kunden zu kopieren, lässt sich kaum sagen – unter Umständen überlagert der größere Nutzerkreises mit allen Folgeerscheinungen diesen Effekt.

Dem gegenüber steht aber der Gewinn durch den Einsatz von geprüftem und erprobtem Sourcecode aus der Welt freier Software. Allerdings glaubt Pascal nicht, dass dies den gesamten Verlust bei den Einnahmen auffängt, da die Entwickler nur ein kleiner Teil des Unternehmens seien und Einsparungen beim Personal sich daher kompliziert gestalten. Der mögliche Bankrott des Unternehmens belastet dann wiederum die Gesellschaft durch verlorene Arbeitsplätze, verminderte Steuereinnahmen und den Wegfall dieser Software.

Aus diesen Gründen sieht Pascal den Geschäftsführer in der schwierigen Lage, seine Verantwortung gegenüber dem Unternehmen, den Kunden und seinen Aktionären bei der Freigabe noch gerecht zu werden. Ist in diesem Fall der Nutzen der proprietären Software höher? Dient unfreie Software dem Ziel einer besseren Welt also eher? Die Antwort auf beide Fragen ist natürlich ein klares Nein.

Verantwortung

In der Tat liegt es in der Verantwortung des Geschäftsführers, ein Unternehmen für Kunden, Angestellte und Aktionäre erfolgreich zu leiten, was letztlich auch dem Wohle der Gesellschaft dient. Das bedeutet aber nicht, sich nicht zu verändern. Langfristig erfolgreiche Unternehmen erfinden sich meist irgendwann im Laufe ihrer Geschichte neu.

Außerdem entsteht bereits ein Markt für freie Finanzverwaltungen. Zwei Anwendungen kamen schon zur Sprache, aber es gibt viel mehr. Ihr größtes Manko im deutschen Markt liegt dabei zurzeit in der Tatsache, dass die Programmierer mit den spezifisch deutschen Prozessen nicht vertraut sind. Irgendjemand macht sich diese Marktlücke jedoch zunutze und Unternehmen bewältigen Veränderungen besser und mit weniger Problemen, wenn sie derartige Entwicklungen vorwegnehmen.

Oft scheint es außerdem, dass sich die Frage nach dem Wert der Freiheit für normale Nutzer häufig gar nicht stellt. Tatsächlich gibt sich ein Großteil der Anwender damit zufrieden, niemals eine einzige Zeile Programmcode sehen zu müssen. Die Vorstellung, jemanden anzustellen, der diese Arbeit erledigt, erscheint den meisten logisch. Brauchen sie also freie Software?

Nun – Geld ist ein zentrales Werkzeug unserer Gesellschaft, der Mangel an finanziellen Mitteln schränkt die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben extrem ein. Finanzanwendungen betreffen daher einen sehr zentralen Aspekt des menschlichen Lebens und dieses Leben spielt sich zunehmend im digitalen Raum ab. Daher stellt sich natürlich die Frage nach der Privatsphäre. Wie gut schützt beispielsweise Software die Daten vor Einsicht oder Manipulation durch Dritte? Wie sicher sind Anwender vor eingeschleustem Code? Welche Bedrohung geht von einem möglicherweise verärgerter ehemaliger Angestellter aus? Gibt es Hintertüren im Programmcode?

Jede dieser Fragen stellt sich für jede Komponente eines proprietären Systems, denn jede kann die Integrität des Programms verletzen. Die Firma Sony BMG hat dies gerade eindrucksvoll demonstriert, indem sie zu Kopierschutzzwecken versteckten Code in Systeme der Kunden einschleuste [3]. Der unterscheidet sich nicht von einem Trojaner.

Abbildung 2: Schon kleine Geldbeträge helfen dabei, die Entwicklung des freien Grafikprogramms Skencil voranzutreiben.

Abbildung 2: Schon kleine Geldbeträge helfen dabei, die Entwicklung des freien Grafikprogramms Skencil voranzutreiben.

Dazu kommt die Abhängigkeit vom Hersteller: So lange ein Hersteller faire Konditionen bietet und durch Konkurrenz genug unter Druck steht, scheint alles wunderbar. Selbst Microsoft kooperierte eine Zeit lang mit Projekten wie Samba [4]. Das änderte sich erst, als die Firma ein Monopol besaß. Seitdem kämpft sie mit Händen und Füßen dagegen, Informationen zur Interoperabilität zur Verfügung zu stellen [5].

Die Akzeptanz unfreier Lösungen behindert gleichzeitig das Entstehen freier Alternativen, wie auch schon vor zwei Ausgaben in Bezug auf die freien Java-Implementationen berichtet. Der Markt für freie Alternativen schrumpft. Beendet eine Firma die Weiterentwicklung einer Software für Kleinunternehmer, verwandeln sich ohne Alternativen unter Umständen steuerrelevante Daten in proprietären Formaten in Datenschrott.

Neue Geldquellen

Zum Ausgangspunkt zurück: Verhindert also ein möglicher Gewinneinbruch die Freigabe einer Software, sollte die Suche nach alternativen Geldquellen beginnen. Hier sieht Pascal mehrere Möglichkeiten: Spenden, bezahlter Support sowie das Weiterentwickeln über gezielte Feature-Anfragen mit entsprechender Finanzierung. Obwohl er im vorliegenden Fall alle Möglichkeiten verwirft, zeigen andere Beispiele, dass die Finanzierung eines Geschäftsmodells nicht immer auf proprietärer Software aufbauen muss. Die Firma Intevation zum Beispiel ermöglicht es interessierten Anwendern, für das Skencil-Projekt die Arbeitszeit des Entwicklers Bernhard Herzog in kleinen Einheiten zu je zehn Dollar zu kaufen ([6], Abbildung 2).

Das geht schon in Richtung einer bezahlten Weiterentwicklung, die sich daran logisch anschließt. Hier jedoch eine weitere Organisation oder einen Verein zum Verwalten zu gründen ergibt tatsächlich wenig Sinn. Vielmehr bot im Fall von Skencil das Unternehmen selbst diese Möglichkeit an und hielt so zusätzlich das Know-how im eigenen Haus. Wie viel zusätzliche Bürokratie das produziert, hängt allerdings an der Frage, welche Verwaltungsaufgaben sich gut automatisieren lassen.

Straße zum Erfolg

So wäre es prinzipiell möglich, den Nutzern die Roadmap für geplante Entwicklungen online zur Verfügung zu stellen. Die Kunden könnten dann weitere Wünsche hinzufügen, die in die Planung einfließen. Das Abarbeiten der einzelnen Punkte erfolgt in einer durch finanzielle Beiträge gesteuerten Reihenfolge. Kunden garantieren dabei bestimmte Summen für bestimmte Entwicklungen. Wenn die kritische Masse für einen Bereich erreicht ist, setzen die Entwickler diesen Teil um.

Dies Modell eröffnet zusätzlich die Möglichkeit von Einnahmen über eine neue Form von Supportverträgen: Der Abschluss eines solchen Vertrags könnte beispielsweise eine bestimmte Zahl von Bonuspunkten ergeben, die der Nutzer auf die Roadmap verteilen darf, um die Richtung der Entwicklung zu steuern. Denn wer vorher bereit war, für ein bloßes Nutzungsrecht plus Support Geld zu bezahlen, der dürfte für den echten Besitz der Software plus Support und Einfluss auf die weitere Entwicklung erst recht bereit sein zu zahlen. Ein ähnliches Modell – allerdings auf Mitgliedsbasis – diskutieren seit kurzem Michael Hirdes und Robert Lemke von der Typo3 Association [7] für die Weiterentwicklung des gleichnamigen Contentmanagement-Systems (CMS).

Subskriptions-Modelle

Als angenehmen Nebeneffekt dieses Modells können sich zudem Unternehmen die teure Marktforschung sparen, um herauszufinden, was ihre Kunden wünschen: Es existiert ein echter Dialog und davon profitieren beide Seiten. Außerdem eröffnen sich in diesem speziellen Fall noch weitere Möglichkeiten.

Der Wert von Finanzsoftware hängt ganz wesentlich vom Prozesswissen ab. Die Gesetze für Buchhaltung und Steuern befinden sich permanent im Umbruch, selbst die meisten Steuerberater haben Schwierigkeiten, immer über alle Entwicklungen auf dem Laufenden zu sein. Ein Subskriptionsmodell zur automatischen Integration der neuen Regeln böte hier neue Möglichkeiten. (agr)

Infos

[1] Gnucash-Homepage:[http://www.gnucash.org]

[2] SQL-Ledger-Homepage:[http://www.sql-ledger.org]

[3] Sony-BMG-Rootkit: [http://www.sysinternals.com/blog/2005/10/sony-rootkits-and-digital-rights.html]

[4] Samba-Projekt: [http://www.samba.org]

[5] Microsoft gegen EU, Monopolverfahren: [http://fsfeurope.org/projects/ms-vs-eu/]

[6] Skencil-Zeit kaufen: [http://www.nongnu.org/skencil/payments.html]

[7] Typo3-Homepage: [http://typo3.org]

Der Autor

Dipl.-Phys. Georg C. F. Greve beschäftigt sich seit etlichen Jahren mit freier Software und kam früh zu GNU/Linux. Nach Mitarbeit im GNU-Projekt und seiner Aktivität als dessen europäischer Sprecher hat er die Free Software Foundation Europe initiiert, deren Präsident er ist. Mehr Informationen finden sich unter: [http://www.gnuhh.org]

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