In einer Marktwirtschaft würde der Kunde dem Hersteller sagen: Ich brauche dieses Feature – sagen wir dateibasierte Verschlüsselung in einem Filesystem – und ich kaufe dein Produkt nicht eher, als bis Du das implementierst. In einer Planwirtschaft würde die zentrale Plankommission festlegen, dass der Hersteller die Verschlüsselung bis Jahresende einzubauen hat, basta! Andernfalls hat der Direktor beim Parteisekretär anzutanzen. Und in einem Open Source Projekt? Da baut ein Entwickler die Verschlüsselung ganz freiwillig ein. Vorausgesetzt, er verspricht sich davon Spaß oder Ruhm und Ehre und er hat Lust. Aber wenn keiner Bock hat? Dann gibt es diese Verschlüsselung eben nicht. So ist es momentan bei Btr-FS.
Die Marktwirtschaft/Planwirtschaft-Dichotomie sei denkbar, aber auch nicht belegt. Er würde diese Analogie vermutlich nicht verwenden, meint der Professor für Open-Source-Software der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg, Dirk Riehle, gegenüber dem Linux-Magazin. Es gäbe viele wertvolle Open-Source-Projekte, die weder finanziell noch durch Personal von Unternehmen unterstützt würden und dennoch Software lieferten, von denen andere direkt oder indirekt profitierten. OpenSSL sei das bekannteste Beispiel. Die Linux Foundation habe Anstrengungen unternommen, dieses Problem zu lösen, stehe aber auch noch am Anfang.
Darum geht es: Google hat sich Btr-FS angesehen, um es eventuell in Android zu nutzen. Neben anderen meldete Pro-Linux das. Nachdem Btr-FS von Red Hat ausgemustert wurde, könnte es stattdessen also in ein Betriebssystem einziehen, das weltweit seinen Markt dominiert, mit einem
Anteil von fast 90 Prozent. Eine große Sache. Btr-FS hätte aber nur eine Chance, wenn es denn eine dateibasierte Verschlüsselung gäbe, die Google bislang vermisst. Eine Nachfrage auf der Btr-FS-Mailingliste hatte lediglich ein verbales Achselzucken zur Folge: Dass niemand an einer solchen Verschlüsselung arbeite sei teilweise richtig, denn man habe zwar ein paar Vorschläge für Patches erhalten, zu denen gäbe es allerdings Einwände und keiner sei nahe daran, für eine Aufnahme in den Code in Betracht zu kommen. Sind die Btr-FS-Entwickler dabei, eine Chance zu verpennen?
Suse, der größte Beitragende zu Btr-FS, sieht das naturgemäß etwas anders. Es gäbe ja seit einer gefühlten Ewigkeit Verschlüsselung in Btr-FS, meint Matthias Eckermann, Director Product Management Suse Linux Enterprise, gegenüber dem Linux-Magazin. Allerdings nur auf Blockebene, nicht dateibasiert, was, zugegeben, auch wünschenswert wäre. Wenn es aber um den sicheren Betrieb ginge, dann sei ja prinzipiell bereits alles Nötige da, und alles, was noch fehle, sei eine Optimierung, die eben nicht die höchste Priorität habe.
Für Google ist die Optimierung aber ein KO-Kriterium. Beim Festlegen der Prioritäten wiederum wird Suse das letzte Wort haben, schließlich steuerte es in diesem Jahr mehr als die Hälfte aller Commits in der Btr-FS-Entwicklung bei. Und in seine Schwerpunktsetzung fließt dann wiederum auch Marktwirtschaft ein, denn schließlich möchte man Produkte, die Btr-FS enthalten, ja nach Möglichkeit gut verkaufen. Lenkt die unsichtbare Hand am Ende also doch noch alles zum Guten? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Dort, wo Kunden im Zusammenhang mit Btr-FS nicht nur ganze Datenvolumes, sondern auch einzelne Files – nämlich etwa die Logfiles von SAP Hana – verschlüsseln wollten, da hat Suse jedenfalls nicht die dateibasierte Verschlüsselung für Btr-FS forciert, sondern einen eigenen Workaround gebastelt, der eine Festplattenverschlüsselung mit einem zentralen Keyserver kombiniert.
Einen Lösungsvorschlag hat auch Prof. Riehle noch: “Im genannten Beispiel der fehlenden Verschlüsselungsfunktionen in Btr-FS wäre es sicherlich wünschenswert, wenn Google sich selbst engagieren würde, insbesondere, wenn es direkt von den Ergebnissen profitiert.”
Eine gute Gelegenheit bietet sich selten und ist leicht verpaßt. [2]
Feindesliebe
“Wer Open-Source-Software einsetzt, muss auch den Rest seiner Software zu Open-Source machen”, glaubte noch im Jahr 2001 Microsofts damaliger CEO Steve Ballmer zu wissen. “Linux ist ein Krebsgeschwür, das in Bezug auf geistiges Eigentum alles befällt, was es berührt.” Und heute, nicht mehr als anderthalb Jahrzehnte später, setzt dasselbe Unternehmen, dessen oberster Dientsherr einst mit solchen Tiraden die Contenance verlor, nicht nur irgendwelche Open-Source-Software ein, sondern migriert sein Heiligstes, 300 GByte Windows-Quellcode, das Werk von 4000 Entwicklern, auf eine freie Versionsverwaltung, nämlich Git. Linux-Magazin Online meldet das.
Besagte Versionsverwaltung übrigens, muss aus Ballmers Perspektive wie ein wahres Werk des Teufels erscheinen, hat sie doch der Linux-Erfinder höchstselbst geschrieben. Und daran entwickelt Microsoft heute zu allem Überfluss auch noch selber mit, so hat es das Git Virtual File System (GVFS) programmiert und unter MIT-Lizenz als Open Source freigegeben.
Fast nichts ist in der schrift
das mehr vnd schwerer scheint
Als wenn der Herre wil
daß man den feind sol lieben
Daß man den retten sol
der vns sucht zubetrüben
Daß man den gutes thue
die uns gehässig seind. [3]
Rück-Sichts-voll
Jens-Chrtistoph Brendel
[1] Johann Wolfgang von Goethe: aus Faust I
[2] Publilius Syrus: Ausspruch
[3] Johannes Plavius: aus “Liebe den Feind”





